"Die Kirchenmitglieder sind eine plurale Gruppe"

Religionssoziologe Pickel: Auch Christen pflegen ihre Vorurteile

Aktualisiert am 28.04.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Denken Christen anders als andere Gruppen in der deutschen Gesellschaft? Nein, sagt der Religionssoziologe Gert Pickel. Christen haben fast genauso viele Vorurteile wie alle anderen. Unterschiede gebe es vielmehr in anderer Hinsicht.

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Christen in Deutschland unterscheiden sich laut dem Religionssoziologen Gert Pickel kaum von der Gesamtbevölkerung, wenn es um Vorurteile gegenüber anderen Religionen, Kulturen oder um Geschlechterrollen geht. "Allein beim Antisemitismus und der Muslimfeindlichkeit haben sie etwas weniger Vorurteile", sagte der Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig dem evangelischen Portal "chrismon" (Donnerstag).

Das Selbstbild einiger Kirchenvertreter, "wir sind ja alle gute Menschen, entspricht nicht der Wirklichkeit", fügte Pickel hinzu: "Die Kirchen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Im Gemeindekirchenrat sind Leute vertreten, die mit der AfD sympathisieren, und welche, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren."

Pickel ist einer der Autoren der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebenen und am Donnerstag in Hannover vorgestellten Studie "Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung". Diese sollte herauszufinden, wie evangelische und katholische Kirchenmitglieder im Vergleich zu religionslosen Deutschen gesellschaftspolitisch denken.

Plurale Gruppe

"Die Kirchenmitglieder sind eine plurale Gruppe", sagte Pickel: "Die Vorurteile hängen auch weniger mit der Kirchenmitgliedschaft zusammen, sondern mit der Art der Religiosität." Je dogmatischer die Religiosität ausgerichtet sei, umso homophober und sexistischer zum Beispiel seien die Einstellungen.

In der Studie habe man vor allem zwei Gruppen identifiziert: die Transreligiösen und die Monoreligiösen. 45 Prozent der Kirchenmitglieder – bei katholischen und evangelischen sei das ziemlich gleich – hätten eine transreligiöse Orientierung. Dies bedeute, man sei überzeugt, dass alle großen Religionen den gleichen wahren Kern haben. Zudem fände man andere Religionen bereichernd. Die Monoreligiösen machten 22 Prozent aus. Sie gingen von der Überlegenheit des Christentums aus.

"Wem Kirche und Religion nicht mehr wichtig ist, tritt aus", bilanzierte Pickel. Es bleiben dem Forscher zufolge diejenigen, die etwas bewegen wollen: die einen in Richtung Soziales, Flüchtlingshilfe, Moderne, und die anderen wollten genau das verhindern. "Diese beiden Gruppen werden künftig in den Gemeinden aufeinanderprallen", sagte Pickel. (epd)