"Ein Krieg ist niemals gerecht"

Overbeck kritisiert Patriarch Kyrill: Kein Christ kann Krieg gutheißen

Aktualisiert am 23.04.2022  –  Lesedauer: 

Essen ‐ Die "Verbindung von Thron und Altar", die Wladimir Putin und Patriarch Kyrill eingegangen seien, sei "unsäglich und vollkommen unethisch", kritisierte Militärbischof Franz-Josef Overbeck. Waffenlieferungen an die Ukraine hält er für sittlich legitim.

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Der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck hat den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. kritisiert. Die "Form der Verbindung von Thron und Altar", die Russlands Präsident Wladimir Putin und Kyrill eingegangen seien, nannte Overbeck in einem Interview der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Samstag) "unsäglich und vollkommen unethisch". Der Bischof von Essen weiter: "Es kann keinen Christen geben, der einen Gewaltkrieg ethisch gutheißt."

Kyrill I. rechtfertigt Russlands Krieg gegen die Ukraine als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen. Anfang April forderte er die Soldatinnen und Soldaten bei einem Gottesdienst in der Hauptkirche der Streitkräfte auf, ihren Eid zu erfüllen. Sie sollten bereit sein, ihr Leben für ihre Nächsten zu geben, wie es die Bibel besage.

"Die russische Orthodoxie lässt sich machtpolitisch vereinnahmen"

Hinter dem Kurs der russisch-orthodoxen Kirche stecke möglicherweise auch "eine Art Überlebensstrategie, gespeist aus der historischen Erfahrung der Verfolgung der Kirche durch die Bolschewisten", sagte Overbeck. "Die russische Orthodoxie lässt sich machtpolitisch vereinnahmen, weil sie hofft, durch Assimilierung die besseren Überlebenschancen zu haben."

Darüber hinaus betonte Overbeck, dass ein Krieg niemals gerecht sein könne. "Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit", sagte der Bischof. Daher müsse alles getan werden, was dem Frieden diene. "Von einem gerechten Krieg spreche ich niemals. Aber von einem gerechten Frieden."

Soldaten der deutschen Bundeswehr stehen in Aufstellung zum Appell.
Bild: ©Thaut Images/Fotolia.com (Archivbild)

"Bei den Einsätzen geht es um den Frieden. Das ist die einzige Begründung, weshalb ich Militärbischof sein kann." Er werde nie müde, "die Soldaten aufzufordern, über die Mittel nachzudenken, die sie einsetzen", sagt Franz-Josef Overbeck.

Diese Haltung versuche er, auch den Soldatinnen und Soldaten weiterzugeben, so Overbeck. "Bei den Einsätzen geht es um den Frieden. Das ist die einzige Begründung, weshalb ich Militärbischof sein kann." Er werde nie müde, "die Soldaten aufzufordern, über die Mittel nachzudenken, die sie einsetzen", betonte Overbeck. "Denn Krieg verwandelt sich schnell in eine Maschinerie der Brutalität."

Auf die Frage, wie er den Satz "Frieden schaffen ohne Waffen" aus aktueller Sicht interpretieren würde, antwortete der Militärbischof: "Es ist ein sinnvoller Satz. Er darf nur nicht naiv ausgelegt werden." Gewalt dürfe immer erst dann eingesetzt werden, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Mit Blick auf die Ukraine fügte Overbeck hinzu, diese nehme ihr Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch. "Ein Volk, dass den Frieden will, hat das Recht, ihn auch zu verteidigen."

Hilfe mit Waffen "sittlich legitim"

Die Waffenlieferungen an die Ukraine verteidigte Overbeck. Er halte es für geboten, dass Deutschland den ukrainischen Truppen auch mit Waffen helfe. "Die Ukraine nimmt ihr Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch. Daher ist es sittlich legitim, dass Deutschland und die Nato auch mit Waffen helfen", sagte Overbeck. "Die Ukraine sollte auch in die Europäische Union aufgenommen werden, weil sie gerade ihren Kopf für unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere Werte hinhält."

Zugleich warnte der Militärbischof vor einer Ausweitung des Krieges. "Die Gewalt, mit der Russland derzeit die Ukraine verwüstet, ist durch nichts zu rechtfertigen", sagte Overbeck. "Sollte die Nato wirklich eingreifen, ergeben sich womöglich Folgen, die nicht mehr beherrschbar sind, etwa der Einsatz atomarer, biologischer oder chemischer Waffen."

Dies müsse unter allen Umständen vermieden werden, betonte der Bischof. "Wie dies geschieht, ist eine politische und militärische Entscheidung. Es verlangt jedenfalls eine äußerste Entschiedenheit seitens der Politik. Sowohl einzugreifen als auch nicht einzugreifen." (cbr/KNA)