Vertrag für unabhängige historische Untersuchung unterzeichnet

Churer Bischof hofft auf Aufbruch durch Missbrauchsstudie

Aktualisiert am 07.12.2021  –  Lesedauer: 

Chur ‐ Erst spät hat die Schweizer Kirche eine Studie zur Missbrauchsaufarbeitung in Auftrag gegeben. Nun geht es los. Der zuständige Bischof Bonnemain hofft auf Transparenz und Aufklärung – auch wenn eigene Verfehlungen ans Licht kommen könnten.

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Der Churer Bischof Joseph Bonnemain hofft darauf, dass die Missbrauchsstudie für die Schweizer Kirche dazu führt, dass sich bisher unbekannte Betroffene bei der Polizei, Opferhilfestellen oder Behörden melden. Im Interview mit dem Schweizer Portal kath.ch (Dienstag) betonte der Leiter des Fachgremiums "Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld" der Schweizer Bischofskonferenz, dass es bei der am Historischen Seminars der Universität Zürich angesiedelten Studie darum geht, alle Missbrauchstaten offenzulegen und zu untersuchen. Das gelte auch für seinen eigenen Verantwortungsbereich. Bonnemain, vor seiner Bischofsweihe Offizial des Bistums, war ab 1981 an der Churer Kurie für das bischöfliche Geheimarchiv zuständig. "Es könnte sein, dass ich auch mal falsch gehandelt habe – und wenn das so ist, dann muss ich mit den Konsequenzen leben. Aber mein Gewissen ist ruhig", so der Bischof. Er kämpfe seit Jahren dafür, dass alles auf den Tisch komme und sei sich bewusst, dass es um Dinge gehe, für die er mitverantwortlich sei.

Bonnemain äußerte sich anlässlich der Unterzeichnung des Vertrag für das "Pilotprojekt zur Erforschung der Geschichte sexueller Ausbeutung im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz", die am Montag von der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), der Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und der Konferenz der Vereinigung der Orden und weiterer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens (KOVOS) bekanntgegeben wurde. Die kirchlichen Spitzenorganisationen haben damit der Universität Zürich den Auftrag erteilt, die Geschichte der sexuellen Ausbeutung im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu erforschen. Ein Forschungsteam des Historischen Seminars der Universität soll mit der Studie eine Grundlage für künftige Forschungsprojekte schaffen. Der Vertrag schließt Einflussnahme durch die Auftraggeber und Dritte aus. "Die Auftraggeberinnen sind überzeugt, dass es diese Unabhängigkeit braucht, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen", so die Mitteilung. Deshalb solle die Pilotstudie auch aufzeigen, wie den Stimmen der Opfer in künftigen Studien Rechnung zu tragen sei. Die Arbeit soll im März 2022 nach Zusammenstellung des Forscherteams beginnen, bis zum Sommer 2023 soll die Studie vorliegen. Alle beteiligten Einrichtungen haben den Forschern freien Zugang zu Akten und Archiven garantiert.

Bereits im Juni hatte die SBK die Studie angekündigt. Dass es in der Schweiz erst jetzt zu einer derartigen Aufarbeitung kommt, erklärte Bonnemain nun gegenüber kath.ch mit der Struktur des "Dualen Systems" der Schweizer Kirche, in der neben den kirchlichen Bistümern die staatskirchenrechtliche Struktur der Landeskirchen besteht und so zusätzlicher Dialogbedarf vorherrsche. Darin bestehe auch eine Besonderheit, der sich die Studie widmen werde: "Wir haben verschiedene Orte von Verantwortung – je nach Bistum und Kanton ist das anders geregelt. Nicht nur die Bischöfe und Seelsorgenden tragen bei uns Verantwortung, sondern vielerorts sind die lokalen Kirchgemeinden Anstellungsbehörden", so Bonnemain, der in der SBK seit 2002 in der Kommission "Sexuelle Übergriffe in der Pastoral" mit der Thematik befasst ist. (fxn)