Standpunkt

Sollten wir alle aus der Kirche austreten?

Aktualisiert am 14.02.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Kann es in der Kirche nur zu Veränderungen kommen, wenn alle Katholiken aus ihr austreten? Oder fehlt es dann an denen, die noch für Reformen kämpfen? Simon Linder fordert dazu auf, keiner Seite Vorwürfe zu machen – "Es geht nur gemeinsam."

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In einer Umfrage der "Zeit" Ende Januar erklärten 61 Prozent der Befragten, Katholik*innen sollten wegen der neuesten Entwicklungen aus der Kirche austreten. Häufig heißt es: Würden nur genug Menschen austreten, würde sich der Druck auf die Kirchenoberen verstärken und es könnte endlich zu systemischen Veränderungen kommen. Viele derjenigen, die bleiben wollen, kontern dann: Wenn wir gehen, wer kämpft dann noch für Reformen? Veränderung geht nur von innen!

Allerdings haben diejenigen, die fürs Bleiben werben, keine Antwort auf die Frage, warum es in den vergangenen Jahrzehnten trotz großen innerkirchlichen Drucks nicht zu entscheidenden Reformen kam. Und von den 61 Prozent, die zum Austritt auffordern, übersehen einige: Austreten muss man sich leisten können. Viele können das nicht, weil sie sonst ihren Arbeitsplatz oder ihr soziales Umfeld verlieren. Außerdem individualisiert die Aufforderung zum Austritt die Schuld am Weiterbestehen eines missbrauchsfördernden Systems und schiebt sie ausgerechnet denen zu, die dieses System verändern wollen.

Jede Entscheidung zum Austritt ist zu akzeptieren, jede Entscheidung zum Bleiben ebenso. Was ich aber nicht mehr akzeptieren kann: wenn Austretende und Bleibende sich gegenseitig Vorwürfe machen, an wem die Reformen scheitern. Damit tut man nur denjenigen einen Gefallen, die keine Veränderungen wollen.

Ich denke also, beide Dogmen sind falsch: dass es nur dann zu Veränderungen kommt, wenn genügend Menschen bleiben und weiterkämpfen; oder, dass es nur dann zu Veränderungen kommt, wenn genügend Menschen austreten. Was wir, die bleiben und kämpfen, aber sicher brauchen, ist die Solidarität derjenigen, die gegangen sind, und auch ihren Einsatz für systemische Veränderungen, etwa durch politischen Druck von außen. Es geht nur gemeinsam. Aber vielleicht geht dann ja was.

Von Simon Linder

Der Autor

Simon Linder hat Katholische Theologie und Allgemeine Rhetorik studiert und arbeitet an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt zum Thema "Streitkultur".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.