Wie sich katholische Bistümer für Flüchtlinge einsetzen

Die Stunde des Ehrenamts

Aktualisiert am 14.10.2014  –  Lesedauer: 
Flüchtlinge

Bonn ‐ Die Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland geht weiter. Der Deutsche Städtetag hat am Montag von Bund und Ländern mehr Unterstützung bei der Aufnahme von Flüchtlingen verlangt. Die Städte arbeiteten "im Krisenmodus", hieß es zur Begründung. Hilfswerke wie etwa jüngst das Rote Kreuz fordern einen nationalen Flüchtlingsgipfel. Auch die Kirche engagiert sich. Katholisch.de hat exemplarisch bei einigen Bistümern nachgefragt, wie die Hilfe konkret aussieht.

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Bild: ©Jörg Hackemann/Fotolia.com

Die Skyline von München.

Erzbistum München und Freising

In dem bayerischen Erzbistum gibt es laut Sprecher Bernhard Kellner seit 2013 den Grundsatzbeschluss, geeigneten Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten. In Gebäuden oder Wohnungen sowie auf Grundstücken von Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen der Erzdiözese gebe es derzeit 670 Plätze in 34 Projekten, teilte Generalvikar Peter Beer am Wochenende in Freising mit. Gut 20 weitere Objekte würden noch auf ihre Eignung als Unterkunft überprüft. Aus den Pfarrgemeinden gebe es eine "Welle an Hilfsbereitschaft", freut sich Kellner. Es müsse aber auch stets überprüft werden, ob alle Aufgaben auch von Ehrenamtlichen zu leisten seien.

"Die Menschen kommen schwer traumatisiert zu uns oder stammen aus einem ganz anderen Kulturkreis", sagt Kellner und betont, dass auch Fachpersonal aus kirchlichen Einrichtungen im Einsatz sei, das die Flüchtlinge qualifiziert berate und begleite. Eine Besonderheit in München ist das Alveni-Jugendhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Außerdem weist auch der Münchener Kardinal Reinhard Marx, der gleichzeitig Vorsitzender der Bischofskonferenz und Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft ist, immer wieder auf Missstände in Europa, Deutschland und Bayern hin. Im Sommer kritisierte er die Lage von Flüchtlingen in Gemeinschaftsunterkünften. Es sei "deprimierend" für ein Land wie Bayern, wenn die Hälfte der Flüchtlinge keine Sozialberatung erhalten könne, so Marx.

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Video: © Tobias Böcher

Mit gutem Beispiel voran

Bistum Hildesheim

Das Bistum Hildesheim hat mindestens zwei gute Gründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen: Zum einen ist sein Oberhirte Norbert Trelle innerhalb der Bischofskonferenz der Migrationsbischof und zum anderen gehört Niedersachsen, in dem die Diözese liegt, zu den Bundesländern, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Im Grenzdurchgangslager Friedland hat die Caritas eine Stelle. Im Bistum gebe es zudem diverse lokale Flüchtlingshilfen auf Gemeindeebene, die von anpackenden Ehrenamtlichen getragen würden, berichtet Bistumssprecher Volker Röpke.

Organisierte Hilfen leiste die Caritas, die etwa in Hannover drei Unterkünfte mit rund 100 Flüchtlingen unterhalte und in Notunterkünften in Cuxhaven und Peine Beratung anbiete. Außerdem gebe es die "Malteser Migranten Medizin", bei der Ärzte und Pfleger ehrenamtlich Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus behandeln. "Dieses Engagement ist Bischof Trelle ein Herzensanliegen und deshalb bittet er während des noch ein Jahr dauernden Bistumsjubiläums um Spenden für die Malteser Migranten Medizin", berichtet Röpke. Insgesamt beobachte die Caritas im Bistum, dass die Flüchtlingszahlen seit Jahren steigen.

Bistum Rottenburg-Stuttgart

Mit einem eigenen Flüchtlingshilfefonds stellt die Diözese Rottenburg-Stuttgart 3,5 Millionen Euro zur Förderung vielfältiger Projekte zur Verfügung. Das Geld soll dazu dienen, verlässliche Strukturen aufzubauen, die auch über das Bereitstellen von Unterkünften hinausgehen. Zahlreiche Einrichtungen haben schon jetzt Mittel aus dem Fonds zur Unterstützung ihrer Projekte beantragt.

So ist beim Stuttgarter Caritasverband im Oktober ein Projekt zur frühzeitigen psychologischen und seelsorgerischen Erstversorgung traumatisierter Flüchtlinge angelaufen. Auch der Verein refugio Stuttgart e.V. will mit einer psychosozialen Regionalstelle und einem mobilen Team eine zeitnahe Behandlung traumatisierter Menschen ermöglichen. Bisher müssten diese laut Aussage des Vereins bis zu sieben Monate auf ein erstes Gespräch warten. Der Verein will das Projekt im November beginnen.

Der Flüchtlingshilfefonds der Diözese ermöglicht es dem Caritasverband außerdem, den vielen ehrenamtlich Engagierten hauptamtliche Kräfte zur Seite zu stellen. Diese unterstützen die Ehrenamtlichen, indem sie einzelne Projekte anleiten und koordininieren, aber auch durch fachliche Kompetenz, etwa in Rechtsfragen und bei seelsorglichen Aufgaben.

Limburger Dom über grünen Baumwipfeln und unter blauem Himmel
Bild: ©Lachfix/Fotolia.com

Das Bistum Limburg ist eines der jüngsten Bistümer in Deutschland. Es wurde 1827 gegründet. Das Gebiet der Diözese umfasst rund 6.000 Quadratkilometer in den Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz. Dort leben etwa 2,4 Millionen Menschen, davon sind 677.400 Katholiken. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung beträgt demnach 28 Prozent.

Bistum Limburg

Eine "Willkommenskultur für Flüchtlinge" will das Bistum Limburg gezielt fördern. Wolfgang Rösch, Ständiger Vertreter des Apostolischen Administrators, nannte dieses Schlagwort anlässlich des diesjährigen Neujahrsempfangs daher auch gleich als ein Schwerpunktthema. Beim Katholikentag in Regensburg hatte sich das Bistum insbesondere mit dem Thema Flüchtlingsarbeit vorgestellt.

Eine Hauptrolle in der Sorge um geflohene Menschen spielt die Bistumsbeauftragte Sabine Dill-Arthen, die seit April die eigens geschaffene Stabsstelle beim Apostolischen Administrator leitet. Unterstützt wird ihre Arbeit durch einen Beirat, der auch die politische Anwaltschaft für die Flüchtlinge unterstützen soll.

Zu ihrem Aufgabenkatalog gehört auch die Vermittlung von Wohnraum. Dazu wurden in den vergangenen Monaten beispielsweise Pfarreien angeschrieben und nach leerstehenden Pfarrhäusern gefragt. Das Bistum will aber nicht lediglich ein Dach über dem Kopf bereitstellen, sondern den Menschen helfen, in der Diözese Limburg eine Heimat zu finden. Zur Flüchtlingsarbeit zählt auch die Stärkung der Ehrenamtsnetzwerke. Das Bistum stellt unter anderem Best-Practice-Beispiele vor.

Nicht nur am Flughafen Frankfurt am Main, der auf dem Gebiet des Bistums Limburg liegt, lässt sich feststellen, dass das Thema Flüchtlingsarbeit an Bedeutung gewinnt. Um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden, hat das Bistum in diesem Jahr umfangreiche Mittel, etwa zur Schaffung der neuen Stabsstelle, zur Verfügung gestellt.

Bistum Würzburg

Mehr als verdoppelt hat sich die Zahl der Flüchtlinge im Bistum Würzburg in den vergangenen zwei Jahren. Im September 2014 zählte der Würzburger Caritasverband knapp 3.500 Flüchtlinge. Zur Betreuung dieser Menschen beschäftigt der Verband derzeit 30 Mitarbeiter an 11 Standorten, 12 weitere Stellen sind schon geplant.

Für Mitte Oktober ist im Don-Bosco-Berufsbildungswerk der Caritas in Würzburg eine Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geplant. In dieser Erstaufnahmestelle wird es Platz für 12 Jugendliche und Kinder geben, später sollen noch einmal genauso viele Plätze dazu kommen. Die Stelle übernimmt für die jungen Flüchtlinge die Klärung von gesundheitlichen und rechtlichen Fragen, hilft aber auch beim Blick auf Zukunftsperspektiven, etwa im Bereich schulischer Bildung. In kirchlichen Einrichtungen dieser Art stehen im Freistaat derzeit 200 Plätze für unbegleitete Jugendliche zur Verfügung.

Am 10. Oktober waren im Würzburger Mutterhauskloster der Erlöserschwestern 50 Flüchtlinge eingetroffen. Die Schwestern hatten in einem ehemaligen Exerzitienhaus kurzfristig Platz für 100 Menschen geschaffen. Weitere 50 Personen werden in den kommenden Tagen erwartet. Bei der Einrichtung der Räumlichkeiten hatten insbesondere Schülerinnen und Schüler zweier Fachschulen in Caritas-Trägerschaft geholfen.

Erzbistum Paderborn

Aus dem Katastrophenfonds des Erzbistums stellt der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker eine Million Euro zur Flüchtlingshilfe bereit. Aus dem Hilfsfonds können Fördermittel für Solidaritätsprojekte in den Pfarreien beantragt werden. Um die Anbindung an die Gemeinden vor Ort zu wahren, sollen die Mittel ausdrücklich nur ehrenamtlichen Projekten zukommen. Personalkosten trägt der Fonds nicht.

Der Hilfsfonds soll laut Erzbischof Becker die Solidarität der Gläubigen finanziell unterstützen, die er bei seinen Besuchen in den Gemeinden gespürt habe. In einem Brief an die Pfarreien nannte er "Willkommens- oder Integrationsfeste" als Beispiele für förderungsfähige Projekte.

Neben der Erzdiözese selbst leisten auch die kirchlichen Organisationen und Einrichtungen einen wichtigen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit im Erzbistum Paderborn. Im westfälischen Nieheim hatte das Kolping-Bildungswerk Paderborn bereits im vergangenen Jahr ein Flüchtlingsheim eröffnet. In einem ehemaligen Kolping-Bildungshaus sind derzeit 150 Menschen untergebracht. Zwar wurde die Einrichtung Anfang des Jahres wie geplant nach einem Jahr Laufzeit wieder geschlossen, wurde jedoch vor einigen Wochen aufgrund der akuten Lage wieder eröffnet. Demnächst sollen im benachbarten Bad Driburg weitere Plätze geschaffen werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen nimmt aufgrund seiner Einwohnerzahl und Finanzkraft im Vergleich zu den anderen Bundesländern den größten Anteil Flüchtlinge auf. Dies führt zu einem rasanten Wachstum der Aufnahmeeinrichtungen. Das Flüchtlingsheim in Burbach im Süden des Landes nimmt bis zu 700 Personen auf.

Die Skyline von Berlin, links der Reichstag, rechts der Fernsehtumr, im Vordergrund die Spree.
Bild: ©Marco2811/Fotolia.com

Die Berliner Skyline.

Erzbistum Berlin

Die aus den Medien wohl bekannteste Hilfsaktion des Erzbistums Berlin ist das ökumenische Engagement für die "Flüchtlinge vom Oranienplatz", die monatelang in Kreuzberg campiert hatten. Aber sie sind nicht das einzige Beispiel. "Hier haben sich schon seit längerem die Probleme zugespitzt", berichtet Bistumssprecher Stefan Förner. Auf politischer Ebene sei die Kirche im Kontakt mit den Akteuren in Verwaltung und Politik, mit Parteien und (Landes-)Parlamenten. Aber es ließen sich nicht immer alle Pläne umsetzen. So habe etwa Kardinal Rainer Maria Woelki noch als Berliner Erzbischof der Stadt im Frühjahr vorgeschlagen, ein Tagungshaus der Kirche als Unterkunft für Flüchtlinge zu nutzen. Dies war laut Förner aber an organisatorischen Fragen gescheitert.

Das Engagement der Kirche habe es jedoch schon lange vor der aktuell zugespitzten Lage gegeben, etwa durch Verbände wie den Malteser-Hilfsdienst oder den Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Auf der Ebene von Pfarrgemeinden beteiligt sich beispielsweise St. Christophorus an dem ökumenischen Arbeitskreis "Asyl in der Kirche" und mit Harry Karcz gibt es einen Priester, der für die Seelsorge der christlichen Flüchtlinge aus dem Irak zuständig ist.

Von Agathe Lukassek und Kilian Martin