Trierer Bischof im Interview zur Aussetzung des Kentenich-Verfahrens

Ackermann: Keine Seligsprechung, wenn Vorwürfe nicht entkräftet sind

Aktualisiert am 03.05.2022  –  Lesedauer: 

Trier ‐ Bischof Stephan Ackermann zieht die Konsequenz aus ungeklärten Missbrauchsvorwürfen: Das Seligsprechungsverfahren für den Schönstatt-Gründer Josef Kentenich ist ausgesetzt. Im Interview erläutert er seine Entscheidung – und was passieren muss, damit der umstrittene Gründer doch noch selig werden kann.

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Knapp zwei Jahre hat es von den ersten Veröffentlichungen der Kirchenhistorikerin Alexandra von Teuffenbach bis zur Aussetzung des Seligsprechungsverfahrens für den Schönstatt-Gründer Pater Josef Kentenich gedauert. Das seit 1975 laufende Verfahren ist vorerst auf Eis gelegt. Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Seligsprechung doch noch vorankommt – doch das Bistum selbst wird nicht weiter tätig, versichert der zuständige Bischof Stephan Ackermann im Interview mit katholisch.de. Das endgültige Urteil über den ins Zwielicht geratenen Pater überlässt er dabei unabhängiger Forschung.

Frage: Herr Bischof Ackermann, warum wird das Seligsprechungsverfahren nur ausgesetzt und nicht beendet, und unter welchen Bedingungen würden Sie das Verfahren wieder fortführen?

Ackermann: Ich bin nach der Beratung mit den Expertinnen und Experten und auch im Gespräch mit Vertretungen der Schönstatt-Bewegung zu dem Ergebnis gekommen, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt das Verfahren nicht fortführen kann. Es gibt ungeklärte Fragen. Meiner Einschätzung nach können wir diese Fragen nicht innerhalb des Prozesses klären.

Wenn Vorwürfe von Missbrauch im Raum stehen, muss anders vorgegangen werden, als es ein Seligsprechungsverfahren vorsieht. Sollten neue Erkenntnisse vorliegen, die all die offenen Fragen zufriedenstellend beantworten, ist es nicht ausgeschlossen, dass das Verfahren wieder aufgenommen werden kann. 

Frage: Welche Ergebnisse haben die Untersuchungen der vom Bistum im vergangenen Jahr beauftragten Experten ergeben?

Ackermann: Es hat noch keine Untersuchungen gegeben, so weit waren wir noch nicht. Bisher habe ich im Gespräch mit Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen nach Wegen gesucht, wie bei dieser Sachlage richtig vorzugehen ist. So habe ich die Überlegung zur Einsetzung einer weiteren Historikerkommission wieder verwerfen müssen, weil diese nicht das leisten kann, was es hier braucht: freie und transparente Forschung. Und nach weiteren Beratungen war eben auch klar, dass das nicht im Rahmen eines von mir geführten und beauftragten Prozesses sein kann, sondern unabhängig vonstatten gehen muss.   

Frage: Zusammen mit den Anschuldigungen wurden Dokumente öffentlich, die Pater Kentenich belasten. Warum reichen die bisher aufgetauchten Zeugnisse nicht aus für ein Urteil über den Schönstatt-Gründer?

Ackermann: Ich meine, dass gerade die Diskussionen der letzten beiden Jahre, aber auch das Wissen um neu verfügbare Dokumente zeigen, dass wir noch nicht am Ende sind mit dem, was es über Leben, Wirken und Spiritualität von Pater Kentenich zu sagen gibt. Deshalb muss noch viel mehr geforscht werden. Gleichzeitig kann ich aber nicht einen Seligsprechungsprozess für eine Person fortführen, gegen die Anschuldigungen vorliegen, die derzeit nicht sicher entkräftet werden können

Deckblatt und Eid zur Aussage von Sr. Georgia im Seligsprechungsprozess Kentenich von 1986
Bild: ©Provinzarchiv der Pallottiner Limburg (Archivbild)

1986 wurde Sr. Georgia im Seligsprechungsprozess für Josef Kentenich unter Eid befragt. Die Aussagen decken sich mit den Vorwürfen, die sie bereits 1948 in einem Brief an die Generaldirektorin Sr. Anna erhoben hatte. Aussagen wie ihre finden sich mehrere im Archiv und in der Dokumentensammlung.

Frage: Sehen Sie die Zeugenaussage von Schwester Georgia Wagner im Kanonisationsprozess vom 5. Juni 1986 als glaubwürdig an? Darin wurden erhebliche Vorwürfe unter Eid zu Protokoll gegeben.

Ackermann: Ich kann und möchte mich nicht zu einzelnen Aussagen im Seligsprechungsverfahren äußern. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass ich die Aussage von Sr. Georgia Wagner ernst nehme. Ihre Frage zeigt aber das Dilemma in dem Verfahren auf: Die Aussage ist Teil eines "Puzzles" und kann nicht isoliert bewertet werden. Es ist zu fragen: In welchem Kontext wurde sie gemacht? Gibt es weitere Aussagen von der Person? Gibt es weitere Hinweise an anderer Stelle zu dem, was Sr. Georgia hier zur Sprache bringt? 

Und dieses "Puzzle" – zu dieser Erkenntnis bin ich im Laufe der zurückliegenden Beratungen gekommen –, kann nicht im Rahmen des Seligsprechungsverfahrens so zusammengesetzt werden, dass wir das notwendige Gesamtbild erhalten. Es braucht Einzelstudien verschiedener Disziplinen, deren Erkenntnisse dann zusammengefügt werden können. Gerade deshalb rege ich an, dass sich die Forschung dieser Fragen annimmt.

Frage: In welcher Form wird das Bistum weitere Forschungen zu Pater Kentenich begleiten und zur Beantwortung der Frage beitragen, ob Pater Kentenich ein Missbrauchstäter war?

Ackermann: Mit der Aussetzung des Prozesses wird es keine Aktivitäten von Seiten des Bistums mehr geben. Natürlich werde ich mit Interesse verfolgen, ob es eine unabhängige, interdisziplinäre Forschung zur Person Kentenichs gibt und was sie erbringt. Ich selbst werde mich daran nicht beteiligen.

Gleichzeitig ist es mir wichtig zu sagen, dass die Aussetzung des Seligsprechungsprozesses kein negatives Urteil ist über die weltumspannende Arbeit aller, die sich in den verschiedenen Gruppierungen und Instituten der Schönstatt-Bewegung engagieren. Die Familien, die Jugendlichen, die vielen Frauen und Männer sind im Auftrag des Evangeliums unterwegs und bezeugen den Herrn der Kirche, dessen Auferstehung wir gerade wieder feiern durften.

Von Felix Neumann