Betroffener hatte polnische Diözese im vergangenen Jahr verklagt

Bistum will wissen, ob Missbrauchsopfer schwul ist – Entschuldigung

Aktualisiert am 14.01.2022  –  Lesedauer: 

Gniezno ‐ Janusz Szymik wurde von einem Priester missbraucht und hat deswegen eine polnische Diözese verklagt. Die wollte aber feststellen lassen, ob Szymik schwul ist und deshalb den Missbrauch "genossen" habe. Jetzt hat sich das Bistum dafür entschuldigt.

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Eine polnische Diözese hat sich bei einem Missbrauchsbetroffenen entschuldigt, weil sie bei einem Gericht seine sexuelle Orientierung feststellen lassen wollte mit der Maßgabe, ob er bei dem Missbrauch Vergnügen empfunden habe. Man wolle den entsprechenden Brief an das Gericht nun ändern, heißt es in einer Stellungnahme des Bistums Bielsko-Zywiec, über die die Nachrichtenagentur "AP" am Donnerstag berichtete. "Wir entschuldigen uns bei Janusz und allen, die entrüstet wurden", so die Diözese.

Der heute 48-jährige Janusz Szymik wurde in den 1980er-Jahren als Messdiener missbraucht. Er hatte das Bistum im vergangenen Jahr verklagt und verlangt 660.000 Euro Entschädigung. Der beschuldigte Priester Jan W. hat die Taten zugegeben und wurde 2015 von der vatikanischen Glaubenskongregation verurteilt.

In einem Brief an das Gericht hatte das Bistum nun gefordert, dass ein Gutachter die sexuelle Orientierung Szymiks feststellen sollte und ob er "Befriedigung in der intimen Beziehung zu Pfarrer W. gezeigt" oder "materielle Vorteile" daraus gezogen hätte. Die polnische Nachrichtenseite "Onet" hatte zuerst über den Fall berichtet.

Kritik an Bistum

Von der Polnischen Bischofskonferenz kam Kritik an der Vorgehensweise der Diözese. "Die sexuelle Orientierung oder die Art, wie ein Kind auf Missbrauch reagiert, kann kein Argument gegen den Betroffenen sein und die Verantwortung des Täters mindern", sagte der Leiter der Abteilung für Kinderschutz bei der Bischofskonferenz, Piotr Studnicki, am Mittwoch. "Es muss jedem klar sein, dass ein Kind nie für erlittene Gewalt Verantwortung trägt."

Szymik zeigte sich von dem Bistums-Brief überrascht. Bischof Roman Pindel habe ihm in der Vergangenheitie Mitgefühl gezeigt und um Vergebung gebeten. Und nun wolle Pindel beweisen, dass alles freiwillig geschehen sei und er davon profitiert habe, so Szymik gegenüber dem Nachrichtensender TVN24.

Die katholische Kirche in Polen, lange nicht zuletzt durch ihre Rolle während der kommunistischen Herrschaft eine moralische Autorität im Land, hat durch die Aufdeckung von Missbrauchsfällen viel Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Vor allem junge Polinnen und Polen hätten sich von der Kirche entfernt, sagte zuletzt der Gnieznoer Erzbischof und polnische Primas Wojciech Polak. (cph)