"Wir brauchen auch die kritischen Geister"

Kardinal Marx bittet Kirchenmitglieder nicht auszutreten

Aktualisiert am 03.02.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Münchens Kardinal Reinhard Marx appelliert an die Menschen, nicht voreilig aus der Kirche auszutreten. Es brauche auch "die Fragenden, die Zweifelnden, die Verärgerten". Zugleich stellt er sich die Frage: "Wie soll man Bischof sein in dieser Zeit?"

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Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat an all jene appelliert, die derzeit darüber nachdenken, die Kirche zu verlassen. Sie sollten dies nicht voreilig tun. "Wir brauchen auch die kritischen Geister, wir brauchen die Suchenden, die Fragenden, die Zweifelnden, die Verärgerten sowie die, die nachdenken und beten können – beides", sagte Marx am Mittwochabend im Münchner Liebfrauendom anlässlich des Festes Darstellung des Herrn, auch Mariä Lichtmess genannt.

Zugleich aber stelle sich für ihn die Frage, "wie soll man Bischof sein in dieser Zeit?", räumte der Kardinal ein. Seiner Ansicht nach kann es keine Lösung sein, vor den Herausforderungen zu fliehen. Stattdessen wolle er "ein synodaler Bischof sein", das heiße, "noch gemeinschaftlicher im Miteinander der Kirche" den bevorstehenden Weg gehen.

"Licht muss hinein in die Dunkelheit!"

Erneut betonte Marx, wie wichtig die Aufklärung des geschehenen Missbrauchs in der Kirche sei. "Licht muss hinein in die Dunkelheit!" Obwohl dieser Prozess "auch schmerzhaft sein" könne, gelte es dankbar zu sein, "dass dieses Licht da ist und dass wir es befördern". Dabei wies der Kardinal auf die Notwendigkeit hin, dieses Licht hineinzutragen "in die Realitäten des Lebens und der Kirche" sowie dahin zu schauen, "wo Dunkelheit und Finsternis ist, und das auch zu benennen".

Diese Herausforderung wolle er auch persönlich annehmen, so Marx. Es gelte angesichts der Erkenntnis, dass "Menschen in der Gemeinschaft der Kirche Unheil erfahren, Angst, Unterdrückung, Ausbeutung, Gewalt, Missbrauch an Körper und Seele", deutlich dagegen anzugehen "auf allen Ebenen, nichts zu verschweigen"

Zuletzt hatte eine Umfrage ergeben, dass im Jahr 2021 in den größten Städten Deutschlands wesentlich mehr Menschen aus einer christlichen Kirche ausgetreten sind als im Vorjahr. In Köln stieg demnach die Zahl der Austritte prozentual am stärksten an, mehr als 19.000 Gläubige verließen eine Kirche, was einem Anstieg von 178 Prozent im Vergleich zu 2020 entspricht. München verzeichnete mit einer Zahl von mehr als 22.000 Menschen die meisten Kirchenaustritte der 15 untersuchten Großstädte. Die Austrittszahlen sind nicht nach Konfessionen aufgeschlüsselt. (tmg/KNA)