"Wenn wir das nicht machen, wer macht es dann?"

Eine Düsseldorfer Kirche wird zum Sammellager für Ukraine-Hilfsgüter

Aktualisiert am 10.03.2022  –  Lesedauer: 

Düsseldorf ‐ Viele Menschen in der Ukraine sitzen in Kellern, ihnen fehlt es an Grundsätzlichem. In Düsseldorf haben sich Engagierte zusammengeschlossen und wollen Hilfe in die Ukraine schicken. Mittelpunkt der Aktion ist eine Kirche.

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Mit Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine haben sich Teile der Heilig-Geist-Kirche in Düsseldorf-Pempelfort in ein Sammellager für Hilfsgüter verwandelt. Hier ist die ukrainische griechisch-katholische Gemeinde zuhause. Die 36-jährige Ukrainerin Maryna Schiefer gehört seit Beginn der Hilfsaktion zum Koordinationsteam. Die freiberufliche Landschaftsarchitektin ist seit Tagen fast ununterbrochen in der Kirche tätig. Sie und alle anderen Engagierten haben Verwandte und Freunde in der Ukraine, berichtet Schiefer im Interview. "Das sind unsere Familien."

Frage: Frau Schiefer, über die Sammelaktion sind in wenigen Tagen etliche Hilfsgüter zusammengekommen. Rund ein halbes Dutzend Lkw fahren derzeit Richtung Ukraine. Was haben sie geladen?

Schiefer: Medikamente, Lebensmittel für Erwachsene und Kinder, Hygieneartikel, Decken, Schlafsäcke und Matten, Spielzeug. In Kiew hat es Minusgrade. Viele Menschen sitzen mit ihren Kindern in den Kellern. Bis vergangenen Mittwoch haben wir auch Kleidung gesammelt. Im Moment nehmen wir aber nur noch wenig Kleidung an, weil schon sehr viel abgegeben wurde. Das wichtigste sind derzeit die Medikamente und medizinischen Produkte. Die Menschen in der Ukraine brauchen das jetzt als Erste Hilfe. Wir kriegen hier auch Unterstützung von der Universitätsklinik Essen.

Frage: Wie bekommen Sie die Hilfsgüter über die Grenze in das Kriegsgebiet?

Schiefer: Wir sind alle Ukrainer oder kennen jemanden, der gerade in der Ukraine sitzt. Die Menschen stellen Anfragen an uns, zum Beispiel aus der Stadt Charkiw. Wenn die Anfrage bei uns angekommen ist, kümmern wir uns um die Logistik. Das funktioniert vor allem so: Wir liefern die Sachen per Lkw an die Grenze. Da werden sie in kleinere Lieferwagen umgepackt, denn im Moment dürfen nur noch wenige Lkw in die Ukraine rein. Wenn die Sachen am Ziel angekommen sind, fotografieren die Leute das ab und schicken uns die Bestätigung.

Frage: Welche Nachrichten erhalten Sie derzeit aus der Ukraine?

Schiefer: Meine Mutter ist in der Nähe von Kiew und kommt da nicht raus. Alle, die hier mitarbeiten, haben jemanden in der Ukraine. Das sind unsere Familien. Es gibt Städte, die nicht mehr existieren, die völlig zerstört sind. Da gibt es keinen Strom, kein Wasser und keine Möglichkeit rauszukommen. Wenn man keine Verbindung mehr zu seinen Verwandten hat, ist das eine Katastrophe. Das ist das Schlimmste.

Bild: ©KNA/Adelaide Di Nunzio

Maryna Schiefer koordiniert die Hilfe.

Frage: Die ukrainische griechisch-katholische Gemeinde in Düsseldorf sammelt auch Geldspenden. Wie werden diese Mittel eingesetzt?

Schiefer: Es gibt ein Spendenkonto über die Gemeinde und eines über die Uniklinik Essen. Mit dem Geld für die Gemeinde bezahlen wir zum Beispiel Sprit oder unterstützen die Fahrer. Die Klinik hingegen kauft wichtige Medikamente für uns ein, die wir dann in die Ukraine schicken.

Frage: Es werden weiterhin Sachspenden bei Ihnen abgegeben. Wie lagern Sie die Güter eigentlich?

Schiefer: Seit Montag haben wir ein 1.000 Quadratmeter großes zusätzliches Lager in der Nähe der Düsseldorfer Messe. Wir haben weiterhin Spenden in der Kirche, aber nur noch die kleinen Sachen. Hier versorgen wir dann Geflüchtete aus der Ukraine. Alles, was in unserem anderen Lager ist, kommt in die Ukraine.

Frage: Sie haben sich frei genommen, um Vollzeit in der Kirche arbeiten zu können. Warum helfen Sie so engagiert mit?

Schiefer: Wir wissen, dass die Menschen, die jetzt in der Ukraine in Kellern sitzen, kleine Kinder haben. Sie haben oft nur eine Flasche Wasser und sonst nichts. Wenn wir das nicht machen, wer macht es dann? Eigentlich kann jetzt niemand mehr helfen außer die Ukrainer außerhalb der Ukraine.

Von Anita Hirschbeck (KNA)