Interview mit der Heidelberger Kirchenpop-Professorin Tine Wiechmann

Alt und Neu im Einklang: Wie Popmusik den Gottesdienst bereichern kann

Aktualisiert am 26.10.2021  –  Lesedauer: 

Heidelberg ‐ Den einen Musikstil für den Gottesdienst gibt es nicht, sagt Kirchenpop-Professorin Tine Wiechmann. Sie macht sich für Vielfalt stark: Auch Popmusik schaffe Gottesbegegnung. Kritisch sieht sie die Gefahr emotionaler Verführung im Evangelikalismus.

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Tine Wiechmann ist Professorin für populäre Kirchenmusik an der evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg. Im Interview spricht sich die Musikerin dafür aus, Polarisierungen zu überwinden und in einen Austausch der musikalischen Stile zu treten. Jenseits des eigenen Geschmacks und konfessioneller Gewohnheiten könne jede Musikrichtung im Dienst Gottes stehen.

Frage: Frau Wiechmann, beim Thema Kirchenmusik denken die meisten an Orgel und Gemeindelieder. Gehört Popmusik in dir Kirche?

Wiechmann: (lacht) Meine Gegenfrage lautet: Warum denn nicht? Kirchenmusik will im besten Falle Gottesbegegnung ermöglichen. Sie will einen stimmungsvollen Rahmen im Gottesdienst schaffen, Momente des Verharrens in einem Gedanken oder Gefühl ermöglichen. Und dafür ist nicht per se die eine Musikform besser oder schlecht geeignet als eine andere. Es geht überhaupt nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen, sondern es geht um Bereicherung oder Ergänzung.

Frage: Wie kommt es dann, dass die klassische Musik im Gottesdienst so viel weiter verbreiteter ist als moderne Formen?

Wiechmann: Das hat etwas mit unserer Historie hier in Deutschland zu tun. Sobald man zum Beispiel christliche Gruppierungen in Amerika betrachtet, sieht das deutlich anders aus. In Deutschland haben wir eine reiche klassische Kirchenmusiktradition. Eine entsprechende Kultur auf der Seite der Popmusik ist bei uns noch im Wachsen. Ich erlebe bei Gottesdiensten und Konzerten immer wieder, dass es dafür auch bei uns eine große Begeisterung gibt. Wir hatten erst kürzlich einen Gottesdienst mit Musik des britischen Pop-Musiker Peter Gabriel. Danach kamen viele Menschen zu uns und erzählten, wie viel ihnen das gegeben hat. In immer mehr Gemeinden gibt es heute auch Gospel- oder Popchöre, in denen sich die Menschen zuhause fühlen.

Frage: Lassen sich diese verschiedenen Formen im Gottesdienst miteinander verbinden?

Wiechmann: Ja, auf jeden Fall. Ein Beispiel kann der Fernsehgottesdienst in der ARD sein, den wir an Pfingsten als Gemeinschaftsaktion mit Studierenden und Dozierenden der Hochschule musikalisch gestaltet haben: Da war vorne unsere Jazz-Band, es waren zwei Organisten und ein Chor beteiligt und die verschiedenen Stilrichtungen haben sich abgewechselt und zum Teil überlagert. Das hat ein ganz vielfältiges Bild dessen abgegeben, was Kirchenmusik sein kann. Ich halte nichts von Polarisierung, die es zwischen den Musikformen häufig gibt, sondern bin sehr für den musikalischen Austausch. Ich liebe und schätze sehr, was meine Kolleginnen und Kollegen klassischerseits machen, und bekomme auch Zustimmung, für das, was ich in meinem Fach mache.

Tine Wiechmann mit Musikern ihrer Jazz-Band
Bild: ©privat

Die Heidelberger Professorin für Kirchenpop Tine Wiechmann (*1986) mit Musikern ihrer Band "Enaim".

Frage: Welche Ausbildungsschwerpunkte gibt es im Bereich populäre Kirchenmusik?

Wiechmann: Die Schwerpunkte sind im Grunde nicht anders als in der klassischen Ausbildung: Zum einen spielt die künstlerische Ausbildung eine wichtige Rolle. Hier kooperieren wir mit der Popakademie in Mannheim, einer sehr renommierten Institution der deutschen Popmusik-Landschaft. Die Studierenden, die ihren Schwerpunkt im Bereich Pop legen, erarbeiten mit ihrer Band einen individuellen und authentischen Ausdruck. Zum anderen geht es viel um gemeindepraktische Kompetenzen. Das sind hier vor allem Bandcoaching, Gemeindebegleitung und Popchorleitung. Natürlich sind die Instrumente andere: Statt Orgel kann als Hauptfach Klavier, Gesang oder Gitarre belegt werden. Außerdem sind bestimmte Fähigkeiten anders gewichtet. Während im Bereich der klassischen Musik das Werk einen höheren Stellenwert einnimmt, beschäftigt sich die Popmusik stärker mit der individuellen Interpretation.

Frage: Eine große Verbreitung hat die Popmusik ja im evangelikalen Milieu. Dort steht sie einerseits für eine unmittelbare und intime Gotteserfahrung, vermittelt andererseits über das teils sehr kämpferische Vokabular aber auch ganz klare Glaubens- und Moralvorstellungen. Wie schaffen Sie es, sich dieser Verführungstaktik zu entziehen?

Wiechmann: Was Sie umreisen, ist tatsächlich ein Problem, gegenüber dem ich kritisch eingestellt bin. Wir haben deshalb auch ein spezielles Seminar, das sich mit soziologischen und theologischen Komponenten von Popmusik in der Kirche auseinandersetzt. Gleichzeitig habe ich durch das gemeinsame Musizieren und das Gespräch in freikirchlichen Gemeinden aber erlebt, dass diese Musik auch eine andere Dimension haben kann. Sie haben von einer Verführungstaktik gesprochen, die ja eine bestimmte Intension voraussetzt, und da würde ich zustimmen: Wenn mit der Musik bewusst Leute emotionalisiert und an Orte geführt werden sollen, an die sie sonst nicht gehen würden, dann ist das gefährlich.

Wenn Menschen aber in diesen Worship-Liedern einen Kraftort finden und dort im Text Dinge entdecken, die sie auch auf anderen Ebenen im Leben schon verhandelt haben, dann kann das etwas sehr Schönes sein. Etwa wenn es darum geht, Gott nahe sein zu wollen. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass Musiker*innen und Theolog*innen hier eng zusammenarbeiten und man die Lieder nicht nur singt, weil man sie so schön findet, und dann erst hinterher auffällt, dass das theologisch nur schwer vertretbar ist.

„Mir ist es wichtig, den Glauben tendenziell als etwas Alltägliches zu verstehen. Dazu gehört für mich persönlich die Musik – aber auch die Sprache und die Wortwahl, die ich nicht von meinem Alltags-Ich trennen möchte.“

—  Zitat: Tine Wiechmann

Frage: Für das heutige Ohr problematische Aussagen finden sich natürlich auch in klassischen Chorälen. Schützt uns da die ästhetische Distanz?

Wiechmann: Sie meinen im Sinne von: Das ist alt, das kann ich getrennt von mir wahrnehmen?

Frage: Diese Distanz dürfte zu einem Barocklied zumindest größer sein als zu einem Popsong.

Wiechmann: Vielleicht haben Sie Recht, dass die Zeit da eine ästhetische Distanz aufbaut. Aber das fände ich eigentlich schade. Denn ich möchte mit der Musik ja ein intensives Erlebnis erzeugen. Und wenn ich "Ein feste Burg ist unser Gott" nur singe, wenn ich mir die zeitliche Distanz vor Augen halte, dann kann diese Berührung nicht zustande kommen. Trotzdem kann ich theologische Aussagen in der Musik in ihrer Zeit betrachten und muss sie nicht rundheraus ablehnen, weil sie nicht mehr zur aktuellen Haltung passt. Kritisch reflektieren und entsprechend einbetten sollte man meiner Ansicht aber Musik von Luther wie von Hillsong.

Frage: Erleichtert die Popmusik den erlebnishaften Zugang, weil sie unserer Alltagswelt näher ist?

Wiechmann: Ich denke, diese Frage wird man persönlich unterschiedlich beantworten. Das kommt ganz darauf an, welche Musik den eigenen Alltag prägt. Es gibt Menschen, für die ist Popmusik etwas sehr Fremdes. Anderen ist sie sehr viel näher, weil sie sie auch zuhause im Radio hören. Gleichzeitig hängt es davon ab, wie viel Fremdes man im Gottesdienst schätzt. Da gibt es vielleicht auch konfessionelle Unterschiede: Wenn ich eine katholische Messe besuche, genieße ich es zum Beispiel, manche Dinge auch bewusst nicht zu verstehen – also eine wohlige Fremdheit in einem vertrauten Rahmen zu erleben. Für meine eigene Konfession ist es mir aber doch wichtig, den Glauben tendenziell als etwas Alltägliches zu verstehen. Wenn ich in einer Kirche Gottesdienst feiere, dann ist das natürlich etwas anderes, als wenn ich zuhause auf dem Sofa liege, aber es gibt verbindende Elemente. Dazu gehört für mich persönlich die Musik – aber auch die Sprache und die Wortwahl, die ich nicht von meinem Alltags-Ich trennen möchte.

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Frage: Sie machen nicht nur Popmusik, sondern komponieren auch zu selbstgeschriebenen Texten. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Wiechmann: Die Basis aller Texte unserer Band "Enaim" sind Bibelstellen. Das kann ein kurzer Abschnitt sein, zu dem mir beim Lesen eine Idee kommt. Manchmal ist auch eine Predigt, die ich gehört habe, der Ausgangspunkt. Und unsere Texte sind dann mal nähere am Bibeltext oder bewegen sich in einem assoziativen Raum darum. Ideen zur Musik kommen mir entweder gleich dazu oder im Austausch mit dem Pianisten unserer Band. Beim Arrangieren zu viert entsteht dann unser Sound. Der ist bei "Enaim" eher intim und bewegt sich zwischen Jazz und Pop.

Frage: Wodurch unterscheidet sich denn christliche Popmusik von weltlicher Popmusik? Sind das nur die Texte oder gibt es auch spezielle Stilmittel?

Wiechmann: Zunächst sind es natürlich die Texte. Was die Stilmittel betrifft, so kann man welche in Subgenres wie zum Beispiel Praise & Worship ausmachen. Es gibt inzwischen aber zu annähernd jedem Bereich der Popmusik ein christliches Pendant wie christlichen Hip-Hop, christlichen Metal und so weiter. Das lässt sich musikalisch schwer zusammenfassen. Einen wirklichen Unterschied, sollten die Rahmenbedingungen machen: Für mich gehört etwa die Ausrichtung auf kommerziellen Erfolg, die weltlichen Musikbranchen maßgeblich prägt, nicht in die Kirche. Genauso wie es mir persönlich auch eher unangenehm ist, wenn im gottesdienstlichen Kontext applaudiert wird. Das ist als Ausdruck einer emotionalen Spannung oder Begeisterung in Ordnung, aber die Idee eines Star-Daseins und die Fokussierung auf Personen ist da meiner Meinung nach fehl am Platz.

Von Moritz Findeisen