"Angemessen wäre Kardinal oder ehemaliger Papst"

Kirchenhistoriker Ries gegen Emeritus-Titel für Benedikt XVI.

Aktualisiert am 23.03.2022  –  Lesedauer: 

Luzern ‐ Auch im zehnten Jahr seit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. gibt es Kritik an seiner Rolle und seinem Auftreten. Der Luzerner Kirchenhistoriker Ries hält den Titel "emeritierter Papst" für unpassend – und auch dessen öffentliche Äußerungen.

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Der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries sieht die Rolle von Benedikt XVI. als "unglücklich" an. In einem Interview mit "kath.ch" (Dienstag) sagte Ries, dass das bereits mit dem Titel beginne: "Angemessen wäre 'Kardinal' oder 'ehemaliger Papst' – nicht 'Papa emeritus'." Aus kirchengeschichtlicher Sicht sei er ein Kardinal. Die belastenden Umstände, unter denen die Aussagen zum Münchener Missbrauchsgutachten zustande kamen, hätten Benedikt XVI. und dem Ansehen des Papsttums geschadet. "Zuvor schon hatte er sich in problematischer Weise öffentlich geäussert. Wer dieses Amt weitergibt, ist gehalten, sich entschieden zurückzunehmen und Einmischungen aller Art zu unterlassen", so Ries. Mit dem Gedanken, dass es künftig regelmäßig einen oder sogar mehrere emeritierte Päpste gebe, müsse man nach der Einschätzung des Kirchenhistorikers rechnen: "Auch bei anderen kirchlichen Amtsträgerinnen und Amtsträgern gibt es mehrere Ehemalige."

Nach Ansicht von Ries stecke die Kirche derzeit in der größten Krise seit Generationen. Die unmenschlichen Verbrechen des Missbrauchs in der Kirche hätten einen ganzen Abgrund von Problemen sichtbar gemacht. Zwar fürchte er nicht, dass die Kirche untergeht. Aber man müsse die Zeichen der Zeit erkennen, "andernfalls wird eine grosse Zahl von Menschen ihre religiöse Beheimatung komplett verlieren". Daher brauche es umfassende Reformen, wie sie auch beim Synodalen Weg in Deutschland gefordert werden. "In einer Krisensituation ist entschlossenes, prophetisches Handeln gefordert", betonte der Kirchenhistoriker. Dabei müssten Erneuerungsprozesse so gestaltet werden, dass "Ausgrenzung und Radikalisierung" vermieden werden. Die Kirchenreformen im 16. Jahrhundert hätten teilweise paradoxe Folgen gezeitigt: "Nichts hat den katholischen Zentralismus so sehr gefördert wie die Reformation", so Ries.

Benedikt XVI. war 2013 der erste Papst seit Jahrhunderten, der seinen Rücktritt erklärt hatte. Von Anfang an wurden sein Auftreten in nur wenig modifizierter päpstlicher Kleidung, der Titel "emeritierter Papst" und grundsätzlich seine Rolle in der Öffentlichkeit und in der Theologie kontrovers diskutiert. Allgemeine kirchenrechtliche Regelungen gibt es über den Rücktritt selbst hinaus nicht, der Titel eines "Emeritus" ist im Kirchenrecht nur allgemein für ehemalige Amtsträger geregelt, die wegen Erreichens der Altersgrenze oder aufgrund der Annahme eines Verzichts aus einem Amt ausscheiden. Ihnen kann der Titel "Emeritus" verliehen werden. Im vergangenen Jahr hatte eine Gruppe von Kirchenrechtlern einen detaillierten Vorschlag zur Regelung von Papstrücktritten vorgelegt. (fxn)