Bevor er Papst wurde, hatte er sich schon sein Grabmal errichten lassen

Der Inquisitor auf dem Stuhl Petri: Vor 450 Jahren starb Papst Pius V.

Aktualisiert am 01.05.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Unter Papst Pius V. erreichte die Gegenreformation im 16. Jahrhundert ihren Gipfelpunkt: Sie war gekennzeichnet von innerer Festigung und kämpferischer Abgrenzung gegen die Protestanten. Heute vor 450 Jahren starb Pius V.

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In langen Schlangen stehen die Menschen vor den Vatikanischen Museen. Sie alle wollen den Cortile Ottagono sehen, den lichten achteckigen Innenhof mit seinen weltberühmten Antiken. Doch Pius V. kanzelte den einstigen Stolz der Renaissancepäpste als "heidnische Götterbilder" ab. Weitsichtige Kardinäle konnten den Papst überreden, die nackten Heroen nicht zu verschleudern, sondern nur unter Verschluss zu halten. Dennoch sagt es viel über die Geisteshaltung des Papstes aus, der sich den Wahlnamen Pius – der Fromme – gab.

Am Abend des 1. Mai 1572 starb Pius V. in der Ordenskutte eines Bettelmönchs; der Dominikaner wurde 68 Jahre alt. Seine nur sechsjährige Amtszeit markierte den Gipfel der kämpferischen Gegenreformation der Kirche. Der Mönchspapst hatte seine wichtigste Lebensaufgabe gelöst: die Umsetzung der Reformdekrete des Konzils von Trient in Europa, dessen Glaubenseinheit passe war. Sein vorheriges Amt als Inquisitor hatte ihn geprägt. In einfachen Verhältnissen am 17. Januar 1504 als Michele Ghislieri geboren, verdankte er dem Dominikanerorden eine steile Karriere. In seiner Heimat Piemont hatte er sich mit protestantischen Strömungen auseinanderzusetzen, genährt im calvinistischen Genf.

Die Römer waren entzückt von der Frömmigkeit des Papstes

Als einfacher Mönch mit Bettelsack auf dem Rücken wurde er oft mit Steinwürfen empfangen. Ein Gedanke verfestigte sich beim Inquisitor: Italien durfte nicht von den protestantischen Neuerungen erfasst, in Religionskriegen zerrissen werden. Mit 62 Jahren war der Großinquisitor und Kardinal körperlich ausgezehrt: ein hagerer Asket mit kahlem Kopf, höckeriger Adlernase und schneeweißem Bart. Den Tod vor Augen hatte Ghislieri sich in der römischen Dominikanerkirche S. Maria sopra Minerva schon sein Grabmal errichten lassen. Da überraschte ihn die Wahl zum Papst; Carlo Borromeo, der große lombardische Reformer, hatte sie eingefädelt.

Besonders die Fronleichnamsprozession liebte Pius. Die Römer waren entzückt von der echten Frömmigkeit ihres neuen Papstes, wenn er barfuß und barhäuptig einherschritt, in Andacht des Allerheiligsten versunken. Pius V. machte das Papsttum zum Träger der katholischen Reform. Persönlich visitierte er Kirchen und erneuerte Behörden in Rom; er vereinheitlichte das geistliche Leben der katholischen Welt durch einen gemeinsamen Katechismus, ein Brevier für das Stundengebet der Geistlichen und ein Messbuch zur liturgischen Eucharistiefeier.

Bild: ©picture-alliance/akg-images

Das Konzil von Trient dauerte von 1545 bis 1563. Papst Pius V. setzte in seinem Pontifikat die Reformdekrete der Versammlung um.

Der Papst krempelte Rom nicht zum Kloster um. Dennoch musste besonders die Oberschicht beinharte Strafen fürchten. Erschrocken verfolgten die Römer, wie ein angesehener Bürger wegen Ehebruchs öffentlich ausgepeitscht wurde. Der Papst wollte ein Exempel dafür statuieren, dass die Autorität der Kirche auch in der Sittenlehre galt. Mit spektakulären Prozessen ging Pius gegen prominente "Häretiker" vor; ein Dutzend rückfällige Bekenner starben für ihren Glauben. Die Juden im Kirchenstaat verbannte Pius ins Ghetto.

Massenhafte Hexenverbrennungen durch weltliche Schöffengerichte wie in Mitteleuropa hat es in Italien nie gegeben. In Glaubenskriegen, die Frankreich verheerten, drängte Pius auf einen scharfen Kurs gegen die Hugenotten. In England brachte er die Katholiken in Bedrängnis, als er Königin Elisabeth I. exkommunizierte. In Deutschland bewahrten politische Köpfe wie der Jesuit Canisius den Papst vor nutzlosem Protest gegen den Augsburger Religionsfrieden.

Pius V. führte das Fest "Unserer Lieben Frau vom Sieg" ein

Pius' beharrlicher Wille brachte ein für unmöglich gehaltenes Bündnis der Seemächte gegen das expandierende Osmanische Großreich zuwege. Die Seeschlacht von Lepanto im Oktober 1571 befreite Europa von Kriegsdruck. Unter Freudentränen konnte der todkranke Papst Gott danken. Er führte das Fest "Unserer Lieben Frau vom Sieg" ein, das heutige Rosenkranzfest.

Die Marienverehrung erreichte in der Abwehr der Osmanen einen Höhepunkt. Die alte Gebetsbitte im Ave Maria um Fürsprache "jetzt und in der Stunde unseres Todes" machte Pius kirchenamtlich. Als der Mönchspapst starb, suchten Gläubige seinen Sarg mit ihren Rosenkränzen zu berühren. Die Kirche sprach den Papst von Gegenreformation und Lepanto heilig.

Von Anselm Verbeek (KNA)