Schriftsteller, Aktivist und streitbarer Katholik wurde vor 100 Jahren geboren

Warum der Publizist Carl Amery zeitlebens mit seiner Kirche haderte

Aktualisiert am 09.04.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Carl Amery lässt sich nirgendwo einordnen, denn er war alles: Schriftsteller, Kulturaktivist, Radikalökologe und streitbarer Katholik. Die Kirche war immer wieder Zielscheibe seiner Kritik. An diesem Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden.

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Bekannt wurde er unter seinem Pseudonym, das er sich zu Beginn der 1950er Jahre zulegte: Carl Amery ist ein Anagramm aus seinem richtigen Namen Christian Anton Mayer. Der Aufklärer aus Berufung wurde als Sohn eines Historikers und Heimatforschers geboren. Beruf und kirchenpolitisches Engagement des Vaters hatten auch Auswirkungen auf den Lebensweg des Sohnes.

Der war Katholik mit Leib und Seele, zuerst in der katholischen Jugend in Freising, wo sein Vater an einer kirchlichen Hochschule lehrte, später in Passau, wohin der politisch unliebsame Vater abgeschoben worden war. Hier unternahm er auch erste Schreibversuche. Das Studium aber musste warten; Christian Mayer wurde Soldat. 1943 geriet er in amerikanische Gefangenschaft und studierte anschließend ab 1946 Literatur.

Gut vernetzt

Amery wollte Schriftsteller werden. 1954 debütierte er mit "Der Wettbewerb" und erarbeitete sich seinen Ruf als ernstzunehmender Autor. Mit zunehmender Bekanntheit wurde er immer häufiger gebeten, Beiträge oder Vorworte zu Sachbüchern zu schreiben. Daneben arbeitete er aber auch im kulturellen und literarischen Dunstkreis, als Theaterdramaturg und Hörfunk- und Filmredakteur. Immer wieder engagierte er sich in Schriftstellerverbänden und als Vorsitzender des PEN-Zentrums.

Amery war gut vernetzt, immens fleißig und vor allem vielseitig in seinen Interessen. Wie ein roter Faden zieht sich sein Kampf für Frieden und Bewahrung der Schöpfung durch Werk und Leben: Als Mitglied der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) stellte er sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, seine spätere Mitgliedschaft in der SPD kündigte er 1974, weil ihm die Sozialdemokraten zu industriefreundlich geworden waren. Zu dieser Zeit hatten sowohl die Anti-Atomkraft-Bewegung als auch das ökologische Bewusstsein an Kraft gewonnen. Amery trat der neuen Partei "Die Grünen" bei und kandidierte 1979 bei der Europawahl.

Literarisch verarbeitete er sein Engagement gegen Umweltzerstörung und für den Frieden in mehreren, häufig dystopisch eingefärbten Science-Fiction-Romanen. Die sind in Bayern angesiedelt und verraten ganz nebenbei seine beeindruckende Bildung: In "An den Feuern der Leyermark" (1979) schrieb er die bayerische Geschichte von 1866 um und brachte Königgrätz und den Amerikanischen Bürgerkrieg zusammen; "Das Geheimnis der Krypta" (1990) ist in Freising angesiedelt und autobiografisch grundiert.

Vor den Aufbauten eines Parteitags von "Bündnis 90/Die Grünen" steht eine Sonnenblume.
Bild: ©dpa/Fredrik von Erichsen (Symbolbild)

Carl Amery engagierte sich in der Umwelt-Bewegung und trat Ende der 1970er Jahre bei den Grünen ein.

Die Wallfahrer" (1986) gilt als sein Hauptwerk. Über einen Zeitraum von vier Jahrhunderten steht der Marienwallfahrtsort Tuntenhausen im Mittelpunkt. Der Erzählstil ist der jeweiligen Zeitebene angepasst - eine Herausforderung für die Leser.

Auf die Bestseller-Listen haben es Amerys Romane nie geschafft. Anders sah es mit seinen Essays aus. 1963 wurde er einer großen Öffentlichkeit bekannt mit "Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute". Amerys Vorwurf an die Kirche: Die Katholiken hätten während des Nationalsozialismus lediglich für den Erhalt ihres Milieus gekämpft. Im Zweifel gehe der Kirche Institutionenschutz vor Opferschutz.

Hirtenbrief als "Werbung"

Unter veränderten Vorzeichen steht der Vorwurf immer noch im Raum. Allerdings waren sich Kirchenvolk und Klerus damals noch weitgehend einig in ihrer Verteidigung kirchlicher Feigheit. Die Deutsche Bischofskonferenz reagierte mit einem Hirtenbrief auf die literarischen Anwürfe; eine bessere Werbung hätte der Autor sich nicht wünschen können.

Zeitlebens haderte Amery mit seiner Kirche, immer wieder versuchte er den Blick auf Verantwortlichkeiten in Politik und Gesellschaft zu lenken: "Es liegt an den Kirchen, ob sie die drohende erd- und menschheitsgeschichtliche Katastrophe in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang, also in einem religiös bedeutungsvollen Zusammenhang, sehen oder nicht." Gemeint war das Artensterben, das sich seit der Veröffentlichung dieses Satzes in "Global Exit. Die Kirchen und der totale Markt" im Jahr 2002 weiter verschärft hat.

Papst Franziskus machte sich diese Haltung in seiner Enzyklika "Laudato si" von 2015 zu eigen – geändert hat sich bekanntlich nicht viel. Carl Amery starb am 24. Mai 2005 in München.

Von Birgitta Negel-Täuber (KNA)