Standpunkt

Holt die Idole von ihren Sockeln

Aktualisiert am 04.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Das Seligsprechungsverfahren für Schönstatt-Gründer Pater Josef Kentenich liegt wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn auf Eis. Ein richtiger Schritt, schreibt Christoph Paul Hartmann. Er würde aber noch viel weiter gehen.

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Die Vorwürfe gegen den Schönstatt-Gründer Pater Josef Kentenich kursieren schon seit zwei Jahren. Jetzt hat der Trierer Bischof Stefan Ackermann das seit 1975 laufende Seligsprechungsverfahren ausgesetzt. Das ist sicher ein richtiger Schritt; es kann nicht sein, dass bei einem Missbrauchsverdächtigen über eine Seligsprechung debattiert wird.

Es ist nicht die erste scheinbare Lichtgestalt der Kirche, deren Sockel beim genaueren Blick auf Leben und Wirken zu wackeln beginnt. Zahlreiche geistliche Gemeinschaften mussten schon feststellen, dass ihre charismatische Gründungspersönlichkeit nicht vollumfänglich als Fundament für das Glaubensleben taugt. Auch beim mittlerweile heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II. kam durch Recherchen zu seinen Versäumnissen im Umgang mit Missbrauch die Frage auf, ob die Ehre der Altäre nicht vielleicht ein wenig vorschnell vergeben wurde. Und das ist nur die Spitze der Ehrerbietung: Seminare, Bildungshäuser und viele weitere Einrichtungen wurden in der Vergangenheit schon oft nach Personen benannt, auf die später Schatten fielen – sei es etwa wegen ihrer politischen Haltung.

Damit wird an einen grundlegenden Mechanismus des Katholizismus gerührt: den Glauben mit seinen abstrakten Prinzipien und Denkgebäuden durch Vorbildfiguren nachvollziehbarer und greifbarer zu machen. Das geht allerdings oft nur so lange gut, wie die betreffende Person so lange tot ist, dass kaum noch authentische Aufzeichnungen zu ihrem Leben existieren, die das gepflegte Bild konterkarieren könnten. Bei denen, die noch im weitesten Sinne unsere Zeitgenossen sein könnten, ist es geradezu unmöglich, unanfechtbare Persönlichkeiten zu finden. Denn niemand hat eine völlig weiße Weste, daran ändert auch ein "Hl." vor dem Namen nichts.

Was aber tun? So wichtig der Bezug auf wahrhaftige Menschen ist, so sehr muss im Blick bleiben, dass es eben "nur" Menschen sind, die Fehler begangen haben und Schwächen hatten. Dafür kann und muss ein kritischer, ausführlicher Blick auf sie geworfen und müssen die aussortiert werden, an denen man sich lieber kein Vorbild nimmt. In den vergangenen Jahren hat das etwa bei Straßenbenennungen bereits begonnen. Auch bei Selig- und Heiligsprechungsverfahren muss die kritische Rezeption einer Persönlichkeit mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Momentan ist der Prozess – das sagte auch Ackermann – darauf nicht ausgelegt. Das muss sich ändern. Das kann und sollte dann auch dazu führen, dass nicht mehr in so großem Umfang heiliggesprochen wird, wie das momentan der Fall ist. Es braucht also kein riesiges Personaltableau – deshalb sollten auch Personenbezüge bei Gemeinschaften, Gebäudebenennungen oder Katechesen vermehrt hinterfragt werden.

Aber selbst die Bezugspersonen, die sich nichts Gravierendes zu Schulden kommen lassen, können nie als ausschließliches Fundament für Glauben dienen – denn den muss jeder Mensch selbst füllen. Vorbilder können da nur ein Anschub sein, nicht mehr. Es wird Zeit, den ein oder anderen vom Sockel zu holen – um den Blick auf den Himmel frei zu bekommen.

Von Christoph Paul Hartmann

Der Autor

Christoph Paul Hartmann ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.