Thomas von Aquin: Universalgelehrter mit teils umstrittenem Ruf
Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 2

Thomas von Aquin: Universalgelehrter mit teils umstrittenem Ruf

In der Theologiegeschichte kommt man an einem nicht vorbei: Thomas von Aquin. Er gehört zu den größten Gelehrten des Mittelalters und prägte die Theologie nachhaltig – dabei hat er nicht nur eine positive Rezeption erfahren. Doch schon zu Lebzeiten war er es gewohnt anzuecken.

Von Fabian Brand |  Bonn - 28.01.2021

Man kann nicht in die Theologiegeschichte blicken, ohne einen Namen zu erwähnen, der für sie bis heute von besonderer Bedeutung war: Thomas von Aquin. Von manchen als "Doctor Angelicus", als engelsgleicher Doktor verehrt, stellt er doch eine streitbare Persönlichkeit dar. Denn kein anderer hat die Theologie so nachhaltig geprägt wie er und dabei nicht nur eine positive Rezeption erfahren.

Thomas wurde vermutlich im Jahr 1225 auf Schloss Roccasecca in der Nähe des italienischen Aquino geboren. Sein Vater war Graf Landulf von Aquino, seine Mutter entstammte einer neapolitanischen Adelsfamilie; Thomas wurde in eine Familie geboren, die vor allem durch ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum kaiserlichen Hof durchaus Einfluss in der damaligen politischen Situation besaß. Wie üblich, sollte ein Nachkomme einer adligen Familie ein geistliches Amt übernehmen. Daher wurde Thomas bereits mit fünf Jahren zum Oblaten der Benediktinerabtei Montecassino, deren Ursprung auf den heiligen Benedictus von Nursia zurückgeht. Dort war ein Onkel von Thomas seinerzeit als Abt tätig. Bis zum vierzehnten Lebensjahr genoss Thomas in der Abtei eine Erziehung, die ganz auf der Regel des heiligen Benedictus fußte. Gerne hätte die Familie ihren Sohn als Nachfolger des Abtes gesehen, doch schon 1239 verließ Thomas das Kloster und wurde nach Neapel geschickt, um an der dortigen Universität das Studium generale zu absolvieren. Die Zeit in Neapel war für Thomas wegweisend: Einerseits kam er über seine Lehrer, besonders über Petrus von Hibernia, in einen ersten Kontakt mit den philosophischen Schriften des Aristoteles. Und andererseits lernte er den Predigerorden kennen, der von Dominikus 1215 als Bettelorden gegründet worden war. 1243 trat Thomas in den Orden ein, freilich gegen den Willen seiner Familie, die seinen Platz im Orden des Benedictus gesehen hatte. Die Grundzüge des Predigerordens, die Verkündigung des Evangeliums und die Lehre der Theologie wurden fortan zu den beiden Grundpfeilern von Thomas‘ Leben. Zunächst sandten ihn die Ordensoberen nach Rom, doch schon auf dem Weg dorthin wurde Thomas überfallen und zurück auf die Burg Roccasecca gebracht, wo er gegen seinen Willen von der Familie gefangen gehalten wurde. Erst als Thomas mehrfach beteuerte, im Predigerorden bleiben zu wollen, ließ ihn die Familie wieder frei.

Der heilige Thomas von Aquin (1225-1274).

1245 ging Thomas nach Paris, wo er unter anderem bei Albertus Magnus studierte. Mit diesem zog er schließlich auch nach Köln, wo Thomas 1248 die Priesterweihe empfing. Nach einer Assistentenzeit bei Albertus Magnus kehrte Thomas 1252 nach Paris zurück, wo seine Aufgabe darin bestand, die Sentenzen des Petrus Lombardus zu kommentieren. Fünf Jahre später wurde er zum Professor in Paris bestellt, ehe er bereits 1259 nach Rom ging und unterschiedliche Aufgaben in der Lehre und an der Kurie wahrnahm. Gut zehn Jahre später, 1269, kehrte Thomas nach Paris zurück; dieser Aufenthalt dauerte nur drei überschaubare Jahre. Ein Konflikt mit dem Predigerorden zwang Thomas, 1272 wieder nach Neapel zurückzukehren. Hier sollte er in den folgenden Jahren eine theologische Akademie des Dominikanerordens gründen, wozu es allerdings nicht mehr kam. Denn schon 1274, als Thomas von Papst Gregor X. zum Unionskonzil nach Lyon entsandt wurde, starb er auf dem Weg im Kloster Fossanova. Die Umstände seines Todes am 7. März 1274 scheinen mysteriös gewesen zu sein: Unterschiedlichen Berichten zufolge habe Karl I. von Anjou die Finger im Spiel gehabt, angeblich wurde Thomas mit vergiftetem Konfekt ermordet. All das gehört freilich ins Reich der Spekulationen.

Schnelle Heiligsprechung

Schon 1323 wurde Thomas von Papst Johannes XXII. heiliggesprochen, 1567 erhob man ihn zum Kirchenlehrer. Seine Gebeine ruhen heute in Toulouse in der Kirche des Dominikanerklosters Les Jacobins.

Von Anfang an war Thomas in die großen Konflikte seiner Zeit hineingestellt: Einerseits war durch die Geburt in eine politisch einflussreiche Familie mit einem gewissen Anspruch versehen, in den Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser klar Stellung zu beziehen. Andererseits war es genau jener Konflikt, der ihn weg von einem Leben in benediktinischem Geist und hin zu seiner neuen Heimat, dem Predigerorden, führte. Doch dieser Bettelorden war vor allem eines: Gegenpol zur Prunk- und Prachtentfaltung einer Kirche, was vor allem durch den Papst gefördert wurde. Die Aufgabe, die Thomas im Orden fortan wahrnahm, bestand nicht aus Politik oder der Ausübung von Herrschaft; Thomas sollte das Evangelium in Predigt und Lehre verkündigen.

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Wusste dieser Mann zu viel? Kaum etwas, das der Volksglaube Albertus nicht zutraute: magische Beschwörungen, brodelnde Zaubertränke und weissagende Sterndeutung. Heute wird der Dominikaner als Kirchenlehrer und Patron der Naturwissenschaftler verehrt.

Die Theologie des Thomas ist vor allem durch seine Wiederentdeckung der Schriften des Aristoteles bestimmt. War zuvor theologisch vor allem Augustinus die Autorität in den unterschiedlichen Diskursen, griff Thomas auf den griechischen Philosophen zurück und formulierte von ihm ausgehend seine theologischen Traktate aus. Der Einfluss von Albertus Magnus, dem Lehrer aus Paris, war hier maßgeblich gewesen: Er selbst war Wegbereiter des christlichen Aristotelismus, der vor allem in der mittelalterlichen Theologie eine große Rezeption erfuhr. Zuvor war Aristoteles wegen seines heidnischen Ursprungs in theologischen Diskursen umstritten gewesen. Das Ziel von Thomas war es nun, das philosophische Weltwissen, das er bei Aristoteles begründet sah, mit dem christlichen Glauben in Beziehung zu bringen und die Inhalte des Glaubens durch die philosophische Begründung vernunftgemäß darzulegen.

Neuer Aufschwung im 19. Jahrhundert

Die vielen theologischen Schriften, die Thomas hinterlassen hat, sind sehr vielfältig: Nicht nur die Bücher der Heiligen Schrift, sondern auch die Werke des Aristoteles hat Thomas sehr umfangreich kommentiert. Daneben liegen seine Hauptwerke vor: Die "Summa contra gentiles", die "Summa Theologiae", sowie sein Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus. Außerdem hat Thomas eine Vielzahl an Quaestiones hinterlassen: In ihnen beschäftigt er sich mit jeweils einer bestimmten Frage, die er in mehreren Artikeln systematisch diskutiert. Argumente und Gegenargumente werden so von Thomas vorgelegt, gegeneinander abgewogen und auf ihre Plausibilität hin überprüft. Die Summen spiegeln jene Disputationspraxis wider, in den Akademien zur Zeit des Thomas vorherrschend war; mitunter entstammt auch ein Teil seiner Disputationen der akademischen Lehrpraxis.

Die Rezeptionsgeschichte der Theologie des Thomas von Aquin ist durchaus nicht unumstritten. Nach seinem Tod wurde seine Theologie zunächst mehrfach verurteilt, erst 1309 wurde der Thomismus im Predigerorden verbindlich. Vor allem Figuren wie Johannes Capreolus und Thomas de Vio Cajetan waren prägend in der Verbreitung des Thomismus in der Barockzeit. Neuen Aufschwung erlangte die Theologie des Thomas mit dem 19. Jahrhundert; besonders Papst Leo XIII. war ein Förderer des Neuthomismus und machte ihn für die katholische Theologie dieser Zeit wieder salonfähig. Freilich besaß dieser Neuthomismus seine offene Flanke darin, dass er sich selbst als katholische Philosophie verstanden hatte und sich damit zunehmend von der Einheit aus Theologie und Philosophie isolierte. Prominente Theologen wie Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar oder Gottlieb Söhngen versuchten dahingehend, diese Abgrenzungstendenzen aufzubrechen und aus einer kritischen Perspektive mit der Theologie des Thomas zu arbeiten. Bis heute hat Thomas jedenfalls einen festen, wenn auch teils umstrittenen Platz in der Theologie.

Von Fabian Brand