Google bietet virtuelle Nachlassverwaltung an

Das digitale Testament

Aktualisiert am 12.04.2013  –  Lesedauer: 
Internet

Bonn ‐ Noch vor zwanzig Jahren war die Nachlassverwaltung nach dem Tod eines Menschen ein überschaubares Unterfangen. Die Wohnung wurde entrümpelt, Papiere sortiert, Erinnerungen an Familienmitglieder weitergegeben, Wertvolles vererbt. Der Mensch im 21. Jahrhundert dagegen hinterlässt nicht nur Greifbares, sondern eine unvorstellbare Anzahl Bits und Bytes im Netz.

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Was aber passiert mit dem digitalen Nachlass, wenn man nicht mehr ist? Als Antwort darauf hat Google nun das digitale Testament eingeführt. Jeder Nutzer, der einen Google-Account besitzt, kann darin verfügen, was mit seinen Youtube-Videos, Picasa-Bildern, E-Mails und sonstigen Daten passieren soll, die er bei den wichtigsten Diensten des Internetanbieters gespeichert hat. Entweder gewährt Google bis zu zehn vorher bestimmten Personen Zugang zu den Accounts des Verstorbenen oder es löscht sie komplett.

Zuständig ist der "Inactive Account Manager", wie es auf Google-Deutsch heißt. Der Service ermöglicht den Hinterbliebenen damit das virtuelle Entrümpeln, Sortieren, Sichern und Vererben. Und da sich heutzutage das halbe Leben im Netz abspielt, wird so ein wichtiger Teil des Nachlasses zugänglich, ohne dass man sich den Zugang erst vor Gericht erstreiten muss.

Achtung Fallstricke

Aber Vorsicht: Der User unterschreibt sein virtuelles Todesurteil, wenn er sich über einen gewissen Zeitraum - drei, sechs, neun oder zwölf Monate - nicht mehr eingeloggt hat. Zur Sicherheit sendet Google noch eine SMS oder eine E-Mail. Danach greift die Verfügung wie oben beschrieben.

Nutzer, die sich unerreichbar auf einen längeren Survival-Trip durchs Amazonasgebiet begeben möchten, sollten deshalb vorher besser ihre Einstellungen prüfen. Andernfalls könnten sie eine böse Überraschung erleben, wenn sie zurückkommen. Denn Google hat dann vielleicht nicht nur alle Daten gelöscht, sondern das persönliche Umfeld vom Ableben des Reiselustigen in Kenntnis gesetzt.

Für den Google-Konzern hat der digitale Nachlass natürlich Vorteile. Zum einen erfährt er mehr über seine Nutzer, die unter anderem eine gültige Handynummer angeben müssen. Zum anderen kann er Platz in der Datenbank schaffen und sich der unrentablen Profile verstorbener Kunden entledigen. Vor allem ersteres erntet unter deutschen Usern Kritik. Auf der Google-Blog-Seite überschlagen sich die Leser jedoch vor Begeisterung und sinnieren darüber, wohin die gelöschten Daten wohl gehen und ab wann man Google endlich auch im Paradies nutzen kann...

Wie läufts bei Facebook und Co.?

Auch andere Internetdienste bieten bereits eine Nachlassverwaltung in der Netzwelt an. Facebook friert auf Wunsch das Profil des Verstorbenen ein, damit es als Ort des Gedenkens erhalten bleibt oder der Konzern löscht den Account. Xing sperrt das Nutzerkonto zunächst und entfernt es nach drei Monaten. Web.de und GMX vergeben ein Einmal-Passwort an die Angehörigen, so dass diese auf das Konto zugreifen können. Yahoo sieht das nicht vor, hier erlischt der Account automatisch mit dem Tod des Nutzers.

Übrigens: Wer auf digitalem Weg ein paar letzte Worte für seine Familie, seine Freunde oder seinen Chef finden möchte, kann das über den Londoner Dienst Deadsocial tun. Dieser versendet Twitter- und Facebook-Nachrichten, aber auch Audios oder Videos quasi aus dem Grab heraus.

Von Janina Mogendorf