"Akt blinder Zerstörungswut und des Kulturbruchs"

Kirche in Stuttgart verwüstet – Tatverdächtiger festgenommen

Aktualisiert am 06.12.2021  –  Lesedauer: 
Kirche in Stuttgart verwüstet – Tatverdächtiger festgenommen
Bild: © KNA

Stuttgart ‐ Mehr als 20 Fenster mit teils bedeutender Glasmalerei wurden zerstört, Bänke aus der Verankerung gerissen, Bücher durch den Kirchenraum geworfen: Stuttgarts Oberbürgermeister spricht von blinder Zerstörungswut. Inzwischen gibt es einen Verdächtigen.

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Nach der Verwüstung der evangelischen Johanneskirche in Stuttgart ist ein 37-jähriger Tatverdächtiger festgenommen worden. Er steht im Verdacht, in der Nacht zum Samstag massive Zerstörungen in dem Gotteshaus angerichtet zu haben, wie die Polizei am Montag mitteilte. Der Schaden wird auf mehrere zehntausend Euro geschätzt. Eine Passantin hatte den Angaben zufolge am Samstag die Polizei verständigt, weil ein Mann andere Personen am Feuersee belästigt haben soll. Er habe kurz zuvor die Kirche verlassen. Die Beamten trafen den Störer zwar nicht mehr an, registrierten aber bei ihrem Besuch vor Ort die Schäden innerhalb der Kirche.

Am Sonntag ging dann bei weiteren Ermittlungen am Tatort ein Mann an der Johanneskirche vorbei, auf den die Personenbeschreibung vom Vortag zutraf. Die Polizei kontrollierte den 37-Jährigen und fand mehrere elektronische Geräte, die mutmaßlich von einer Baustelle am Feuersee stammten. Er wurde festgenommen. Weitere Recherchen legen nahe, dass der Mann in der Nacht zum Samstag an der Haltestelle Feuersee randaliert hat. Unter anderem soll er einen Bauzaun in den Gleisbereich geworfen haben und einen Feuerlöscher aus einer S-Bahn sowie Werkzeuge von einer Baustelle gestohlen haben. Zudem steht er im Verdacht, sich kurz vor Mitternacht in einer S-Bahn am Hauptbahnhof vor einer Frau entblößt zu haben. Am Montag wurde er einem Haftrichter vorgeführt.

Der mutmaßliche Täter demolierte in der Nacht zum Samstag in der Johanneskirche mehr als 20 Fenster mit zum Teil hochwertiger Glasmalerei. Der Eindringling brach Schränke auf, warf eine Schranktüre von der Empore in den Kirchenraum und riss Bänke aus der Verankerung. Des Weiteren wurden Regale umgeworfen und Gesangbücher durch die Kirche geschleudert. Der Täter versprühte zudem den Inhalt eines Feuerlöschers. Gemeindepfarrer Christoph Dinkel sagte, Besucher hätten sich erschüttert gezeigt, dass "ihre" Kirche so einer Zerstörungswut ausgesetzt gewesen sei.

"Akt blinder Zerstörungswut und des Kulturbruchs"

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) sprach von einem "Akt blinder Zerstörungswut und des Kulturbruchs". Er verurteile diesen "Akt der Finsternis mitten im Advent". Mit Abscheu reagierte der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, auf die Zerstörungen. Es handele sich um einen "Akt exemplarischer Dummheit", erklärte July auf der Internetseite der Landeskirche. Die Verwüstung sei "widerwärtig": "Ich fordere den oder die Täter auf: Kehrt um. Entschuldigt euch. Helft die Schäden zu beseitigen. Stellt euch", appellierte der Landesbischof.

Auch der katholische Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes verurteilte die Tat. "Aus welchen Gründen auch immer das gemacht wurde: Es ist widerlich anzugreifen, was anderen heilig ist", schrieb Hermes am Montag auf Facebook. "Unser Mitgefühl und unsere Soldarität gilt der Johannesgemeinde und allen evangelischen Geschwistern." Die Johanneskirche im Stuttgarter Westen wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in neugotischem Stil erbaut. Auffällig ist ihr Turm, dem die Spitze fehlt. Er wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs mangels Geld nicht mehr vollständig wiedererrichtet und dient als Mahnmal für den Frieden. (tmg/epd/KNA)

6.12., 11:50 Uhr: Ergänzt um Landesbischof und Gemeindepfarrer. 13:25 Uhr: Ergänzt um Hermes. 15:20 Uhr: Ergänzt um Verdächtigen.