Schwester Jakoba Zöll über das Sonntagsevangelium

Jesus der Provokateur?

Aktualisiert am 29.01.2022  –  Lesedauer: 
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Olpe ‐ Mit seinen Verbalangriffen schafft es Jesus, selbst seine handzahme Heimatgemeinde in einen wütenden Mob zu verwandeln. Was soll das für eine Bibelerzählung sein, lieber Evangelist Lukas? Schwester Jakoba Zöll schaut hinter die Kulissen – und entdeckt eine sorgfältig geplante Agenda.

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Impuls von Schwester Jakoba Zöll

In der lukanischen Variante dieses gängigen Motivs von der Ablehnung Jesu in seiner Heimat irritiert mich jedes Mal aufs Neue, dass es keinesfalls unverschämte Zuhörende sind, die zur Eskalation führen. Es ist Jesus selbst, der die Menge provoziert und ihnen alles Mögliche unterstellt. Und das alles nur, um die Heimatgemeinde so richtig auf die Palme zu bringen und am Ende einen coolen Abgang durch den wütenden Mob hinzulegen?

Weder sympathisch noch wirklich glaubwürdig als Botschaft Jesu.

Lukas stellt die Erzählung ganz an den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu, sie ist der Auftakt für alles, was danach kommt. Unsere Perikope lässt sich also als Programm für das gesamte Wirken Jesu verstehen. Der Evangelist versucht bereits hier, das gesamte Leben Jesu anzudeuten und bindet zugleich ein theologisches Thema seiner Zeit mit ein.

Zunächst einmal wird foreshadowing betrieben, indem Lukas' Jesus der eigentlich ganz handzahmen Menge bereits vorwirft, was diese noch gar nicht wissen kann: Nämlich dass die begeisterte, ihm zugewandte Stimmung in weniger als drei Jahren vollständig umschlagen wird und ihn ans Kreuz nagelt. Unter diesem Kreuz wird dann einer aus der Menge spotten "Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte" (Lk 23,35). Auf diesen Spott weist der lukanische Jesus hin, wenn er hier das Sprichwort "Arzt, heile dich selbst" zitiert. Die Wunder, auf die die Menge angeblich neidisch sein soll, hat Jesus zum Zeitpunkt unserer Perikope noch gar nicht gewirkt. Auch hier ein deutliches foreshadowing darauf, dass seine Wunder nicht nur gut ankommen werden, sondern genauso Zwietracht und Hass säen werden.

Mit den beiden alttestamentlichen Verweisen auf Rettungsgeschichten durch den Gott Israels außerhalb des Volkes Israel scheint ein theologisches Anliegen des Lukas durch. Er ist der Überzeugung, dass Jesus nicht nur zum Volk Israel gekommen ist, sondern als Messias aller Menschen, egal ob Juden oder Heiden. Das ist ihm so wichtig, weil er selbst vermutlich einer mehrheitlich heidenchristlichen Gemeinde angehörte, für die er auch sein Evangelium verfasst. Für die lässt er Jesus bereits ganz zu Beginn seines Wirkens klarstellen, dass er für alle Menschen gekommen ist. Ganz genau wie der Gott Israels schon vorher Heil außerhalb Israels gebracht hat.

Vielleicht kann uns der Text heute einladen, bei allen Geschichten, die wir im Laufe des Jahreskreises lesen, das Kreuz nicht aus dem Blick zu verlieren. Nicht als Drohfolie, aber vielleicht als beeindruckende und unvorstellbar liebe-volle letzte Konsequenz aller dieser Einzelgeschichten. Und dass wir dieses Heilsgeschehen als Kirchen und als Gläubige nicht für uns allein gepachtet haben.

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 4,21–30)

In jener Zeit begann Jesus in der Synagoge von Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?

Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.

Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.

Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.

Die Autorin

Schwester Jakoba Zöll ist Novizin bei den Olper Franziskanerinnen. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an Ihrer Promotion.

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Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.