Pastor Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Warum Beten gelernt sein will

Aktualisiert am 23.07.2022  –  Lesedauer: 
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Geldern ‐ Jesus kann begeisternd predigen, Kranke heilen, ja sogar Tote auferwecken – und die Jünger bitten ihn um eine Gebets-Lektion? Pastor Christian Olding überlegt, ob die Jünger vielleicht eine tiefere Wahrheit bereits begriffen haben: Denn wer zu beten wagt, muss mit unerwarteten Hindernissen rechnen.

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Impuls von Pastor Christian Olding

Gebet ist immenser Zeitverlust, es ist so nutzlos, unproduktiv und zweckfrei, dass es alles andere als selbstverständlich ist für den Menschen.

Krankheiten heilen, Tote auferwecken, wirkungsvoll predigen, Menschen für Gott begeistern…, was hätte man nicht gerne von diesem Jesus gelernt. Und doch gibt es nur eine Bitte, die die Jünger an Jesus formulieren: Herr, lehre uns beten.

Für Martin Luther war es selbstverständlich: "Man kann einen Christen ohne Gebet ebenso wenig finden wie einen lebendigen Menschen ohne Puls." Wenn ich Gott wirklich erleben will, wenn er in meinem Alltag eine Rolle spielen soll, dann geht es nicht ohne beten. Der Alltag jedoch mit all seinen Herausforderungen drängt sich massiv auf und nimmt uns in Beschlag. Wir stehen unter der Diktatur der Nützlichkeit, der Zwecke, der Wirtschaftlichkeit und des Gesundheitswahns. Das Gebet ist demgegenüber keine Selbstverständlichkeit, weil es 'nutzlos' ist.

"So spricht der Herr, der Heilige Israels: Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. Der Herr wartet darauf, euch seine Gnade zu zeigen, er erhebt sich, um euch sein Erbarmen zu schenken. (…) wohl denen, die auf ihn warten" (Jes 30,15.18) Darum geht es beim Gebet für mich: Stille, Vertrauen und Gott, der mir entgegenkommt. Wenn ich bete, wenn ich mich auf Gott einlasse, dann bekenne ich damit, dass ich Sehen und Hören, Greifen und Machen nicht als das Alpha und Omega der Welt betrachte. Dass ich das Eigentliche, das mich trägt und Leben ermöglicht, nicht herstellen kann. Das Gebet ist der höchste Ort der Passivität! Im Gebet hat man aufgehört, etwas für sich selbst vorzubringen, eine Rechtfertigung, eine Entschuldigung, ein Argument, eine vorweisbare Stärke. Ich bin und sonst nichts.

Beten heißt: von mir wegsehen, nicht alles von mir selbst erwarten. Beten braucht ein Gegenüber: Gott. Und jeder Mensch ist von ihm nur ein Gebet weit entfernt. Beten ist keine Kunst, sondern Handwerk, das man lernen kann, hat Fulbert Steffensky einmal formuliert. Spiritualität ist nicht die Delikatessenecke für religiöse Feinschmecker in unserer Kirche. Jeder kann es lernen, wie er lesen, schreiben und kochen lernen kann. Die grundlegende Übung ist das Wagnis der Stille. Immer wieder zieht sich Jesus dahin zurück, um so in die Nähe seines Vaters zu gelangen.

In der Stille steigen Ängste und Fantasien auf, Überanstrengungen werden zu quälenden inneren Zwängen, äußere Beziehungslosigkeit löst innere Einsamkeit aus, äußere Perspektivlosigkeit führt zu innerer Verzweiflung. Weit ist dann der Weg aus der Krise in die Ruhe des Herzens, in die Begegnung mit Gott. Das braucht Zeit, Vertrauen und Achtsamkeit. Aber es geschieht! Das ist durchgehende Überzeugung und Erfahrung aller Beter.

"Gebete ändern nicht die Welt. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen ändern die Welt." (Albert Schweitzer)

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 11,1–13)

Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat!

Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!

Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?

Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.

Darum sage ich euch: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden;
klopft an und es wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.

Oder welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

Der Autor

Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

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