Bischof Hanke wirbt für die "Theologie des Leibes"

"Leib und Geist nicht trennen"

Aktualisiert am 15.11.2014  –  Lesedauer: 
Theologie

Eichstätt ‐ Schon zum zweiten Mal findet in Eichstätt dieses Wochenende eine internationale Tagung zur "Theologie des Leibes" von Papst Johannes Paul II. statt. Im Interview erläutert der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke die Aktualität dieses ganzheitlichen Ansatzes. Er könnte die katholische Kirche in die Lage versetzen, mit Zeitgenossen "ohne sauertöpfische Miene und moralischen Zeigefinger" über Fragen des Zusammenlebens ins Gespräch zu kommen, findet der Bischof.

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Frage: Herr Bischof, die katholische Kirche gilt vielen als leibfeindlich. Ist das nur ein Missverständnis?

Hanke: Mit seiner "Theologie des Leibes" ist Johannes Paul II. meines Erachtens ein großer Wurf gelungen. Ausgehend von der Bibel und philosophischen Überlegungen hat er sich in seinen Katechesen bemüht, uns die Schönheit des Menschseins und seiner leiblichen Verfasstheit neu ins Bewusstsein zu rufen. Dabei legte er dar, wie die Leiblichkeit des Menschen in der Polarität von Mann und Frau darauf angelegt ist, sich hinzugeben und wechselseitig zu empfangen.

Frage: Die antike griechische Philosophie, von der das Christentum stark beeinflusst wurde, sprach vom Leib abfällig als Grabmal der Seele.

Hanke: Ja, dagegen hat sich Johannes Paul II. sehr stark gewendet. Diese negative Apostrophierung hat er abgelehnt. Wir haben ja auch vergleichbare Strömungen bei uns, wenn Philosophen dem Rückzug auf einen Subjektivismus das Wort reden, der das Leibliche ganz außer Acht lässt und den Menschen nur in seiner Geistigkeit wertschätzt.

Frage: In Deutschland ist nur wenig von einer "Theologie des Leibes" zu hören. Woran liegt das?

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Video: © Saskia Gamradt/Sarah Schortemeyer

Für die katholisch.de-Serie "Freundebuch" hat uns Gregor Maria Hanke einen Einblick in sein Leben gewährt.

Hanke: So richtig kann ich mir nicht erklären, dass dieser Ansatz bei uns bisher kaum aufgegriffen wird. Jedenfalls nehme ich das so wahr.

Frage: Dass die Kirche Seelsorge betreibt, leuchtet jedem ein. Wie aber sähe eine kirchliche Leibsorge aus?

Hanke: Wir dürfen Leib und Geist nicht trennen. Wir müssen das immer zusammensehen. Leibsorge heißt dann nicht Bodystyling und Körperkult als Selbstzweck, wie es manche zeitgeistige Strömungen in einseitiger Überhöhung propagieren. Der Leib ist mehr als gestaltbare Materie, er ist rückbezogen auf das Geistige, das Religiöse. Johannes Paul II. wollte, dass dies nicht voneinander getrennt wird.

Frage: Was hat eine "Theologie des Leibes" in die aktuellen Debatten um Wiederverheiratete und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften einzubringen?

Hanke: Sie kann uns den Schöpfungsplan Gottes neu zugänglich machen, und zwar nicht in einer moralinsauren Art und Weise, sondern vom Gedanken der Schönheit her. Durch die Polarität des Menschen, in seinem Mann-Sein und Frau-Sein und in seinem Bezogensein aufeinander will Gott dem Menschen den Weg zu einem erfüllten Leben eröffnen. Deshalb sollten wir nicht ständig mit sauertöpfischer Miene auftreten und den moralischen Zeigefinger heben. Die "Theologie des Leibes" hat ein wunderbares Potenzial, die Schönheit unserer Berufung im Mann-Sein und Frau-Sein aufzuzeigen.

Frage: Der emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner beklagte unlängst, bei den jüngsten Beratungen der Außerordentlichen Synode zu Familienfragen sei der heilige Papst Johannes Paul II. von den Organisatoren quasi ausgesperrt worden. Teilen Sie diese Kritik?

Hanke: Ich kenne die Zusammensetzung der Synode im Detail nicht. Persönlich war ich etwas überrascht, dass keiner der Mitarbeiter und Theologen der von Johannes Paul II. ins Leben gerufenen Institute - da gibt es eines in Rom, aber auch eines in den USA - zu den Beratungen eingeladen war. Sie hätten die Synode sicher bereichert. Aber vielleicht geschieht das noch bei der nächsten Sitzung.

Von Christoph Renzikowski (KNA)