In der Defensive

Aktualisiert am 30.01.2013  –  Lesedauer: 
Bundeswehr

Berlin ‐ Die Soldaten sind bisweilen einer extremen Arbeitsbelastung ausgesetzt, Beruf und Familie lassen sich nur schwer vereinbaren und gleichzeitig ist der Ton in der Truppe zum Teil mehr als rau: Der Jahresbericht des Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), zeichnet ein kritisches Bild vom Zustand der Bundeswehr.

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Die Kernaussage des 96 Seiten starken Papiers lautet: Die dramatischen Reformen, die das Heer derzeit durchmacht, lassen die Soldaten tief verunsichert zurück. "Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht und zum Teil überschritten", diagnostizierte Königshaus am Dienstag in Berlin.

Übereilte Reformen?

Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, Kasernen geschlossen, weitreichende Umstrukturierungen eingeleitet – all das sind Veränderungen, mit denen die Soldaten zurechtkommen müssen. Dass daraus für den Einzelnen Probleme erwachsen, ist dem katholischen Militärgeneralvikar, Walter Wakenhut nicht fremd. Er teilt die verbreitete Kritik, die Reform sei teils übereilt und fehlerhaft umgesetzt worden. "Soldaten sind in den Reformprozess eingebunden, werden regelrecht mitgerissen – und kommen dabei nicht mehr hinterher, das in Ruhe zu sortieren", erklärt er katholisch.de.

Bild: ©dpa/picture alliance/Maurizio Gambarini

Der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Hellmut Königshaus (FDP) stellt am 29.01.2013 in Berlin seinen Jahresbericht 2012

Auch der Alltag stellt die Mitglieder der Bundeswehr vor Herausforderungen. Das gilt laut Wakenhut besonders für diejenigen, die zwischen Familie und Kaserne hin und her pendeln müssen. Rund 70 Prozent der Soldaten sind davon betroffen. "Nicht wenige ändern ständig ihren Arbeitsort und müssen Wochenendbeziehungen führen. Entfremdungseffekte vom Partner und den Kindern lassen sich da nicht vermeiden", sagt Wakenhaus. Eine Lösung des Problems sieht er erst, wenn die Reform abgeschlossen und die Bundeswehr ihre neue Struktur hat. "Im Moment stimmt die Theorie, aber die praktische Umsetzung ist schwierig".

Üble Beschimpfungen

Doch die Umsetzung von Reformen ist nicht das einzige Problem der Bundeswehr. Der Bericht von Hellmut Königshaus enthält auch Beispiele von grobem Fehlverhalten innerhalb der Truppe. Von einem Soldaten, der im ICE laut rechtsextreme Musik hört ist da die Rede und von Vorgesetzten, die einen farbigen Soldaten als "Neger" beschimpfen und ihm unterstellen, dass er noch nicht einmal Kaffee kochen kann.

Der Militärgeneralvikar kennt solche Aussagen. Nach seiner Beobachtung handelt es sich dabei aber um bedauerliche Ausnahmen: "Das kommt natürlich vor, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber meiner Erfahrung nach sind das nicht Beispiele, die den großen Teil der Truppe betreffen, sondern Einzelfälle", erklärt Wakenhut und erzählt, dass er im vergangenen Jahr Soldaten in Afghanistan besucht habe: "Die Stimmung und vor allem auch die Kameradschaft zwischen den Soldaten hat gestimmt", erinnert er sich.

Seelsorge als vielgelobte Hilfe

Gerade in Auslandseinsätzen kann die Seelsorge den Soldaten eine wertvolle Hilfe bieten – das bescheinigt ihr wenigstens Hellmut Königshaus in seinem Bericht. Im Auslandseinsätzen seien Militärseelsorger "eine viel gelobte Stütze", der Soldaten heißt es da: "Das stets offene Ohr der Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie die gemeinsame Feier von Gottesdiensten empfinden sie als Bereicherung". Auch Soldaten, die mit dem Glauben sonst nicht viel anfangen können, suchen dann den Rat der Geistlichen. "Die Seelsorge hat einen sehr guten Ruf als geschützter Ort. Die Geistlichen sind verlässliche Ansprechpartner", sagt Generalvikar Wakenhut.

Zu Hause in Deutschland betreffen die Probleme, von denen die Militärseelsorger hören, oft das persönliche Umfeld: Klassische Themen sind Beziehungsprobleme, die Frage, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen oder die Entscheidung zwischen der Bundeswehr und einem Studium.

Wakenhut: Kirchliches Engagement weiter verbessern

Dass die Militärseelsorge im Jahresbericht des Wehrbeauftragten positiv bedacht wird, ist für den Militärgeneralvikar aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen: "Wir wollen uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen, sondern noch weiter verbessern", sagt Wakenhut. So sei es weiterhin ein Anliegen, die Auslandseinsätze mit ausreichend Seelsorgern zu begleiten und den lebenskundlichen Unterricht für die Soldaten sinnvoll zu gestalten. Auf diesem Feld sieht Wakenhut durchaus eine neue Herausforderung. Denn die Soldaten, die nach dem Ende der Wehrpflicht freiwillig zur Truppe kämen, müssten verstärkt mit einem Auslandseinsatz rechnen. "Darauf müssen wir sie vorbereiten – denn der Dienst an der Waffe wirft auch ethische Fragen auf". Gleichzeitig kämen auch immer mehr Soldaten mit traumatischen Erfahrungen aus dem Ausland zurück. Und nach dem neuen Bericht des Wehrbeauftragten identifiziert Wakenhut noch eine weitere Baustelle: Er will die Familienseelsorge in der Bundeswehr weiter stärken.

Von Gabriele Höfling