Warten im Niemandsland
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Die Odyssee eines Flüchtlings zwischen Israel und Palästina

Warten im Niemandsland

Flüchtlinge - Eritrea. Sudan. Ägypten. Israel. Abdes Reise ist die eines klassischen "illegalen" Flüchtlings . Auf dem Landweg hat er sich durchgeschlagen. "Zu viele Eritreer sind im Mittelmeer gestorben." Dann kam das Niemandsland. Wie genau er an den Grenzposten zwischen dem israelischen Kontrollpunkt Erez und dem palästinensischen Gazastreifen geraten ist? Abde zögert, senkt den Blick, murmelt etwas von "einem Fehler". Seine Stimme geht im Gewirr der Stimmen am Checkpoint unter.

Gaza-Stadt - 01.02.2015

Abde zieht es hinter den Metallcontainer, weg vom offiziellen Betrieb des kleinen Schalterhäuschens. Unruhig springt sein Blick hin und her. Dann wieder schaut er zu Boden, verlegen, apathisch fast. 27 Jahre alt ist er, hochgewachsen, schlank. Ein zu groß geratener Junge, der beim Schummeln erwischt wurde.

Eigentlich hatte Abde es geschafft. Eine Lücke im immer enger werdenden Netz gefunden, mit dem Israel sich vor illegalen Einwanderern zu schützen versucht. Eine Arbeit in Tel Aviv, illegal und ohne Papiere. Wie die meisten seiner Landsleute. Dann gab es "Probleme auf der Arbeit". Abde kam ins Abu Kabir-Gefängnis bei Tel Aviv. Nach einer Woche in Haft ging es für ihn in den Gazastreifen , "zusammen mit einem Häftling aus Ramallah". An der Grenze zu dem von der Hamas kontrollierten Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete wurde er aufgegriffen, in ein Gefängnis der radikalislamischen Organisation gebracht. "Jeden Tag" hätten sie dort versucht, ihn zum Islam zu bekehren. "Aber ich habe nicht gelogen: Ich habe meine Religion. Ich bin Christ."

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Der Flüchtling Abde aus Eritrea lebt im "Niemandsland" zwischen Gaza und Israel, hinter einem Metallcontainer am Checkpoint 55.

Ein paar Quadratmeter Imtimsphäre

Das vorerst letzte Kapitel seiner Flucht begann am 13. September, dem Tag, an dem er wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde. "Ich wurde nach Erez gebracht", erzählt Abde. "Ich bin als erstes Richtung Israel gegangen. Eine Stunde habe ich mit den Soldaten gesprochen. Sie haben mich weggeschickt, gesagt, ich habe kein Recht hier zu sein. Das war vor mehr als vier Monaten. Seither warte ich hier."

Hier. Am Checkpoint 55. Der Checkpoint, benannt nach der Armee-Funkfrequenz, steht unter Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde und versteht sich als Pufferzone zwischen dem israelischen Kontrollpunkt Erez und der letzten Hürde zum Gazastreifen, dem Checkpoint 44, der wiederum von der Hamas betrieben wird. Ein Stuhl auf einer Holzpalette, darüber eine Wäscheleine mit ein paar T-Shirts. Ein paar Quadratmeter Intimsphäre an einem Durchgangsort für die Auserwählten, die Reisefreiheit zwischen Israel und Gaza genießen. Checkpoint 55 ist nicht gemacht für Dauergäste.

Als Muslim, sagt Abde, hätte er es einfacher

Am Kontrollpunkt kennt man Abde inzwischen. Die Mitarbeiter haben Mitleid. "Die Leute sind nett. Sie sind von Ramallah, nicht von der Hamas. Seit der Regen angefangen hat, darf ich nachts im Büro schlafen. Mittags esse ich mit ihnen." Es ist die einzige Mahlzeit am Tag. Wenn der Checkpoint abends um sieben schließt, ist Abde allein. Aus dem Gefängnis haben sie ihn entlassen. "Aber ich kann nirgends hingehen."

Als Muslim, sagt Abde, hätte er es einfacher. Dann könnte er mit Hilfe der Hamas zurück in den Sudan. Aber Abde will nach Israel. Vor drei Monaten hat er einen Flüchtlingsstatus beantragt - aber noch keine Antwort erhalten. Vertreter des Roten Kreuzes sieht Abde täglich am Checkpoint. Helfen konnte ihm bislang keiner. Und die Kirche? "Es gibt eine orthodoxe Kirche in Gaza. Aber niemand kam, um mich zu sehen oder mit mir zu beten. Wir haben Angst vor Hamas."

Abde war Soldat. Die "Politik der Regierung und das schlechte Management" hätten ihn zur Flucht getrieben. "Ich liebe Eritrea." Wie ein Mantra wiederholt Abde den Satz. Doch wenn er zurückgeschickt wird, droht ihm in seiner Heimat ebenfalls das Gefängnis. Seine Familie hat er in Eritrea zurückgelassen. "Manchmal rede ich mit ihnen. Aber sie wissen nichts von meiner Lage."

Eine Einladung zum Kaffee schlägt Abde aus. "Es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen werden, wegen der Hamas." Ob er einen Wunsch hat, eine Botschaft "für die Menschen da draußen"? Abde zuckt mit den Schultern. "Ich habe keine Hoffnung mehr. Keiner kann mir helfen." Dann mischt er sich unter die Wärter und Wartenden am Checkpoint 55.

Von Andrea Krogmann (KNA)