Menschen jubeln während eines Konzertes.
Auch Katholiken fühlen sich angezogen

Bekehrung, Bibelfrömmigkeit und Gebet: Evangelikale in Deutschland

Sie setzen auf Emotionalität, pflegen eine lebendige Christusbeziehung und spüren den Heiligen Geist: Evangelikale haben auch in Deutschland zunehmend Erfolg. Gleichzeitig schlägt der Bewegung Skepsis entgegen. Einst wurde sie von der katholischen Kirche gar als Sekte bezeichnet.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 06.02.2020

Eine persönliche, enge Jesusbeziehung, verbunden mit intensivem Glaubensleben und einem Verständnis der Bibel als absolute Autorität — das sind einige Merkmale, die die Spiritualität von Evangelikalen prägen. Die, Bewegung die den USA besonders stark ist, hat inzwischen auch in Deutschland zunehmend Anhänger: Allein unter dem Dach der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) haben sich rund 1,3 Millionen Gläubige zusammengefunden — Tendenz steigend.

Auch Katholiken fühlen sich angezogen

Eine Übersicht über die Landschaft der Evangelikalen in Deutschland zu bekommen, ist allerdings gar nicht so einfach. Eine große Zahl unterschiedlicher Gruppen mit einer weiten Brandbreite von Theologie und Frömmigkeit fällt darunter. "Wenn von den Evangelikalen gesprochen wird, kann sehr unterschiedliches gemeint sein", bringt es Reinhard Hempelmann in einem Info-Flyer auf den Punkt. Er war bis 2019 Referent für Evangelikalismus an der "Zentralstelle für Weltanschauungsfragen" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Unabhängige freikirchliche Bewegungen werden genauso zu Evangelikalen gezählt wie in einem äußerst frommen Ruf stehende Pfingstgemeinden. Die DEA mit Sitz im thüringischen Kleinstädtchen Bad Blankenburg fungiert als übergeordnetes Netzwerk und ist auch Mitglied der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), in der sich die Gläubigen auf internationaler Ebene organisieren. Christen, die sich von evangelikaler Spiritualität angezogen fühlen, kommen aus den evangelischen Landeskirchen, Gemeinschaften, Freikirchen – und auch aus der katholischen Kirche.

Entstanden ist die evangelikale Bewegung im 19. Jahrhundert aus verschiedenen Reformbewegungen der Kirchen der Reformation wie dem Pietismus, der Erweckungsbewegung und dem Methodismus. In den USA bilden evangelikale Christen noch immer die größte religiöse Gruppe überhaupt: Rund ein Viertel der US-Amerikaner gehört einer evangelikalen Gemeinschaft an. Ihr Einfluss reicht bis in die höchsten politischen Ämter: So werden sie etwa vom aktuellen Präsidenten Donald Trump kräftig umgarnt, der im Gegenzug auf Unterstützung bei einer Wiederwahl hofft.  Auch weiter im Süden, in Lateinamerika ist die Bewegung seit Jahrzehnten erfolgreich: "Fast tagtäglich kann man dort sehen, wie der katholischen Kirche Mitglieder davonlaufen, um sich dann den Evangelikalen oder Pentekostalen anzuschließen", sagt Gunda Werner, Professorin für Dogmatik an der Universität Graz. In Argentinien, dem Heimatland von Papst Franziskus, ist beispielsweise der Anteil der Katholiken seit 2008 von 75,5 Prozent auf 62,9 Prozent gesunken, während in der gleichen Zeit der Anteil der Mitglieder von evangelikalen Kirchen von 9 auf 15,3 Prozent stieg.

Ein Christ in den USA.

Dagegen haben sie in Europa bisher einen vergleichsweise geringen Einfluss. Das führt Theologin Werner auf die Aufklärung zurück: "Auf deren doch eher rationalem Nährboden hat es eine so sehr aufs Emotionale ausgelegte Religiosität schwer." Allerdings gibt es auch in Deutschland Gegenden, in denen der Evangelikalismus historisch stark verwurzelt ist. Die Schwäbische Alb in Baden-Württemberg gehört dazu, genauso das Siegerland in Südwestfalen und das Erzgebirge in Sachsen.

Die Spiritualität der Evangelikalen zielt auf ein eher frommes Glaubensleben ab. Ihre Bibelfrömmigkeit bedeutet bisweilen auch eine Ablehnung der historisch-kritischen Bibel-Exegese bis hin zu der Auffassung, dass die Bibel ausschließlich wörtlich zu verstehen ist. Wer evangelikaler Christ ist, wird selten ein "Taufscheinchrist" sein, sondern eher regelmäßig den Gottesdienst besuchen und sich aktiv in seiner Gemeinde engagieren. Auch der Missionsgedanke — das eigene Verständnis des christlichen Glaubens anderen nahe zu bringen — spielt eine wichtige Rolle.

Bei charismatisch-pfingstlichen Bewegungen kommt zudem noch die Erfahrung des Heiligen Geistes hinzu. Ausdruck dessen kann auch die "Glossolalie" sein. So wird das Phänomen bezeichnet, wenn Gläubige wie einst die Apostel unabhängig von der eigenen Sprache "in Zungen reden". "Was sie in solchen Situationen sagen, muss nicht unbedingt sofort verständlich sein. Möglicherweise hört es sich wie ein Stammeln an und bedarf einer Auslegung und Interpretation durch einen Prediger", erläutert Werner.

In moralisch-ethischen Fragen vertreten Evangelikale ähnlich wie die katholische Kirche eher konservative Positionen: Sie treten ein für einen unbedingten Lebensschutz und lehnen Homosexualität als Sünde ab. Aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus engagieren sich Evangelikale aber für sozial benachteiligte Menschen. Frauen haben eine andere Rolle als in der katholischen Kirche: "Da es keine ordinierten Priester gibt, können sie wie Männer Führungspositionen übernehmen und auch Predigerinnen werden", sagt Werner.      

Viele Gläubige erleben die Gottesdienste in evangelikalen Gemeinden deutlich freier und lebendiger als etwa die durchritualisierte römisch-katholischen Liturgie. Evangelikale Gottesdienste finden nicht nur in Kirchen statt, sondern auch in Hallen mit Platz für mehrere Tausend Menschen. So wie evangelikale Gemeinden generell oft auf die Person des Predigers hin ausgerichtet sind, spielt dieser auch im Gottesdienst eine zentrale Rolle: "Predigten bis zu 45 Minuten sind keine Seltenheit", erklärt Werner. Die Emotionen der Gläubigen werden angesprochen: Sie singen und tanzen im Gottesdienst, es spielt eine christliche Band, nicht selten begleitet von moderner Licht- und Tontechnik. "Die Liturgie tritt in den Hintergrund, stattdessen gleicht der Gottesdienst einer Show", so fasst es Michael Utsch zusammen, wie früher Hempelmann Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

Evangelikale Bewegungen richten Wochenenden oder Festivals aus, bei denen sich etwa Jugendliche und Familien für einige Tage treffen und ein gemeinsames Glaubenserlebnis teilen. Beispiele sind das Willow-Creek-Festival, das regelmäßig auch in Deutschland stattfindet und der Jugendkongress "Christival", der das nächste Mal in zwei Jahren ansteht. Solche Veranstaltungen sind oft ökumenisch angelegt.

Auch unter deutschen Katholiken gibt es charismatische Bewegungen, die freikirchliche Elemente aufnehmen und die durchaus stärker werden, erklärt Werner. Dabei stand die katholische Kirche den Evangelikalen lange sehr skeptisch gegenüber: "Sie wurden pauschal als Sekten eingestuft". Doch mit der Zeit lockerte sich der Umgang. 2007 schlugen die Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik im sogenannten Aparecida-Dokument deutlich versöhnlichere Töne gegenüber den Evangelikalen an. Und auch an höchster Stelle hat ein Umdenken eingesetzt. "Die beiden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben evangelikale und charismatische Frömmigkeit innerhalb der katholischen Kirche sehr gefördert", sagt Werner. Aus Sicht von Reinhard Hempelmann spricht gerade die Modernitäts- und Relativismuskritik Benedikt XVI. "vielen Evangelikalen aus dem Herzen", ebenso wie die Fokussierung auf Christus in "vielen seiner Predigten". Die Erfindung der Weltjugendtage durch Johannes Paul II. kann laut den Experten ebenfalls in diesem Kontext gesehen werden: Es handelt sich um eine intensive Zeit, die auch die Emotionalität von Jugendlichen anspricht. Aufgegriffen hat das auch die "Mehr"-Konferenz" des Gebetshauses Augsburg, wo Katholiken und Protestanten gemeinsam Lobpreis feiern.

Die Liturgie tritt in den Hintergrund, stattdessen gleicht der Gottesdienst einer Show.

Zitat: Michael Utsch, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Trotzdem schlägt den Evangelikalen viel Skepsis entgegen. In den Medien würden sie bisweilen "pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt, die gegen Homosexualität, gegen Feminismus und mithilfe exorzistischer Praktiken gegen Dämonen und den Teufel kämpften", schreibt Hempelmann. Eine solche Wahrnehmung werde der Vielfalt der Bewegung aber nicht gerecht. Ähnlich sieht das Reinhardt Schink, Generalsekretär der DEA: Pauschale Vorverurteilungen als "homophob" oder "rechtsradikal" seien nicht zutreffend. So setze sich die DEA für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ein und lehne jede Form von Antisemitismus klar ab. Innovative Ansätze etwa bei der Gottesdienstgestaltung, der Medienarbeit oder in der Jugendarbeit würden von Kritikern nicht gesehen. Die kürzliche Debatte über das Konversionstherapien, die Gesundheitsminister Jens Spahn verbieten will, sieht Schink ideologisch verzerrt: "Es besteht die Gefahr, dass die persönliche Freiheit eingeschränkt wird und homosexuell empfindende Menschen letztlich bevormundet werden", sagt er. "Wir treten dafür ein, dass sich diejenigen auch künftig beraten lassen können, die dies wünschen. Christliche Überzeugungen sollen auch weiterhin öffentlich vertreten werden dürfen. Das Gesetz soll Klarheit schaffen und nicht zu neuen Verunsicherungen oder gar fälschlichen Kriminalisierungen führen."

Wahrscheinlich sind es genau solche Äußerungen, die Theologin Werner stutzen lassen. Trotz aller Versuche der Differenzierung —  manches an der evangelikalen Bewegung findet sie doch problematisch: Die verbreitete Vorstellung von einem zentralen Bekehrungserlebnis etwa führe nicht selten zu einer "Bruchbiografie". Das bisherige Leben werde dadurch abgewertet. "Und das ist für die Identität eines Menschen, der sich vielleicht in der Mitte seines Lebens befindet, doch sehr problematisch." Konversionstherapien unterstellten zudem, Homosexualität sei eine Krankheit und hätten in der Vergangenheit den Betroffenen viel Leid zugefügt. Und die pessimistische Weltsicht mancher Evangelikaler, die die eigene Kirche als Anker in einer schlechten Welt verstünden, passt für Werner "so gar nicht zum doch sehr lebensbejahenden biblischen Schöpfungsbericht". Auch das sogenannte "Wohlstandevangelium", das etwa die bekannte amerikanische Predigerin Joyce Meyer vertritt, ist aus Werners Sicht problematisch: Demnach wird Gott "eifrige" Schäfchen mit materiellem Wohlstand ausstatten. Das heißt aber auch im Umkehrschluss: Wer nicht erfolgreich ist, ist wohl nicht fromm genug.

"Etwas mehr Emotionalität würde sicher nicht schaden"

Diese Züge des Evangelikalismus kennt auch Utsch. Er plädiert dennoch dafür, dass die verfassten Kirchen sich noch stärker als bisher öffnen: "Es muss ja nicht gleich alles Traditionelle über Bord geworfen werden — aber etwas mehr Emotionalität würde sicher nicht schaden", sagt er: "Was ist schlimm daran, im Gottesdienst einmal aufzustehen und ein bisschen zu wippen?" In der Gesellschaft gebe eine große Sehnsucht nach Spiritualität — und darauf sollten Christen gemeinsam eine Antwort finden, statt sich misstrauisch zu beäugen.  

Von Gabriele Höfling