Standpunkt

Warum mich die Kirche "mütend" macht – und was daraus folgen muss

Aktualisiert am 10.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Für die Kirche hat auch das Jahr 2022 mit schlechten Schlagzeilen begonnen. Anna Grebe macht der Zustand der Kirche "mütend", also gleichzeitig müde und wütend. Doch sie hat eine Idee, wie mit dieser Ohnmacht umgegangen werden muss.

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Ich möchte ehrlich mit Ihnen sein, liebe Leserinnen und Leser: Es fiel mir selten so schwer wie heute, einen Kommentar für diese Rubrik zu verfassen. Nicht nur, weil sich diese Pandemie auch nach fast zwei Jahren alles andere als normal anfühlt. Meine derzeitige Nicht-Motivation basiert auf der Anzahl und Taktung der Schlagzeilen des noch jungen Jahres: Papst Franziskus beklagte, dass Paare immer häufiger gewollt kinderlos bleiben und sich angeblich lieber Haustiere anschaffen; das ist nicht nur schmerzvoll für ungewollt kinderlose Paare, sondern auch eine dreiste Aussage für jemanden, der selbst keine Kinder hat. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick findet das sogenannte "Blackfacing" bei Sternsingern nicht problematisch und wiederholt so rassistische Narrative. Und: Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, noch einen Überblick über die unzähligen grausamen Missbrauchstaten, die gerade ans Licht kommen und von denen mal wieder keiner etwas gewusst habe will? Ob in Köln, in Trier, in München, in Irland, Frankreich oder Kanada: Das Leid ist unermesslich. Und es höret nimmer auf.

Statt motiviert bin ich mütend. Das ist eine Mischung aus müde und wütend. Mütend, weil unsere Kirche derzeit eher durch Ignoranz und Gewalt von sich reden macht und sich dann auch noch im Zuge dessen selbst zum Opfer medialer Kampagnen stilisiert. Mütend, weil wir Ehrenamtlichen uns permanent verteidigen müssen, weshalb wir überhaupt noch in diesem Laden mitmachen. Mütend, weil die Kirche spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie ihre eigene Totenmesse gesungen hat. Das liegt nicht an den Gläubigen, sondern an den Männern in kirchlichen Führungspositionen, bei denen sich der Transformationsschmerz über eine sich rasant verändernde Welt in Schwäche niederschlägt.

Ich könnte Ihnen jetzt etwas über christliche Hoffnung erzählen, die uns mit der Geburt Christi geschenkt wurde. Aber wer von uns die Nachfolge Christi ernst nimmt, der spürt: Nach "mütend" muss etwas anderes kommen, um die Ohnmacht zu bekämpfen. Es braucht eben jene Radikalität, mit der Jesus die Händler vor die Tür des Tempels von Jerusalem gesetzt hat: einen ernstgemeinten Angriff auf die kirchlichen Autoritäten und das System, das sie aufrecht erhalten wollen.

Von Anna Grebe

Die Autorin

Dr. Anna Grebe ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie Mitglied im Diözesanrat des Erzbistums Berlin und arbeitet als Beraterin und Referentin an der Schnittstelle von Jugendarbeit und Politik.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.