Forderung nach transparenter und angemessener Anerkennung des Leids

Betroffene kritisieren Missbrauchsaufarbeitung in evangelischer Kirche

Aktualisiert am 07.11.2021  –  Lesedauer: 

Berlin/Bremen ‐ Anlässlich des Beginns der EKD-Synode gibt es scharfe Kritik von Missbrauchsopfern an der evangelischen Kirche: Die Maßnahmen zur Bekämpfung seien bislang völlig unzureichend. Zudem würden Anerkennungszahlungen durch "Tricksereien" gering gehalten.

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Betroffene haben die Aufarbeitung von Missbrauch in der evangelischen Kirche als völlig unzureichend kritisiert. Sie fordern eine unabhängige Aufarbeitung. Für Missbrauchsopfer habe sich in den vergangenen Jahren auf Ebene der Landeskirchen "nichts oder nur wenig geändert", erklärte Katharina Kracht am Sonntag. Sie und andere Betroffene äußerten sich mit Blick auf die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Kracht gehörte dem Betroffenenbeirat der EKD an, den diese im vergangenen Mai wegen verschiedener Konflikte ausgesetzt hatte. Sie und andere Betroffene äußerten sich im Vorfeld der Synode, die an diesem Sonntag beginnt und am Montag das Thema sexualisierte Gewalt behandeln will. Zudem soll dort ein neuer Rat gewählt werden.

Keine Möglichkeit zur Vernetzung

Die Betroffenen beklagten eine mangelnde Partizipation und zu wenig Unterstützung bei der Bildung von Netzwerken. Während die katholische Kirche sich einem hohen öffentlichen Druck ausgesetzt sehe, versuche die evangelische Kirche weiter "den Mythos" zu verbreiten, es handele sich um Einzelfälle.

Kracht betonte, die Aussetzung des Beirats sei einseitig und gegen den Willen der Mehrheit geschehen. Betroffene wollten eine "reale, angemessene, transparente und nachvollziehbare Anerkennung ihres Leids". Dies werde aber durch die von der EKD eingesetzte Musterordnung nicht geleistet. Stattdessen versuchten die Landeskirchen, die "ausgezahlten Summen durch Trickserei gering" zu halten, indem Betroffene unter Druck gesetzt würden und sie etwa ein institutionelles Versagen nachweisen müssten.

Linktipp: Missbrauch: Evangelische Kirche regelt Leistungen für Betroffene neu

Anerkennungsleistungen für Betroffene sexualisierter Gewalt sollen auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland einheitlich geregelt werden. Dafür wurde nun eine sogenannte Musterordnung veröffentlicht.

Betroffene dürften nicht so willkürlich der Täterorganisation ausgesetzt werden, wie das geschehen sei, so Kracht weiter. Zudem gebe die evangelische Kirche Opfern von Missbrauch nicht die Möglichkeit, sich zu vernetzen, obwohl ihnen dies zugesagt worden sei. Die Bedingungen, unter denen die Betroffenen an der Synode beteiligt würden, seien mehr als fragwürdig. So hätten sie ihre Beiträge zuvor "zum Gegenlesen" abliefern müssen.

Der Betroffene Henning Stein forderte eine unabhängige Aufarbeitung. Es müsse eine Art Wahrheitskommission eingesetzt werden. Die evangelische Kirche versuche stets, die Kontrolle zu behalten und könne deshalb eine solche Aufarbeitung nicht leisten. Zudem müsse der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, Betroffene darin unterstützten, sich zusammenzuschließen.

Rörig selbst hatte den Umgang der EKD mit Betroffenen zuletzt ebenfalls kritisiert. Derzeit gebe es noch keinen partnerschaftlichen Umgang mit ihnen, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Die neue EKD-Leitung sollte die Bekämpfung und Aufarbeitung von Missbrauch künftig zur Chefsache machen. Er sprach sich dafür aus, dass die Synode einen unabhängigen Beauftragen einsetzen solle, bei dem der Betroffenenbeirat angesiedelt werden könnte. Durch die Aussetzung des Beirats sei etwa die Erarbeitung einer "Gemeinsamen Erklärung" zur Aufarbeitung ins Stocken geraten, die die katholische Kirche vor einem Jahr unterzeichnet hatte.

Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

"Wir sind noch nicht so weit gekommen, wie wir wollten", so der scheidende EKD-Ratsvorsitzende Heinrich-Bedford-Strohm zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche.

Unterdessen zeigte sich auch der scheidende EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erneut unzufrieden mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche. "Wir sind manchen Schritt vorangekommen, aber dennoch muss ich an dieser Stelle auch selbstkritisch sagen: Wir sind noch nicht so weit gekommen, wie wir wollten", sagte Bedford-Strohm am Sonntag in seinem letzten Ratsbericht vor der Synode der EKD. Dabei zeigte sich der bayerische Landesbischof auch offen für eine Beteiligung Dritter, etwa des Staates, an der Aufarbeitung. "Wir sind mitten in einem umwälzenden Lernprozess, nichts weniger, und es liegt noch ein langer Weg vor uns", sagte Bedford-Strohm. "Ein Weg, bei dem wir verstärkt auf Unterstützung von außerhalb der Kirche hoffen."

Zudem sprach sich Bedford-Strohm für eine "Verbreiterung der gesellschaftlichen Diskussion" über Missbrauchsfälle aus. Dennoch stünden die Kirchen mit Recht im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: "Zu groß ist die moralische Fallhöhe, wenn das mit sexualisierter Gewalt verbundene Unrecht in einer Institution geschieht, deren ureigener Auftrag es ist, das Doppelgebot der Liebe zu leben – Gott lieben und den Nächsten und die Nächste lieben."

Viel zu oft sei das mit sexueller Gewalt verbundene Unrecht in den eigenen Reihen nicht gesehen worden, "oder man wollte es nicht sehen", räumte der Ratsvorsitzende ein. Wichtig sei es nun, den Weg der Aufarbeitung weiterzugehen. "Dass es etwa gelingt, aus dem gescheiterten ersten Anlauf einer Betroffenenbeteiligung zu lernen und gemeinsam mit den betroffenen Menschen eine neue Form der Partizipation zu entwickeln, in der ihre kritischen Impulse noch stärker zu Veränderungen in unserer Institution führen." (mal/KNA)

7.11., 12:50 Uhr: Ergänzt um Bedford-Strohm.