Standpunkt

Maria aus Magdala repräsentiert alles, was Kirchenmännern suspekt ist

Aktualisiert am 22.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Von der reuigen Sünderin zur Apostelin der Apostel: Maria aus Magdala war eine inspirierende Frau, kommentiert Julia Knop zum heutigen Gedenktag der Heiligen. Doch ihr "Downgrade" durch Männer habe schon in der Bibel begonnen.

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Maria aus Magdala war eine inspirierende Frau. Sie repräsentiert alles, was Kirchenmännern suspekt ist: Soweit wir wissen, war sie alleinstehend, wirtschaftlich unabhängig und furchtlos. Die Tradition aber machte aus ihr eine bekehrte Hure. So wurde sie zum Vorbild für Frauenorden, die freiwillig büßen und sich um "gefallene Mädchen" kümmern. 2016 erhob Papst Franziskus ihren heutigen Gedenktag zum Fest und sie selbst zur "Apostola Apostolorum". Von der reuigen Sünderin zur Apostelin der Apostel: Was für ein Upgrade! Und was für eine Zumutung für eine Kirche, in der sich Apostel stets auf "Mann" reimt.

Maria aus Magdala stand Jesus näher als die meisten anderen Jünger. In apokryphen Schriften wird sie "Lieblingsjüngerin" genannt und als kundige Gesprächspartnerin vorgestellt – und es heißt, dass es ausgerechnet deshalb Ärger zwischen ihr und Petrus gab. Anders als er hatte sie ihre Liebe zu Jesus nicht geleugnet und war nicht weggelaufen, als er starb. Ihr begegnete der Auferstandene als erster. Sie hat er gesandt. In paulinischer Tradition reicht das, um "Apostelin" genannt zu werden.

Fast alle Männer fehlten hingegen unter dem Kreuz. Zum leeren Grab kamen sie erst auf Zuruf der Frauen. Das Oster-Evangelium hielten sie für Weibergeschwätz. Wohlgemerkt: das Oster-Evangelium, aus dem das Christentum entstand und für dessen authentische Auslegung kirchliche Amtsträger apostolische Autorität beanspruchen.

Maria Magdalenas Downgrade begann bereits in der Bibel. Der Evangelist Lukas spielte dabei eine wichtige Rolle. Auf sein Apostelkonzept beruft sich die katholische Kirche bis heute in ihrem Nein zur Frauenordination. Jesus habe den Zwölf (Männern) beim letzten Abendmahl apostolische Autorität verliehen und damit die Statuten der Kirche auf Dauer bestimmt. Ohne die Frauen. Weil Frauen ja keine Apostelinnen sein können. Zumindest nach dieser Tradition, die normativ geworden ist.

Nur: Tradition ist nicht einfach da. Tradition wird gemacht. Meistens durch Männer. In der Übersetzung der liturgischen Texte zum Magdalenenfest achteten die deutschen Bischöfe sorgfältig darauf, dass die Rede von der "Apostola Apostolorum" bildlich, nicht amtlich verstanden wird. Das "apostolische Offizium" (Amt, Dienst), mit dem Jesus Maria Magdalena laut der lateinischen Vorlage gewürdigt hat, fällt in der deutschen Fassung einfach weg. Als Apostelin "für" die Apostel habe er sie stattdessen ausgezeichnet, "damit die frohe Botschaft sich ausbreite bis an die Enden der Erde". Durch die Verkündigung der Männer. Denn echte Apostel sind Männer. Sagen Männer.

Von Julia Knop

Die Autorin

Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.