Hauptforderungen der Betroffenen seien Transparenz und Vergleichbarkeit

Missbrauchsbeauftragte: Aus der kirchlichen Aufarbeitung lernen

Aktualisiert am 16.07.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Anders als die Kirchen stehen viele Institutionen noch am Beginn der Aufarbeitung von sexueller Gewalt in ihren Reihen. Diese könnten vom Prozess in der Kirche lernen – gerade davon, was nicht so gut funktioniert habe, sagt Kerstin Claus.

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Aus Sicht der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus (53), kann der Verlauf der Missbrauchsaufarbeitung in den Kirchen erheblichen Einfluss auf den Fortgang des Gesamtprozesses haben. "Man kann viel aus dem lernen, was nicht geklappt hat, gerade für die Institutionen, die noch am Beginn der Aufarbeitung stehen oder sich dieser noch gar nicht gestellt haben", sagte Claus im Interview der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Die Hauptforderung der Betroffenen im Raum der Kirchen sind laut der Missbrauchsbeauftragten Transparenz sowie die Vergleichbarkeit von Aufarbeitung. Es dürfe nicht vom Zufall abhängen, wie oder ob Aufarbeitung geleistet wird, betonte Claus. "Hier gibt es bei beiden Kirchen große Probleme, auf die Betroffene zu Recht hinweisen." Es gehe in diesem Kontext nicht um individuelle Aufarbeitung, sondern um die Auseinandersetzung mit der Frage, wie und in welchen Strukturen Missbrauch geschehen konnte und was getan werden müsse, um Wiederholungen zu verhindern.

Strukturen übertragen

Die Erfahrungen der Kirchen zeigten zudem, dass Strukturen aus der Bundesebene zu Aufarbeitung und Bekämpfung von sexuellem Missbrauch auch auf nachgeordnete Ebenen übertragen werden müssten. "Gäbe es die Fachlichkeit und die Expertise, wie wir sie im Bund haben, auch in der Fläche in den Ländern, dann wäre sie auch vor Ort nutzbar, in den Sportverbänden, Bistümern, Landeskirchen, Jugendämtern oder Schulen", erklärte Claus.

Sie plädierte zudem dafür, dass das Thema sexualisierte Gewalt verpflichtend in allen grundständigen Ausbildungsordnungen verankert werde. "Sexuelle Gewalt ist sehr spezifisch, weil sie mit hoch manipulativen Täterstrategien einhergeht", sagte die Beauftragte. Deswegen brauche es "diesen spezifischen Baustein in der Ausbildung und der Weiterbildung für alle Berufszweige, die in ihrer spezifischen professionellen Perspektive auf Kinder blicken", etwa in der Ausbildung medizinischer, pädagogischer, aber auch juristischer Berufe.

Claus ist seit Anfang April Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Sie folgte auf Johannes-Wilhelm Rörig, der das Amt seit 2011 inne hatte. Claus hatte als Journalistin ihren eigenen Fall als Opfer sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche öffentlich gemacht. Sie war in den vergangenen Jahren auch Mitglied im Betroffenenrat, der den Missbrauchsbeauftragten berät. (KNA)