Bislang unbekanntes Schreiben erläutert Kriegsdienstverweigerung

Neuer Text Franz Jägerstätters zeigt Motivation für Widerstand

Aktualisiert am 24.05.2022  –  Lesedauer: 

Linz ‐ Weil er dem Nazi-Regime nicht als Soldat dienen wollte, ging Franz Jägerstätter in den Tod. Nun ist ein neues Dokument aus seiner Feder aufgetaucht. Darin erläutert er die Gründe für seine Schritte – und wie sein Glaube ihn zum Widerstand führte.

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Ein bislang unbekanntes Schriftstück von Franz Jägerstätter macht die Motivation des wegen "Wehrkraftzersetzung" von den Nationalsozialisten ermordeten Seligen deutlich. Am Wochenende stellte das Franz-und-Franziska-Jägerstätter-Institut an der Katholischen Privat-Universität Linz das zweiseitige handschriftliche Dokument der Öffentlichkeit vor. Zeitangaben legen nahe, dass es sich dabei um einen der letzten Texte handelt, die Jägerstätter vor seiner Verhaftung am 2. März 1943 verfasst hat. Inhaltlich befasst sich der Text mit der Frage nach der Legitimität der Kriegsdienstverweigerung. Typisch für Jägerstätter ist der Einstieg mit einer thematischen Frage, hier: "Wie kam ich eigentlich auf die Idee nicht einzurücken?"

"Wir können von einem Text sprechen, der einige unbekannte Elemente im uns bekannten Schrifttum des Seligen Franz Jägerstätter aufweist", so der Institutsleiter Andreas Schmoller – auch wenn das Schreiben das bisher von der Forschung gezeichnete Bild des Österreichers nicht über den Haufen werfe. "Der Inhalt steht im eindeutigen Gleichklang mit den bekannten Jägerstätter-Überlegungen zum gerechten Krieg, zum anti-christlichen Charakter des NS-Regimes und dem Verhältnis zwischen religiöser und weltlicher Obrigkeit", so Schmoller weiter. Insbesondere werde nachgezeichnet, wie Jägerstätter seine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, abgewogen und entwickelt habe. In der Argumentation Jägerstätters sei die sich entwickelnde Haltung der Kirche zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen vorgezeichnet.

Jägerstätters Biographin Erna Putz wies darauf hin, dass in dem neuen Text besonders die geistliche Dimension deutlich werde. Dass es keine Sünde sein könne, wenn er dem Befehl zur Einberufung nicht folgen würde, verdanke Jägerstätter dem Wirken Gottes: "Als ich aber meine Zuflucht zu Gott nahm, […] schickte er mir aber dadurch Rettung …", heißt es in dem Text.

Zufallsfund bei lokalhistorischer Recherche

Das Schriftstück liegt dem Institut erst seit vergangenem September vor. Es ist im Rahmen von Recherchen zu einer Höfechronik in Nachlassmaterialien eines privaten Haushaltes zufällig gefunden worden, stammt also nicht aus dem Nachlass der Familie. Nach Begutachtung von Material, Schriftbild und Inhalt des Briefes stand laut Institut zweifelsfrei fest, dass es sich tatsächlich um einen echten Jägerstätter-Text handelt.

Der 1907 in Radegund in Oberösterreich geborene Franz Jägerstätter war Bauer und stellte sich schon früh, unterstützt von seiner Frau Franziska, gegen die Nationalsozialisten. Bei der Volksabstimmung nach dem Anschluss stimmte er als einziger in seinem Ort mit "Nein" gegen die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. 1943 erklärte er nach seiner Einberufung in die Wehrmacht seine Kriegsdienstverweigerung. Im selben Jahr wurde er in Berlin wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil ermordet. 2007 wurde Jägerstätter im Linzer Mariendom seliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 21. Mai, sein Tauftag. (fxn)