Gibt es noch den "typischen" Katholiken?
Bild: © KNA/Lars Berg
Wegbruch der katholischen Milieus macht Lage schwierig

Gibt es noch den "typischen" Katholiken?

Gibt es ihn noch, den "Typ Katholik"? In der Vergangenheit war es eine ganz klar umrissene Bevölkerungsgruppe, die das Rückgrat der Kirchenmitglieder stellte. Doch Veränderungen in der Gesellschaft haben heute zu einem weitaus komplexeren Bild geführt.

Von Christoph Paul Hartmann |  Münster - 23.04.2020

Früher war die Welt noch deutlich einfacher als heute, denn es gab etwa das "katholische Mädchen", das den "Typus Katholikin" ziemlich treffend zusammenfasste: Dieses Mädchen wohnte auf dem Land, hatte keine hohe Bildung, war unterprivilegiert und in seinen Ansichten konservativ. Für lange Zeit, bis in die 1970er Jahre hinein, verkörperte das "katholische Mädchen" den Typ Mensch, der auf sehr viele Katholiken in Deutschland zutraf.

Diese Typologie hängt mit Milieus zusammen, die die deutsche Gesellschaft geprägt haben. Neben dem katholischen Milieu gab es noch zahlreiche weitere gesellschaftliche Gruppen, wie etwa das Arbeitermilieu. Jedes dieser Milieus hatte bestimmte politische Ansichten, wählte damit auch typischerweise eine bestimmte Partei (Katholiken: Zentrum/Union, Arbeiter: KPD/SPD) und prägte so ganze Landstriche. Reste dieser Milieuprägungen lassen sich katholischerseits beispielsweise noch im Rheinland durch den dort vertretenen Typ des eher lockeren "rheinischen Katholiken" erkennen. Dagegen sprechen viele Vereine und Orte im Ruhrgebiet die Sprache des Arbeitermilieus.

Doch durch die gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er und 1970er Jahre verschwanden diese starren Milieus. Die individuelle Entfaltung wurde nun wichtiger, Bindungen an tradierte Ansichten und Lebensverhältnisse wurden nun leichter abgeworfen. Das hat dazu geführt, dass die Sozialstruktur der Katholiken in Deutschland sich kaum von der der Protestanten oder der Konfessionslosen unterscheidet – all diese Gruppen bilden den Bevölkerungsdurchschnitt ab. Lediglich leichte Tendenzen lassen sich ausmachen: Katholiken sich beispielsweise eher verheiratet.

Klug und mit Kindern

Etwas anders sieht die ganze Sache aus, wenn die sogenannten "Kirchennahen" in den Blick genommen werden, also Menschen, die sonntags in die Kirche gehen und sich in ihrer Gemeinde und/oder katholischen Verbänden engagieren. Hier fallen einige Punkte besonders auf.

Zum einen sind in dieser Gruppe ältere Frauen überrepräsentiert. Die so oft bemühte Rede von der "weiblichen Kirche" stimmt tatsächlich: Frauen bestimmen vielerorts das Leben in Gemeinden und Verbänden; hier stechen vor allem ältere, alleinlebende Frauen hervor, die sich engagieren. Das hat nicht zuletzt historische Gründe: Bis in die 1960er Jahre war der Platz der (westdeutschen) Frau vor allem zu Hause, sie führte den Haushalt und erzog die Kinder. Ihnen vermittelte sie Werte – und Religion. Die Gemeinde- und Verbandsarbeit war einer der wenigen Orte, in denen sie außerhalb des Haushalts aktiv werden konnte.

Porträt von Professor Detlef Pollack

Detlef Pollack ist Religionssoziologe und forscht am Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Zum anderen sind Familien mit Kindern sehr stark vertreten. "Man kann fast sagen: Je mehr Kinder, desto wahrscheinlicher ist das kirchliche Engagement", beschreibt es Detlef Pollack, der am Exzellencluster "Religion und Politik" an der Universität Münster forscht.

Zwischen 18 und 29 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, aus der Kirche auszutreten. Die jungen Erwachsenen nabeln sich von ihrer bisherigen Familie ab und deren Verwurzelung spielt keine so große Rolle mehr. Zudem merken nun viele die Kirchenmitgliedschaft auf dem Gehaltszettel in Form der Kirchensteuer – ein weiterer Grund, um auszutreten. Sind ebenjene Menschen dann allerdings ein paar Jahre später in einer festen Partnerschaft und haben Kinder, gewinnt die Kirche wieder an Relevanz. Grund dafür ist ein interessanter Zusammenhang: Auch, wenn die meisten Menschen nicht regelmäßig in die Kirche gehen, finden ebenso viele die Werte der Kirche im Prinzip gut – Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Treue stehen bei den Deutschen hoch im Kurs. Zwar wollen dann die meisten Leute zwar nicht, dass ihnen die Kirche in Sachen Arbeit, Freizeit oder Partnerschaft reinredet – bei der Kindererziehung zählen sie aber auf sie.

Vertrauen bei der Kindererziehung

"In diesem Bereich finden es viele Menschen gut, wenn christliche Werte vermittelt werden", sagt Pollack. "Zwar sollen sich die Kinder dann später nicht sklavisch an die Gebote der Kirche halten – aber es kann ja nicht schaden, wenn sie davon mal gehört haben." Dieser Effekt nimmt zwar ab, lässt sich aber immer noch beobachten.

Ebenfalls auffällig unter den kirchlich Engagierten sind jene, die man früher klassischerweise zur Mittelschicht gezählt hat. Sie haben eine etwas höhere Bildung und sind wohlsituiert. Dieses Phänomen teilt die Kirche unter anderem mit Parteien und Gewerkschaften: Menschen mit höherer Bildung engagieren sich eher ehrenamtlich als jene mit niedrigerer Bildung.

Im Hinblick auf die Katholiken lassen sich da wiederum zwei Gruppen unterscheiden. Da ist das Bildungsbürgertum, das über die Kultur zur Kirche findet: Man ist katholisch, weil man gerne zur Orgelkonzert geht, im Kirchenchor singt oder sich als Lektor mit der Bibel auseinandersetzt.

Die andere Gruppe findet über den sozialen, anpackenden Aspekt zur Kirche. Pollack nennt sie ironisch die "Volksmusikliebhaber". Menschen, die gerne im Garten arbeiten, die Natur schätzen und Wandern gehen, stellen sich beim Pfarrfest auch hinter den Würstchenstand, pilgern mit der Männergruppe des Ortes zu einer Bergkapelle oder basteln mit den Sternsingern kleine Pappkronen.

Eher wenig alternativ

Generell sind Katholiken in ihren Lebensentwürfen bis heute eher etwas konventioneller und wählen lieber die CDU als andere Parteien. Avantgardisten oder Alternative engagieren sich deutlich seltener kirchlich, genauso wie Menschen mit etwa niedrigerem Bildungsstand.

Diese Typologien sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die übergroße Mehrheit der Kirchenmitglieder mit ihrer Kirche kaum zu tun hat. Hier gibt es allerdings einen Unterschied zwischen den Konfessionen: Bei den Protestanten ist die Kirchenbindung deutlich geringer als bei den Katholiken. Denn die evangelische Theologie legt einen größeren Wert auf das persönliche Glaubensbekenntnis als auf das Gemeinschaftsengagement und die puristische Art des Protestantismus führt zu weniger Berührungspunkten im Alltag. Das führt dazu, dass nur etwa vier Prozent der Protestanten regelmäßig in die Kirche gehen.

Bei den Katholiken ist dieser Wert etwa drei Mal so hoch. Im katholischen Kirchenverständnis spielt die Teilnahme an gemeinsamen Riten – Stichwort Sonntagspflicht – eine größere Rolle als bei den Protestanten. Zudem hat sich der Katholizismus in seiner Geschichte deutlich offener für lokale Traditionen und Bräuche gezeigt. Die Menschen kommen also durch ihre privaten Verbindungen sowieso häufiger zur Kirche. Obwohl von theologischer Seite immer wieder kritisiert, hat diese Offenheit für lokale Begebenheiten und Volksglauben – wie in Form der Heiligenverehrung – die Bindung der Gläubigen an die Kirche gestärkt.

Kritik bestimmt das Bild

Vor allem bei den Katholiken geht diese Bindung in den allermeisten Fällen mit erheblicher Kritik und Vorbehalten der Gläubigen einher. Sie bemängeln die hierarchische Struktur der Kirche, Klerikalismus, die Sexualmoral und sexuellen Missbrauch. Kirchenmitglieder bleiben sie aber trotzdem. 

Abseits der Engagierten interessieren sich die allermeisten Kirchenmitglieder wenig für die Lehre ihrer Konfession. So glauben auch die meisten Kirchenmitglieder nicht an die Auferstehung, zweifeln an der Existenz Gottes oder stehen Religion an sich eher indifferent gegenüber. "Das Verhältnis der meisten Christen zur Religion ist von einer äußerst großen Distanz zur Organisation und deren Lehre geprägt", hält Pollack fest. Man tritt bloß nicht aus, weil man schon immer Kirchenmitglied war, man eventuell Familienmitglieder mit einem Austritt vor den Kopf stoßen könnte und weil man die Kirche "an sich" in Ordnung findet. Das unterscheidet die Deutschen etwa von den Franzosen: Kirchenfeinde gibt es hierzulande kaum, vielmehr schätzen die Menschen seit Jahrzehnten das Christentum gleichbleibend ein. Altbekannte Rituale und nicht zuletzt das karitative Engagement der Kirchen sagen vielen Menschen zu. In kleinerem Umfang kommt es auch zu einer Spiritualisierung des Glaubens: Menschen bleiben Kirchenmitglieder, "bauen" sich ihren Glauben aber nach ihren Ansichten, auch abseits der amtskirchlichen Doktrin. Das geht mit der wachsenden Unterscheidung zwischen der Institution Kirche und dem Glauben einher.

Doch mit der strukturellen Verankerung der Kirchen in der Gesellschaft könnte es bald vorbei sein. Ein britisches Forschungsteam hat die bereits genannten älteren Frauen untersucht, die sich kirchlich engagieren. Ergebnis: Wenn deren Töchter einmal älter sind, werden sie sich nicht mehr so engagieren wie ihre Mütter. Grund dafür sind wiederum die gesellschaftliche Entwicklung der 1960er und 70er: Anstatt der brav zu Hause bleibenden Hausfrau hat sich das Frauenbild deutlich erweitert, Frauen verwirklichen sich nun genauso selbst wie Männer. Die Weitergabe der Religion nimmt da keine so große Rolle mehr ein. Zudem haben heutige Kinder kein so großes Interesse mehr an religiösen Angeboten. Sie haben eine derart große Auswahl an Freizeit- und Selbstverwirklichungsangeboten, dass sie immer schwerer dazu zu bewegen sind, einen Gottesdienst oder den Kommunionunterricht zu besuchen. Dieses Phänomen zeigt sich überall, auch bei den ganz Kirchennahen. "Selbst evangelische Pfarrersfamilien schaffen es oft nicht, ihren Glauben weiterzugeben", so Pollack.

Dieser Generationeneffekt hat einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Verankerung der Kirchen. Momentan geben sie in ihrer Mitgliederstruktur noch den Gesellschaftsdurchschnitt wieder und schaffen es, Menschen durch Kultur und sozialen Zusammenhalt an sich zu binden. Doch das wird nicht so bleiben.

Von Christoph Paul Hartmann