Standpunkt

Erzbischof auf Abruf?

Aktualisiert am 28.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Kardinal Marx bleibt im Amt – und doch stellt er sein Amt zur Disposition, und zwar auf ganz neue Weise in synodaler Rückbindung. Das kann ihm dringend nötige Autorität verschaffen, kommentiert katholisch.de-Redakteur Felix Neumann.

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Noch einmal hat Kardinal Reinhard Marx nicht seinen Rücktritt angeboten, obwohl das von ihm beauftragte Missbrauchsgutachten sein Fehlverhalten dokumentiert. Er wolle sich nicht aus dem Staub machen, er klebe aber auch nicht an seinem Stuhl, sagte er am Donnerstag. Auch ohne formellen Rücktritt zeigt er sich quasi als Erzbischof auf Abruf: "Wenn es hilfreich ist", wolle er seinen Dienst weiter tun, und sich dahingehend auch von seinen Beratungsgremien kritisch hinterfragen lassen: "In einer synodalen Kirche werde ich diese Entscheidung nicht mehr mit mir alleine ausmachen."

Das abgelehnte Rücktrittsgesuch aus dem Vorjahr und die Bestärkung des Papstes, weiter an der Aufarbeitung zu arbeiten, und zwar weiterhin als Erzbischof von München, haben dem Kardinal anscheinend Rückenwind gegeben. Das heißt aber auch: Jetzt muss er liefern. Immer neue Schleifen von neuen Enthüllungen und neuem Bedauern sind noch kein Ausweg aus der selbstverschuldeten Missbrauchskrise. Erste Kommentare zur Münchner Pressekonferenz bemerken bereits, dass trotz der umfangreichen Maßnahmen, die in München schon umgesetzt wurden oder in Planung sind, die Aussagen zu Opferentschädigung und zur Bewertung des Handelns seines Vorgängers, des heutigen Altpapstes Joseph Ratzinger, doch etwas dünn wirkten – und sie monierten, dass weiterhin der Erzbischof den Amtsverbleib mit sich allein und allenfalls dem Papst ausmachen würde.

Das Misstrauen aus der Gesellschaft und bei den Betroffenen selbst angesichts von weiteren Äußerungen von Scham, Erschütterung und Betroffenheit ist groß. Deutlich hat Kardinal Marx auf die systemischen Ursachen von Missbrauch hingewiesen, die man nun nicht mehr leugnen könne. Er selbst sei auch Teil dieses Systems, die Bemühungen des Synodalen Wegs zielten auf eine Lösung. Zum System gehört auch, dass bisher kein Bischof, der aufgrund von Gutachten seinen Rücktritt angeboten hat, sein Amt verloren hat. Das führt auch Marx fort.

Dennoch: Bei allen Zweifeln hat der Kardinal sich nun selbst so positioniert, dass er besonders frei agieren kann. Dass er sein Amt bei päpstlichem Rückenwind zugleich unter synodalen Vorbehalt gestellt hat, ist nur scheinbar eine Schwächung. So ein Vorbehalt ist der Kirche eigentlich systemfremd: Bisher hatte nur der Papst etwas mitzureden. Wenn Marx nun schon nicht aus eigener Kraft das Amt niederlegt, schafft er doch eine neue Dynamik durch eine synodale Rückbindung des Amtsverbleibs. Das kann ihm möglicherweise eine neue Autorität verleihen, aus der er wirksam ins Handeln kommen und das von ihm beklagte "System" aufbrechen kann. Er muss es nur tun.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.