"Kann sein, dass man Frieden auch mit Gewalt verteidigen muss"

Overbeck: In Russland wäre ich nicht Militärbischof

Aktualisiert am 07.06.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Um Frieden zu schaffen könne es sein, dass auch Gewalt eingesetzt werden müsse, sagt Militärbischof Overbeck. Damit sei jedoch immer auch eine "unbezweifelbare Tragik" verbunden. Viele Soldaten würden derzeit seelisch belastende Fragen umtreiben.

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Militärbischof Franz-Josef Overbeck hat erneut seinen Standpunkt zum Krieg in der Ukraine bekräftigt. "In einem Land wie Russland wäre ich unter den vorherrschenden Bedingungen nicht Militärbischof", sagte der Essener Bischof im Interview der "Welt" (Dienstag online). "Ich wäre es natürlich auch nicht, wenn die Bundeswehr Angriffskriege führen würde."

Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland seien sich darin einig, "dass es keinen gerechten Krieg gibt", so Overbeck weiter. "Was es gibt, ist ein gerechter Frieden. Es kann sein, dass man diesen Frieden auch mit Gewalt verteidigen muss. Aber der Einsatz von Gewalt ist immer eine Tragödie."

Overbeck: Soldaten treiben seelisch belastende Fragen um

So dient der soldatische Dienst in der Bundeswehr nach den Worten des Bischofs "der Verteidigung von Recht und Freiheit sowie der Erhaltung des Friedens". Das mache deutlich, "welche Verantwortung Soldatinnen und Soldaten tragen, der sie auch in Konfliktsituationen gerecht werden sollen". So müsse zum Beispiel die Anwendung von militärischer Gewalt stets in der rechten Intention geschehen, betonte Overbeck. "Es klingt vielleicht paradox, aber ein gerecht handelnder Soldat muss durch sein Kämpfen Frieden stiften wollen. Es kann sein, dass ein Soldat Gewalt anwenden muss, um Frieden zu stiften, womit eine unbezweifelbare Tragik verbunden ist."

Aktuell trieben viele der Soldaten, die im Osten Europas, etwa in Litauen, stationiert sind, "seelisch belastende Fragen um", erklärte der Ruhrbischof. "Wer dort stationiert war, bekam durch den Kontakt zu Mitgliedern osteuropäischer Armeen schnell eine veränderte Einschätzung der Gefahr, die Russland unter der Führung von Präsident Putin darstellt." Es sei falsch gewesen, die Warnungen der osteuropäischen Länder vor Russland zu ignorieren. "Europa hat zwei Flügel einer Lunge, die beide zum Atmen benötigt werden, den westlichen und den östlichen. Dieses Bild von Papst Johannes Paul II. ist nach wie vor sehr zutreffend." (KNA)