Das Denkmal für Martin Luther in der Lutherstadt Eisleben.
Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 10

Martin Luther: Gottessucher und Initiator der Reformation

Seine Suche nach einem gnädigen Gott führte ihn in den Kirchenbann, seine Kritik am Ablasswesen gilt als Initialzündung der Reformation: Wie kaum ein anderer hat Martin Luther die Kirchengeschichte geprägt. Seine Theologie fordert bis heute heraus.

Von Benedikt Bögle |  Bonn - 31.10.2021

Es gilt als die Geburtsstunde der Reformation, auf vielen Gemälden ist der Akt dargestellt: Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Kirchentüre in Wittenberg. Was man als Zeichen des Widerstandes verstehen könnte, dürfte ein normales Vorgehen gewesen sein: Kirchentüren dienten – zumal in einer Universitätsstadt wie Wittenberg – als eine Art schwarzes Brett. Wenn Luther seine Thesen am 31. Oktober und damit am Vorabend von Allerheiligen veröffentlichte, dürfte dies vor allem geschehen sein, um am kommenden Feiertag möglichst viele Leser zu erreichen. Dennoch: Mit den 95 Thesen Luthers beginnt eine Bewegung, die wir heute als Reformation bezeichnen.

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben geboren. Er trat den Augustinereremiten in Erfurt bei. Der Überlieferung nach geht dieser Klostereintritt auf ein Gelübde Luthers zurück: Als er eines Tages in ein schweres Gewitter kam, gelobte er ein Leben als Mönch, sollte er den Sturm heil überleben. Tatsächlich hatte Luther sich aber wohl bereits zuvor mit einem Ordensleben auseinandergesetzt. Er wurde zum Priester geweiht und studierte Theologie. Als Professor für die Auslegung der Bibel hielt Luther Vorlesungen, vor allem über die Psalmen und den Römerbrief. In diesem Buch sollte er dann auch die Anregung für seine neue Theologie finden.

Theologie aus der Krise

Luther befand sich in einer persönlichen Krise: Immer stärker fragte er sich, wie er als sündhafter Mensch vor Gott bestehen könnte. Welche guten Werke kann ein Mensch schon vorbringen? In tiefer Verzweiflung habe er dann, wie er später selbst berichtet, eine Stelle aus dem Römerbrief gelesen und ganz neu verstanden: "Denn in ihm (dem Evangelium) wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben gerechte wird leben." (Röm 1,17) Nicht der Mensch kann sich selbst rechtfertigen, so versteht Luther die Bibelstelle; er ist auf die Gnade Gottes angewiesen.

Luther beginnt nun auch, das Ablasswesen der katholischen Kirche zu kritisieren. Die Menschen, so fürchtet er, verlassen sich auf eine erkaufte Gnade Gottes; auf einen wirklichen Sinneswandel und die Änderung des eigenen Lebens komme es dann gar nicht mehr an. Hier hatten sich tatsächliche Missbräuche eingeschlichen, die mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar waren – Luthers Kritik war also nicht unberechtigt. Seit dem Thesenanschlag eskalierte das Verhältnis zwischen Martin Luther und seiner Kirche aber zusehend; das lag auch daran, dass Rom ihn und seine Wirkung zunächst unterschätzte und eine Einigung für nicht erforderlich hielt. 1521 verhängte der Reichstag den Bann über Martin Luther. Längst ging es nicht mehr nur um den Ablasshandel – sondern auch um die Rechtfertigungslehre, den päpstlichen Primat und Reformideen, bereits ein Jahrhundert zuvor der tschechische Theologe Jan Hus vertreten hatte.

Thesenanschlag in Wittenberg

Luthers Thesenanschlag an der Wittenberg Schloßkirche am Vorabend des Allerheiligen-Fest 1517 gilt als Initialzündung der Reformation. Mit seinen 95 Thesen wollte der Theologieprofessor zu einer Diskussion über das Ablasswesen aufrufen. Ob sie tatsächlich so stattgefunden hat, ist unter Historikern umstritten. (Lithographie von Wilhelm von Löwenstern, um 1827)

Luther lebte nun auf der Wartburg und übersetzte dort die Bibel ins Deutsche. Diese Übersetzungen, aber auch die theologischen Schriften Luthers erreichten durch den damals noch recht jungen Buchdruck unzählige Menschen. Luther arbeitete nun vermehrt auch auf Deutsch, um viele Gläubige zu erreichen. Durch seine Bibelübersetzung prägte Luther die deutsche Sprache wie nur wenige andere Schriftsteller – seine Schriften waren breit bekannt, wurden viel gelesen, Sprachbilder aufgenommen und weiter benutzt. Die Kluft zwischen Luther, seinen Anhängern und der katholischen Kirche wurde indes immer tiefer. Die Messe wurde mittlerweile auf Deutsch gefeiert.  Luther kritisierte nun auch den Zölibat, 1525 heiratete er in Wittenberg die ehemalige Nonne Katharina von Bora.

Die Reformation als einheitliches Geschehen um Martin Luther zu beschreiben, ist schwierig. Luther inspirierte viele Theologen, die aber auch andere Wege als er selbst gingen – etwa die Reformatoren Huldrych Zwingli oder Johannes Calvin. Auch unter den reformatorischen Theologen blieb das Wesen der Eucharistie nicht unwidersprochen: Was genau geschieht eigentlich beim Abendmahl? Ist Jesus Christus, wie die Katholische Kirche glaubt, unter den Zeichen von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig? Oder haben Brot und Wein lediglich symbolischen Charakter? Wenn Jesus wahrhaft gegenwärtig ist: Gilt das für immer, so dass konsekrierte Hostien verehrt werden können, oder beschränkt sich seine Präsenz auf die Kommunion?  

Bleibende Impulse und problematische Positionen

Luther war jedoch nicht nur als theologischer Schriftsteller tätig: Eine ganze Fülle an Kirchenliedern entstammt seiner Feder, viele von ihnen finden sich heute auch im katholischen Gotteslob. Luther setzte durch sein Schaffen viele Impulse, die nicht nur innerhalb der evangelischen Kirche aufgenommen wurden. Die katholische Theologie sah sich durch Luther herausgefordert – und wie auch in anderen Epochen der Kirchengeschichte führten innerkirchliche Konflikte zu einem neuen Reflektieren des Glaubens. So entwickelte sich die katholische Kirche gerade in Deutschland im Zuge der Gegenreformation, die auf Luthers Lehren reagieren wollte.

Ein anderes Thema aus Luthers Schaffen wirft einen Schatten auf den Reformator: Zu Beginn der reformatorischen Bewegung wandte sich Luther bewusst und freundlich den Juden zu. Je älter er allerdings wurde, desto heftiger werden seine Ausfälle gegenüber dem Volk Israel. Am Ende seines Lebens scheint er davon überzeugt gewesen zu sein, Juden wären für immer verloren. 1546 starb Martin Luther in Eisleben. Er hat die deutsche Geschichte, aber auch die Kirchengeschichte und Entwicklung der Theologie geprägt wie nur wenig andere Menschen.

Von Benedikt Bögle