Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 12

Melchior Cano: Der theologische Schatzsucher

Aktualisiert am 27.02.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Wo finden sich bedeutsame Argumente für theologische Diskussionen? Natürlich in der Bibel und der Tradition – doch da gibt es mehr, war Melchior Cano überzeugt. Fabian Brand stellt den Denker vor, der die Theologie an neue Orte führte.

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Melchior Cano wurde vermutlich im Jahr 1509 in Tarancón, in der spanischen Provinz Cuenca, geboren. Über seine Herkunft ist wenig gesichertes bekannt; sein Vater übte wahrscheinlich den Beruf des Juristen aus und hatte aufgrund seiner gehobenen Position gute Kontakte zum spanischen Königshof. Im Jahr 1521 beginnt für Melchior Cano die Zeit der akademischen Ausbildung: Er fängt an der Fakultät in Salamanca das Studium an, zwei Jahre später tritt er in den dortigen Konvent des Dominikanerordens ein. Geprägt ist diese Studienzeit vor allem von seinem Lehrer Francisco de Vitoria. Mit ihm zieht in Salamanca eine neue Art des Theologietreibens ein: War es bisher üblich, die Sentenzen des Petrus Lombardus zu kommentieren, griff de Vitoria auf Thomas von Aquin zurück und entwickelte seine Theologie von dessen Schriften ausgehend. Mit dem Wechsel von Petrus Lombardus hin zu Thomas von Aquin war eine Wende innerhalb der katholischen Theologie vollzogen, die prägend sein sollte für die folgenden Jahrhunderte. In diesem Klima vollzog Melchior Cano die ersten Schritte in der theologischen Wissenschaft.

Einen Wechsel für Cano begründete das Jahr 1531: Er zog von Salamanca nach Valladolid, wo er schon kurz darauf eine Lehrtätigkeit im Fach Philosophie aufnahm. Bereits nach wenigen Jahren wechselte Cano auf einen theologischen Lehrstuhl, ehe er 1542 nach Alcalá berufen wurde. Doch auch diese Tätigkeit währte nicht lange, denn 1546 ging er als Nachfolger von Francisco de Vitoria zurück nach Salamanca. Widmete sich Cano zunächst noch der Kommentierung des Sentenzenbuches des Petrus Lombardus, wendet er sich später zunehmend den Schriften des Aquinaten zu und macht ihn zur Grundlage seiner theologischen Vorlesungen.

Im Auftrag Seiner Majestät des Kaisers

Am 30. Dezember 1550 ereilt Melchior Cano ein neuer Ruf: Er soll als Berater von Kaiser Karl V. am Konzil von Trient teilnehmen. Ein gutes Jahr nimmt der Theologe an den Beratungen des Konzils teil, wo er sich auch mehrmals mit einschlägigen Beiträgen zu Wort meldet. Besonders im Bereich der Sakramententheologie bringt sich Cano ein, jenem theologischen Traktat, zu dem Cano zuvor in Salamanca bereits intensiv gearbeitet hatte. Die Arbeit, die Melchior Cano auf dem Trienter Konzil geleistet hatte, scheint Kaiser Karl V. durchweg überzeugt zu haben. Immerhin schlägt er Cano nach dessen Rückkehr nach Spanien zum Bischof der Kanarischen Inseln vor; im September 1552 erhält er von Papst Julius III. die Ernennung zu diesem Amt. Doch so ganz scheint Cano dieser Wechsel nicht behagt zu haben: Zwar empfing er die Bischofsweihe, doch trat er sein Amt nie offiziell an. Vielmehr reichte er schon ein Jahr nach seiner Ernennung beim Papst die Resignation auf das erteilte Mandat ein. Auch seine Professur in Salamanca legte Cano zeitnah nieder.

Bild: ©picture-alliance/akg-images

Das Tridentinische Konzil dauerte von 1545 bis 1563. Der Kupferstich von Claudy aus dem Jahr 1565 zeigt eine Sitzung der Kirchenversammlung in der Kathedrale von Trient.

Seine weiteren Lebensstationen führen ihn wieder zurück in die Konvente des Dominikanerordens: Zunächst kommt er nach Piedrafita, dann nach Valladolid und schließlich wiederum nach Salamanca, wo ihm das Amt des Priors übertragen wird. Weiterhin einflussreich bleibt Cano allerdings am spanischen Königshof: Nach dem Tod von Kaiser Karl V. avanciert Cano zum theologischen Berater des neuen Herrschers Philipp II. Allerdings wird ihm diese Tätigkeit schon bald zum Verhängnis: Als der spanische Kaiser gegen den Papst Krieg führt und Cano ein theologisches Gutachten über die Frage der Rechtmäßigkeit dieser Auseinandersetzung vorlegen soll, stellt sich Melchior Cano auf die Seite seines Landesherren. Das Verhältnis zu Papst Paul IV. wird dadurch zunehmend angespannt und entlädt sich, als Cano zwei Mal die römische Bestätigung zu seiner Wahl zum Provinzial versagt wird.

Eine folgenschwere Entscheidung

Im Jahr 1558 erfolgt ein Ereignis, das vor allem für die spätere Beurteilung von Melchior Cano entscheidend sein wird: Von der römischen Inquisition wird Cano aufgefordert, ein Gutachten über den Erzbischof von Toledo zu verfassen, dessen christlicher Katechismus unter dem Verdacht steht, zu stark vom Humanismus beeinflusst zu sein. Das Prekäre an dieser Situation: Bartolomé Carranza, der Erzbischof von Toledo, ist ebenfalls Mitglied des Dominikanerordens und somit ein Ordensbruder von Melchior Cano. Doch Letzterer scheut nicht zurück, in seinem Gutachten das Werk seines Ordensbruders zu verurteilen, woraufhin dieser bis zu seinem Tod im Jahr 1576 im Gefängnis zubringen muss.

Eine Inquisition
Bild: ©Erica Guilane-Nachez/fotolia.com

Auch Ordensmänner mussten sich Befragungen durch die Inquisition stellen.

Als Paul IV. gestorben ist, erhält Cano auch endlich die langersehnte Bestätigung aus Rom, durch die seine Wahl zum Provinzial offiziell ratifiziert wird. Doch die Freude darüber währt nur kurz: Denn noch im selben Jahr stirbt Melchior Cano am 30. September 1560 in Toledo.

Insgesamt lässt sich das theologische Wirken von Cano nur von seinem Kontext her verstehen, in dem dieses eingebettet war. So lebte Cano zu einer Zeit, die in Spanien rückblickend als "Goldendes Zeitalter" bezeichnet wird; Wohlstand und Reichtum sowie ein weitreichender Einfluss der spanischen Krone zeichneten diese Jahre aus. Theologisch waren sie vor allem von einem Erstarken der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten und einer inhaltlichen Hinwendung zum Thomismus geprägt. Jedoch spielte auch der Humanismus eine entscheidende Rolle: Besonders an der Universität von Salamanca werden die Ideen des Humanismus zunehmend rezipiert und für die Theologie fruchtbar gemacht.

Aufbruch zu neuen Erkenntnisorten

In diesem Umfeld entsteht auch das theologische Hauptwerk von Melchior Cano, welches zum Zeitpunkt seines Ablebens allerdings noch unveröffentlicht ist: Es trägt den Titel "De locis theologicis libri duodecim" und bietet einen Neuentwurf der theologischen Methodenlehre. Worum geht es Cano darin? Zunächst steht Cano ganz in der Tradition der Fakultät von Salamanca: Dort wurde seit de Vitoria die Summa theologiae des Thomas von Aquin kommentiert und zu einer Fundstelle von Argumenten für den theologischen Diskurs. Solche Fundstellen für Argumente, man könnte sie auch als "Argumentationsnester" bezeichnen, gibt es in der Theologie mehrere: die Bibel, die Kirche, der Papst oder die Kirchenväter. Melchior Cano zählt sieben dieser Argumentationsnester auf und bezeichnet sie als "loci theologici proprii", also als jene Orte, die der Theologie eigen sind. Daneben führt Cano aber noch weitere Orte auf, die für den theologischen Diskurs von Bedeutung sein können: Er nennt sie "loci theologici alieni", also fremde Orte. Darunter versteht er zum Beispiel die Philosophie, die Vernunft oder die Geschichte. Cano bricht mit seiner Darstellung aus dem Binnenbereich der Theologie aus und wagt den Blick auf ein Außen, das für den theologischen Diskurs aber ebenso bedeutsam ist. Er sagt, dass die fremden Orte nicht weniger Autorität besäßen, als jene Orte, die gewissermaßen fest zum Proprium der klassischen Theologie gehören. Damit bricht sich eine neue Arbeitsweise der Theologie Bahn: Es rückt nicht nur das Außen der eigenen Erkenntnisordnung in den Blick, sondern markiert auch Pluralität, da es diese Argumentationsorte gemäß Cano immer nur im Plural gibt.

Freilich gerät die theologische Methodenlehre, die Cano vorlegt, vor allem im Blick auf die Ekklesiologie zunehmend aus dem Blickfeld. Markant sind die Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils, die den Papst als einzigen für die Theologie relevanten Ort in den Mittelpunkt rücken. Die neuzeitliche Cano-Rezeption setzt dann in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum ersten Vaticanum an und wird vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einschlägig.

Von Fabian Brand