Standpunkt

Der Kirchenaustritt als Schönheitsoperation? Nicht mit mir!

Aktualisiert am 23.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Volker Resing merkt in seinem Umfeld, dass ein Kirchenaustritt immer beliebter und akzeptierter wird. Er sei wie eine bürgerliche Schönheitsoperation, kritisiert der Journalist – und erklärt, warum er in der Kirche bleibt.

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Der Druck steigt, in allen Lebensbereichen. Neulich erzählte mir eine Freundin, der Steuerberater habe sie auf eine hässliche Stelle in der Steuererklärung aufmerksam gemacht. Das ist doch unschön, so viel Geld fließe da einfach unnötig ab. Könnte man das nicht korrigieren? Als ob das höhere Netto-Einkommen dann ein Verdienst der teuren Beratung wäre.

Der Kirchenaustritt beginnt alltäglich zu werden, wie der gut beleumundete Abschied von etwas Altem, Belastendem, etwas, was sich nun wirklich überlebt hat, etwas, was einen aufhält. Frühjahrsputz. Endlich mal den Keller ausmisten! "Schau Dir doch diese Kölner Katastrophe an, unsere Kirchensteuern werden da verschleudert für irgendwelche Schulden irgendwelcher verkorkster Priester." So wird auch in Berlin geredet. Na klar. Oder es geht auch noch grober: "Gehst Du wirklich am Sonntag in die Kirche. In diesen verkommenen Laden?" Das sind so Gespräche auf Partys in lauen Sommernächten. Danke auch! Der Kirchenaustritt wird fast schon so etwas wie ein Befreiungsschlag, eine Art bürgerlich-akzeptierte Schönheitsoperation, um nicht mit diesem fetten Pickel "Bin katholisch" herumlaufen zu müssen.

Hans Joas schreibt in seinem wunderbaren neuen Buch "Warum Kirche?", die Debatten um Kirche und Kirchenreformen würden in Deutschland in "der Stimmung des drohenden Untergangs" stattfinden. Doch es ist eben diese Stimmung selbst, die zu dem pickeligen Gesicht führen kann. Alle Krisen und Skandale, alles Unrecht und alle Verletzungen, alles himmelschreiende Versagen und die verzweifelte Verdruckstheit kann ich als Katholik oder als Katholikin gar nicht schultern. Es ist eine völlige Überfrachtung und unzulässige Anmaßung alles das, was "Kirche" ist, mit meiner großartigen kleinen Kirchenmitgliedschaft zu verknüpfen. Hören wir auf damit, uns dies anzutun. Es gibt auch die falschen Kreuze, die man auf sich nimmt. Mein Katholisch-Sein hat vor allem mit mir zu tun, wenn Du etwas darüber wissen willst, rede mit mir, nicht über Bischöfe.

Im Moment erklären ja so viele gerne theatralischen ihren Austritt. Wenn sie sonst keine Aufmerksamkeit bekommen. Ich bleibe still und leise (fast) und mit Freude und Langmut und Sehnsucht - dabei!

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing leitet das Ressort "Berliner Republik" beim Magazin "Cicero".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.