Schwester Jordana Schmidt über das Sonntagsevangelium

Auf beiden Seiten des Steines

Aktualisiert am 02.04.2022  –  Lesedauer: 
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Schwalmtal-Waldniel ‐ Die Wut im Bauch wächst, die Hand ballt sich zur Faust – jetzt müsste nur einer den ersten Stein werfen und die angestaute Gewalt bräche sich Bahn. Auch Schwester Jordana kennt dieses Gefühl. Trotz alledem aber hält das Sonntagsevangelium fest: Wir können uns in jedem Moment anders verhalten.

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Impuls von Schwester Jordana Schmidt

Oh, diesen Stein in der Hand kenne ich nur zu gut. Als ich dieses Evangelium las, da fielen mir so einige Menschen ein, die an der Stelle der Ehebrecherin stehen könnten. Menschen, die gerade großes Unrecht tun, Kriege führen, Kinder missbrauchen, Macht ausüben über andere, manchmal sogar Menschen, auf die ich sauer bin. Kurz: Menschen, die sich durch ihr Handeln außerhalb meiner Wertevorstellungen befinden. Und da ballt sich die Faust um den Stein und es müsste nur einer einen Stein werfen, eine, die anfängt – ich mag mich nicht frei davon sprechen, dass ich nicht mitwerfen würde. Vielleicht nicht mit richtigen Steinen, aber mit Worten des Urteils, der Abwertung.  

Dabei zeigt mir Jesus einen so anderen Weg. Er wendet sich scheinbar erstmal nach Innen. Er geht nicht in Auseinandersetzung mit der wütenden Meute. Das hätte wahrscheinlich auch keinen Zweck gehabt. Er malt in den Sand und ist bei sich und seinen Gedanken. Dadurch stoppt er das Geschehen. Alle halten sich zurück, niemand wirft. Dann spricht er doch, aber nicht mit der Frau, nicht argumentierend, sondern er wirft den "Stein" sozusagen zurück. Er hält einen Spiegel vor: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Niemand wirft, alle gehen sie. Nur die Frau bleibt zurück. Auch jetzt führt Jesus keine langen Gespräche, sondern er schickt sie weg, auch auf sich geworfen – ändere dein Verhalten.

Das ist möglich. In jedem Augenblick unseres Lebens können wir uns anders verhalten als vorher. Egal was wir vorher getan haben. Und wenn uns niemand mit einem Stein oder gar mehreren Steinen beworfen hat, dann können wir dies auch unverletzt tun und kraftvoll. Wir können die Steine fallen lassen, die in unseren Händen und Herzen waren. Nur leider fliegen diese Steine. In den unsäglichen Kriegen unserer Tage, in Familien, in Institutionen, selbst in unserer Kirche. Menschen werden verletzt, innerlich wie äußerlich oder gar getötet. Hier ist das Evangelium die dringliche Erinnerung: Wir haben beide Seiten in uns – die mit den Steinen in der Hand und die unserer Verfehlungen. Urteilen wir also nicht, aber suchen wir nach Frieden und geben wir uns und anderen die Chance zur Veränderung – und das immer und immer wieder. Herr, gib uns deinen Frieden!

Evangelium nach Johannes (Joh 8,1–11)

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück
mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr.

Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Die Autorin

Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel und war zwischen 2012 und 2020 Kinderdorfmutter. Heute lebt sie als SPLG Mutter (Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften) mit zwei Kindern in Krefeld. Momentan sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.