In der Propsteikirche St. Urbanus in Gelsenkirchen-Buer hat seit einiger Zeit ein futuristisches Gebilde Einzug gehalten: Mehrere Kameras an einer Aluminiumtraverse sorgen für eine optimale Übertragung der Gottesdienste im Internet – und das computergesteuert ohne menschliche Regie. Im Interview spricht Propst Markus Pottbäcker darüber, wie die ursprünglich für den Sportplatz konzipierte Anlage in die Kirche kam und welchen Mehrwert er auch über Corona hinaus in der Live-Übertragung von Gottesdiensten sieht.
Frage: Propst Pottbäcker, wie kamen Sie zu der Idee, ein computergesteuertes Kamerasystem in Ihrer Kirche zu installieren?
Pottbäcker: Ich bin in zwei Pfarreien tätig und in St. Augustin hatten wir uns zu Beginn der Pandemie sehr schnell entschlossen, Kameras für den Livestream aufzubauen. In St. Urbanus, über die wir jetzt sprechen, war deshalb die Frage, ob wir noch eine weitere Kirche mit Übertragung brauchen. Dann kam aber ein Freund auf mich zu, der mit dem Kamerasystem bisher in einem völlig anderen Bereich unterwegs war: Es heißt "Soccer Watch" und wurde eigentlich für die Übertragung von Fußballspielen im Amateur-Bereich konzipiert. Das System basiert auf einer künstlichen Intelligenz, die die Spielzüge erkennen und mit der Kamera verfolgen kann. Und da zu der Zeit keine Fußballspiele stattfinden konnten, hat dieser Freund vorgeschlagen, die Technik im Gottesdienst auszuprobieren. Das haben wir natürlich gerne in Anspruch genommen. Der große Vorteil war, dass wir die Gottesdienste so ohne zusätzliches Personal für die Kameraführung und Regie übertragen konnten.
Frage: Zwischen Amateurfußball und Liturgie gibt es große Unterschiede. Ließ sich diese Technik denn eins zu eins auf den Gottesdienst übertragen?
Pottbäcker: Nein, wir sind natürlich nicht so dynamisch wie ein Fußballspiel oder eine andere Sportveranstaltung. Da musste am Anfang schon einiges ausprobiert und angepasst werden. Inzwischen funktioniert es aber sehr gut. Wir übertragen bis heute den Hauptgottesdienst am Sonntag und die hohe Qualität des Livestreams wird sehr positiv aufgenommen.
Markus Pottbäcker ist Propst der Großpfarrei St. Urbanus in Gelsenkirchen.
Frage: Wie funktioniert das konkret? Gibt es mehrere Kamera-Standorte oder verfolgt eine bewegliche Kamera das Geschehen?
Pottbäcker: Das System besteht aus mehreren Kameras, die aber zu einer Einheit zusammengefasst sind. Diese habe wir an einer Traverse seitlich in der Kirche installiert. Die Kameras zeichnen aus verschiedenen Winkeln gleichzeitig auf und der Computer entwirft daraus ein einheitliches Bild. Dadurch entsteht eine besonders hohe Auflösung und es können verschiedene Objekte fokussiert werden. Es gibt allerdings keine Kamerabewegungen, sondern wir haben uns für ein Standbild des Chorraums entschieden.
Frage: Sie haben schon die Anpassung des Systems an die eher statischen Begebenheiten in der Kirche erwähnt. Gab es umgekehrt auch Überlegungen, die liturgischen Abläufe an die Technik anzupassen?
Pottbäcker: Ja, das gab es zunächst auch. Wir haben überlegt, ob wir manche Wege vielleicht verkürzen oder verändern müssen. Von einem großen Einzug ist bei einer Totalen auf den Chorraum etwa wenig zu sehen. Wir haben uns aber letztlich dagegen entschieden, denn es geht ja nicht in erster Linie um die Übertragung, sondern um den Gottesdienst vor Ort. Unser Zugang ist die feiernde Gemeinde und da können wir nicht die Fernsehkriterien der großen Gottesdienste von ARD oder ZDF anlegen. Aber das was wir machen, können wir mit dem System in sehr guter Qualität machen.
Frage: Wie wurde das Projekt denn finanziert?
Pottbäcker: Das erste halbe Jahr wurde uns das System zunächst probeweise zur Verfügung gestellt. Und nach dieser Erfahrungszeit haben wir uns im Kirchenvorstand überlegt, wie es sich weiter finanzieren lässt. Die Anschaffungskosten waren nicht über die Maße hoch, dazu kommt noch ein kleinerer laufender Betrag für die technische Betreuung und die Bereitstellung der Übertragung. Und da haben wir uns schnell dafür entschieden, weil die Resonanz einfach sehr gut war. Deshalb wollen wir das Angebot auch fortsetzen.
Ich habe an Ostern spaßeshalber in der Predigt gesagt, dass jetzt vielleicht einige gemütlich mit einem Kaffee auf dem Sofa sitzen. Und danach haben mich tatsächlich zwei Personen angerufen und gesagt: Du hast uns erwischt.
— Propst Markus Pottbäcker
Frage: In der Theologie wird derzeit diskutiert, inwiefern Livestreams den Gang in die Kirche ersetzen können und ob sie auf Dauer nicht den Gottesdienstbesuch gefährden. Haben Sie keine Sorge, dass die Gläubigen lieber zuhause bleiben, wenn die Übertragung zu gut ist?
Pottbäcker: (lacht) Ich habe an Ostern spaßeshalber in der Predigt gesagt, dass jetzt vielleicht einige gemütlich mit einem Kaffee auf dem Sofa sitzen. Und danach haben mich tatsächlich zwei Personen angerufen und gesagt: Du hast uns erwischt. Insofern muss man natürlich schon damit rechnen, dass Menschen zuhause bleiben, und es gibt bei dem Thema berechtigte Nachfragen. Wir haben aber im Laufe der Zeit festgestellt, dass es auch Effekte gibt, die wir vorher überhaupt nicht im Blick hatten und die sehr dafür sprechen, das Angebot fortzusetzen. Auch jenseits von Corona gibt es Menschen, die aufgrund von Krankheit oder zu großer Distanz nicht zum Gottesdienst kommen können und die den Bezug zur eigenen Kirche nicht verlieren wollen. Ein wichtiges Beispiel sind Gottesdienste für Verstorbene. Viele ältere Gläubige können durch die Internetübertragung an solchen Gottesdiensten teilnehmen. Das ist ein großer Gewinn, dass wir diesen Menschen das Mitfeiern ermöglichen können. Das Gleiche gilt bei Hochzeiten oder Taufen, wo die Verwandten zu weit weg wohnen, um vor Ort teilzunehmen. Wir haben in der Zeit auch interaktive Gottesdienstformen gefeiert, die liefen dann allerding über Zoom-Konferenzen und nicht mit dem Kamerasystem in der Kirche. Da kann man sicher auch noch vieles ausprobieren.
Frage: Gab es von den Gläubigen Berührungsängste mit der neuen Technik – etwa nach dem Motto: Künstliche Intelligenz gehört nicht in die Kirche?
Pottbäcker: Nein, in diese Richtung habe ich nichts gehört. Es gab die eine oder andere kritische Stimme zur Aufstellung der Kameras. Die Traverse, die an einer Säule zum Seitenschiff steht, ist natürlich schon ein gewisser Fremdkörper. Das ist aber nur eine vorläufige Lösung und wir sind mit der Denkmalbehörde im Gespräch, wie eine dauerhafte Anbringung aussehen kann. Wir haben außerdem abgeklärt, dass die Gläubigen, die im vorderen Bereich der Kirche sitzen, damit einverstanden sind, dass sie möglicherweise im Bild erscheinen. Berührungsängste mit der digitalen Welt sind mir da nicht begegnet. Überhaupt glaube ich, dass wir einem allmächtigen Gott auch zutrauen können, dass er die künstliche Intelligenz erschaffen hat. Er findet überall Wege, um seinen Segen zu den Menschen zu bringen.