Eine ältere Frau sitzt alleine in der Kirchenbank
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Die Glaubenskrise verschärft sich

"Schmerzliche Tatsache ist, dass viele Christen bei dem stürmisch erfolgten Übergang zu einer neuen Lebensform und Arbeitsweise die Verbindung mit der Kirche verloren und ihr religiöses Leben aufgegeben haben." Mit diesen dramatischen Worten beschrieben die deutschen katholischen Bischöfe vor 50 Jahren, am 29. August 1962, die Lage der Kirche in Deutschland auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Bonn - 27.09.2012

Es war die Zeit der beginnenden, noch schleichenden Glaubenskrise in Westeuropa, die sich - etwa in Deutschland - in allmählich sinkenden Zahlen von Gottesdienstbesuchern und in einem Anstieg der Ehescheidungen bemerkbar machte. Schon damals riefen die Bischöfe die Katholiken auf, zum Glauben zurückzukehren: "Halten wir in der lauten Hetzjagd nach den Gütern dieser Welt ernsthaft inne, um die Stimme Gottes zu vernehmen!"

Anlass für das Schreiben war die bevorstehende Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965). In dieser Versammlung aller katholischen Bischöfe in Rom wollte die Kirche einen Weg finden, ihren fast 2.000 Jahre alten Glauben so zu formulieren und zu vertiefen, dass er für die Zeitgenossen wieder anziehend und einladend werden konnte. Es ging darum, die zunehmende Entfremdung vieler Menschen vom christlichen Glauben und von der Kirche nicht nur aufzuhalten, sondern sie umzukehren. Kirche und Moderne sollten einander entdecken und ergänzen, statt sich voneinander abzugrenzen.

Keine echte Annäherung an die moderne Welt

Tatsächlich veränderte das Konzil vieles in der Kirche, doch eine echte Versöhnung zwischen moderner Welt und Kirche erreichte es nicht. Ein Indiz: Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging auch nach dem Konzil zurück. Besonders stark war der Niedergang sogar ausgerechnet in den Jahren unmittelbar nach der radikalen Modernisierung der Liturgie, für die das Konzil den Anstoß gegeben hatte. Den Trend, dass der Anteil der getauften Katholiken, die sonntags zur Messe gehen, seit 1950 kontinuierlich abnimmt, konnten die Reformen nicht aufhalten: Die Quote der Kirchgänger sank von etwa 50 Prozent im Jahr 1950 auf inzwischen 12 Prozent (Stand 2011).

Gottesdienstbesucher in Deutschland nach Angaben der Pfarreien und Bistümer.
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Gottesdienstbesucher in Deutschland nach Angaben der Pfarreien und Bistümer.

Auch die regionalen Unterschiede sind aufschlussreich. Den höchsten Anteil an Messbesuchern verzeichnen die ostdeutschen Bistümer, wo die Katholiken eine kleine Minderheit bilden und innerkirchliche Modernisierungen zurückhaltend erfolgten (mit Görlitz im Osten an der Spitze, wo noch fast ein Viertel der Katholiken jeden Sonntag zur Messe gehen). Vergleichsweise gute Werte verzeichnen auch die ländlicheren Bistümer Bayerns. In den eher liberal-katholischen Gegenden des Südwestens und des Rheinlandes hingegen liegen die Zahlen unter dem Bundesdurchschnitt.

So verwundert es nicht, dass die deutschen Bischöfe etwa 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil abermals dramatisch zur Lage der Kirche und des Glaubens äußern: "Der Wandel der Lebensverhältnisse stellt viele Selbstverständlichkeiten in Frage – gerade auch unseres religiösen Lebens und gewachsenere Traditionen. Gewohntes und bislang Tragendes bricht weg, oft in erschreckendem Ausmaß."

Offen sprechen die Bischöfe von einer Krise, verbinden dies aber mit der Bemerkung, dass Krisen auch "besondere Gnadenzeiten" sein können: "Sie lenken den Blick auf das Wesentliche. Sie rufen zur Besinnung und zu neuer Entschiedenheit, gerade auch angesichts von Mutlosigkeit und Resignation."

Das Zweite Vatikanische Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil fand vom 11. Oktober 1962 bis 8. Dezember 1965 statt. Es wurde von Papst Johannes XXIII. einberufen und zielte auf pastorale und ökumenische Erneuerung der katholischen Kirche.

Diese Sätze mit einer Stimmungslage zwischen Furcht und Hoffnung formulierten die Bischöfe am 17. März 2011 in einem Text mit dem Titel: "Im Heute glauben". So lautet das Motto eines auf fünf Jahre angelegten "Gesprächsprozesses", durch den die Oberhirten ihre verunsicherte Kirche aus der Krise führen wollen.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Reformkonzil scheint die Krise dramatisch zugespitzt, die Kirche uneins. Die Bischöfe schreiben: "Wir sehen die reale Gefahr, dass wir uns in unserer Kirche so zerstreiten, dass Brücken abgebrochen und bestehende Einheit aufgegeben werden."

Der Papst setzt auf Gespräche

Obwohl die Glaubenskrise und die daraus resultierenden Flügelkämpfe nicht überall in der katholischen Weltkirche so dramatisch sind wie in Deutschland, hat Benedikt XVI. von Oktober 2012 an ein weltweites "Jahr des Glaubens" für die Kirche ausgerufen. Dabei stimmt die globale Analyse des Papstes in vielen Punkten mit dem überein, was seine deutschen Amtsbrüder diagnostizieren. In seinem Apostolischen Schreiben "Porta fidei" vom Oktober 2011 spricht auch er von einer "tiefen Glaubenskrise, die viele Menschen befallen hat".

Als Gegenmittel fordert er die Bischöfe auf, die Grundlagen des Glaubens, wie sie im Katechismus der Katholischen Kirche 1992 verbindlich festgeschrieben wurden, den Gläubigen wieder nahezubringen. Und auch der Papst setzt - unter anderem - auf Gespräche. Im Oktober sollen, fast genau 50 Jahre nach der Konzilseröffnung, rund 300 Bischöfe aus aller Welt im Rahmen der Bischofssynode beraten. Zentrales Thema ist die "Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens".

Das sperrige Wort der Neuevangelisierung hatte Papst Paul VI. (1963 – 1978) geprägt, als er zehn Jahre nach dem Ende des Konzils die Einsicht formulierte, dass – allen Annäherungsbemühungen an die Moderne zum Trotz - der Bruch zwischen Evangelium und Kultur noch immer "das Drama unserer Zeitepoche" sei. In seinem vielbeachteten Schreiben "Evangelii nuntiandi" rief er damals, 1975, dazu auf, das Evangelium auch dort neu zu verkünden, wo es einst über Jahrhunderte eine "christliche Kultur" geprägt hatte, in der Moderne aber an den Rand gedrängt zu werden drohte.

Die Neuevangelisierung unterscheidet sich vom historisch vorbelasteten Begriff der Missionierung, der verwendet wurde, um die nicht immer gewaltfreie Ausbreitung des Glaubens in Ländern zu beschreiben, die zunächst von Heiden oder Andersgläubigen bevölkert waren.

Einladung an Sinnsuchende

Von Neuevangelisierung sprechen die deutschen Bischöfe nicht – obwohl auch sie an das Schreiben von Paul VI. und den Satz vom "Drama unserer Zeitepoche" erinnern. Ihre Zielvorgabe für den Gesprächsprozess ist bescheidener. Sie wollen dem Gottesglauben in einer zunehmend atheistischen Umwelt mehr "Substanz und Profil" geben, sie wollen die Gottesdienste "spiritueller und einladender" für Sinnsuchende machen und bei alledem die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils als "hilfreiche Orientierung" annehmen. Der Katechismus der Katholischen Kirche kommt in ihrem Dokument "Im Heute glauben" nicht ausdrücklich vor.

Der Papst hingegen will die im Katechismus enthaltenen Inhalte neu verkündet wissen und das Konzil, das nach seiner Überzeugung vielfach als ein Bruch in der Kirchengeschichte missverstanden wurde, neu zur Geltung bringen: Aus seiner Sicht geht es nicht um den Beginn eines neuen Zeitalters in der Kirche, sondern um "normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition der Kirche."

Nur so könne das Konzil "eine große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche sein". Es solle "intensiver über den Glauben nachgedacht werden". Dieser müsse auch bekannt werden, "damit jeder, das starke Bedürfnis verspürt, den unveränderlichen Glauben besser zu kennen und an die zukünftigen Generationen weiterzugeben."

Dass es 50 Jahre nach dem Konzil gerade bei dieser Weitergabe an die nächste Generation hakt - und zwar nicht nur in Westeuropa, sondern in fast allen Erdteilen - war eine der überraschenden Erkenntnisse einer internationalen Umfrage unter Bischöfen. Diese Erhebung fließt ein in die Bischofssynode im Oktober, die den Auftakt für das weltweite "Jahr des Glaubens" bildet. An diesem Punkt können die drei deutschen Bischöfe, die an der Synode in Rom teilnehmen, ihre zum Teil schon dramatischen Erfahrungen mit der Glaubenskrise aus ihren Bistümern Freiburg, Osnabrück und Limburg in die weltkirchliche Debatte mit einbringen.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)