Offener Brief zur kirchlichen Hochzeit des Bundesfinanzministers

Lindner-Hochzeit auf Sylt: Pastorin rechtfertigt kirchliche Trauung

Aktualisiert am 01.08.2022  –  Lesedauer: 

Keitum ‐ Die kirchliche Hochzeit von Christian Lindner auf Sylt hat für eine lebhafte Diskussion gesorgt. Nach der öffentlichen Kritik meldet sich nun auch die Sylter Pastorin Susanne Zingel in einem offenen Brief zu Wort – und verteidigt die Trauung.

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In einem offenen Brief hat die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde St. Severin Keitum auf Sylt, Susanne Zingel, die kirchliche Hochzeit von Bundesfinanzminister Christian Lindner verteidigt. Die "Segnung" stehe in "Übereinstimmung mit den Grundlinien der Nordkirche im Umgang mit Amtshandlungen, die 2019 von unserer Landessynode beschlossen wurden", heißt es in dem Schreiben vom Wochenende, über das die "Sylter Rundschau" am Sonntag berichtete und das auch auf der Homepage der Kirchengemeinde veröffentlicht wurde. Den Synodalen sei es darum gegangen, "neue Wege zu beschreiten, um Menschen, die sich von der Kirche abgewandt haben oder bislang keinen Zugang zu ihr gefunden haben, an den Wendepunkten ihres Lebens zu begleiten", heißt es in dem Brief, der von Zingel als Vorsitzender des Kirchengemeinderates unterzeichnet ist.

Dass konfessionslose Paare getraut würden, sei auch in St. Severin eine Ausnahme, so die Pastorin. 2020 sei das lediglich bei geschätzten 0,8 Prozent der Paare der Fall gewesen. Voraussetzung dafür seien ein oder mehrere ausführliche Gespräche. Dafür seien Lindner und seine Lebensgefährtin Franca Lehfeldt "extra für einen Tag nach Sylt gekommen", schreibt Zingel. Sie sei sich sicher, dass niemand von den dreien sich in diesem Gespräch habe vorstellen können, welches mediale Großereignis aus der Hochzeit werden würde. "Aber nicht die Größe einer Trauung, sondern die Frage, ob es richtig ist, einem Paar unter diesen Voraussetzungen Gottes Segen zuzusprechen, ist entscheidend." Die Kirchensteuermittel würden nicht nur zur Finanzierung von Trauungen, Taufen und Beerdigungen verwendet, erklärte die Pastorin. Der viel größere Teil fließe in die Gemeindearbeit sowie die soziale, seelsorgerliche und kulturelle Arbeit der Kirche. Zudem sei jeder Gottesdienst eine Gelegenheit zur Verkündigung. Hochzeitspaare, die oft im Verdacht stünden, die Kirche als Kulisse zu missbrauchen, hätten meist Sehnsucht nach Segen und Geleit.

Man wolle niemanden verleiten, vor Hochzeit ein- und danach auszutreten

Die Pastorin wirft in ihrem Schreiben zudem die Frage auf, ob man die Austritte aus der evangelischen Kirche durch striktere Regeln aufhalten könne oder eher, indem man die Kirchentüren weiter öffne. Kaum jemand bleibe nur deshalb in der Kirche, weil er oder sie irgendwann kirchlich heiraten wolle. "Kurz vor der Hochzeit einzutreten und danach wieder auszutreten, dazu möchten wir niemanden verleiten." Trauerfeiern oder sogar Taufen seien für Ausgetretene laut Synodenbeschluss der Nordkirche möglich und würden nur selten hinterfragt. "Warum sollte die Segnung von Hochzeitspaaren, die bei uns in der evangelischen Kirche kein Sakrament ist, hinter der Taufe zurückstehen?", so die Pastorin. "Wir lieben hier auf Sylt unsere Kirche, engagieren uns für das Gemeindeleben und wünschen allen, dass sie erfahren können, was es für ein Glück ist, zur Gemeinschaft der Gläubigen zu gehören."

Lindner und die Journalistin Franca Lehfeldt hatten sich am 9. Juli in der evangelischen Kirche St. Severin in Keitum auf Sylt trauen lassen, obwohl sie keine Kirchenmitglieder sind. Daran entzündete sich Kritik. Es sei dabei nicht um christlichen Inhalt, sondern um eine Kulisse gegangen, erklärte etwa die Theologin Margot Käßmann. Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus sagte, dass es in ihrer Kirche keine "Sonderangebote für Reiche und Wichtige" gebe. Lindner selbst betonte daraufhin die Bedeutung des kirchlichen Segens für seine Ehe. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder legte Lindner deshalb den Eintritt in die Kirche nahe. "Das wäre ein großartiges Signal für den Glauben in diesen Zeiten", so Söder. (cbr)