"An der Wurzel des Evangeliums"
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Kardinal Walter Kasper über zwei Jahre Papst Franziskus

"An der Wurzel des Evangeliums"

Vatikan - Am heutigen Freitag jährt sich zum zweiten Mal die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst. Im Exklusiv-Interview mit katholisch.de blickt der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper auf das bisherige Franziskus-Pontifikat zurück. Außerdem äußert sich Kasper zur kommenden Bischofssynode und der geplanten Kurienreform.

Vatikanstadt - 13.03.2015

Frage: Kardinal Kasper, vor zwei Jahren wurde der argentinische Kardinal Bergoglio zum Papst gewählt. Haben sich die damaligen Erwartungen erfüllt?

Kasper: Papst Franziskus hat neuen Wind in die Kirche gebracht, neue Zuversicht, Hoffnung, auch einen Geist der Freiheit. Er findet nicht nur bei katholischen Christen, sondern auch über das kirchliche Milieu hinaus Gehör - und das ist ein großes Pfund. Der Papst wird wahrgenommen als ein Mann, der den Glauben so verkünden kann, dass die Menschen es verstehen und im Herzen getroffen sind. Und der vor allem die sozialen und politischen Probleme in einer Deutlichkeit und Direktheit anspricht, wie man es bislang von einem Papst nicht erwartet hat.

Frage: Was hat Franziskus inzwischen erreicht, worin sehen Sie das Besondere des Pontifikats?

Kasper: Er hat eine Aufbruchsstimmung in der katholischen Kirche erreicht. Er hat die finanziellen Probleme zu ordnen begonnen; die Skandale und der Verdacht auf Geldwäsche sind inzwischen gestoppt. Er hat die Reform der Kurie weit vorangebracht. Der Papst will die synodale Struktur der Kirche stärker betonen. Er macht nicht nur eine Synode - für zwei, drei Wochen - sondern einen synodalen Prozess, bei dem auch die Gläubigen durch Fragebogen zu Wort kommen können. Schon die jetzige Synode hat sich von den bisherigen durch eine größere Redefreiheit ausgezeichnet, auch durch kontroverse Reden. Sie war ein Fortschritt einer wirklichen Diskussionskultur in der Kirche.

Frage: Sollte die Synode künftig über ihre Beraterfunktion hinaus auch Entscheidungskompetenzen erhalten?

Kasper: Auf jeden Fall soll die Synode aufgewertet und das Synodensekretariat gestärkt werden. Inwieweit sie eine beschließende Bedeutung bekommt, das hängt von Fall zu Fall vom Papst ab. Nach den Statuten ist das schon jetzt möglich. Ob Franziskus das machen wird, ist offen.

Frage: Man hat den Eindruck, da sind viele offene Baustellen, aber noch keine konkreten Ergebnisse.

Kasper: Natürlich gibt es schon Ergebnisse, etwa im Finanzbereich. Insgesamt hat sich die Atmosphäre in der Kurie geändert. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Widerstände gäbe. Papst Franziskus ist eine sehr entschiedene Persönlichkeit. Er geht voran, und Widerstände schrecken ihn nicht unbedingt ab.

Frage: Was ist das theologische Profil des Papstes?

Kasper: Der Papst kommt aus der südlichen Hemisphäre und bringt eine besondere Perspektive mit. Dort wird die westliche Modernität eher als Bedrohung erlebt. Ein zügelloser Kapitalismus hat sich breitgemacht, der etwas ganz anderes ist als unsere Soziale Marktwirtschaft, und der viele Menschen ins Elend stürzt. Man kann den Papst nicht einfach an unseren westlichen Reformvorstellungen messen. Er ist kein Liberaler, kein Konservativer sondern ein Radikaler; er geht an die Wurzeln - lateinisch: radix - des Evangeliums zurück. Und von diesem Ursprung her will er einen Sprung in die Gegenwart und in die Zukunft machen, und von dort aus die Kirche erneuern. Es geht also nicht nur um Strukturänderungen, sondern vor allem um eine Mentalitätsänderung. Er hat den klaren Wunsch: Ich will eine arme Kirche für die Armen. Er will er einen neuen Prozess einleiten. Ich sehe darin eine neue Phase der Rezeption des Konzils.

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Frage: Der Papst habe eine "Revolution der Barmherzigkeit" ausgerufen, schreiben sie soeben in einem Buch. Bedeutet das Abstriche an der Wahrheit?

Kasper: Nein. Barmherzigkeit ist eine Offenbarungswahrheit, die nicht im Gegensatz zu anderen Offenbarungswahrheiten stehen kann. Barmherzigkeit ist die zentrale Eigenschaft Gottes, die auch von den Christen verlangt wird. Insofern ist sie ein Interpretationsprinzip für alle anderen Wahrheiten, ohne diese auszuschließen.

Frage: Der Papst will der Kirche eine neue Stabilität bringen. Sorgt er aber nicht eher für Unruhe?

Kasper: Ja, aber für eine heilige Unruhe, die notwendig und heilswirksam sein kann. Es sind Reformen in der Kurie und in der Kirche angesagt, da besteht ein gewisser Rückstand. Das löst eine gewisse Unruhe aus, er will die Reformen nicht einfach von oben verordnen. Vielmehr möchte er verschiedene Stimmen dazu hören. Und die sind natürlich auch widersprüchlich.

Frage: Papst Franziskus benutzt eine sehr einfache Sprache...

Kasper: ...aber ohne zu vereinfachen. Er war nicht Professor in unserem westlichen Sinn. Es ist nicht eine lehrhafte Sprache, sondern eine Sprache der Verkündigung. Franziskus versteht etwas vom Leben. Er ist ein Pastor, vertritt ein pastorales Programm. Allerdings darf man seine theologische Tiefe nicht unterschätzen. Da steckt viel mehr Theologie dahinter, als nach außen herüberkommt.

Frage: Man hat oft den Eindruck, er regiert allein. Stimmt das?

Kasper: Ja, er regiert allein, er will sich nicht abhängig machen von seiner unmittelbaren Umgebung, etwa von Sekretären. Es will sich nicht durch seine Umgebung isolieren lassen. Franziskus ist sehr direkt, er telefoniert selbst, macht seine Termine selbst, bestimmt, wer ihn besucht. Das war sein Stil schon in Buenos Aires. Er regiert praktisch wie ein Jesuitengeneral: Er hört zunächst zu. Und er entscheidet auch nicht schnell. Aber dann entscheidet er selbst. Das ist die richtige Art, um Autorität auszuüben.

Frage: Lässt der Papst sich helfen? Nutzt er die Kurie ausreichend?

Kasper: Das ist ein Problem, er fremdelt etwas mit der Kurie. Sie ist die älteste noch bestehende europäische Institution, deren Mentalitäten und Verhaltensweisen man nicht über Nacht ändern kann. Hier muss sich noch manches einspielen. Franziskus ist irgendwie auch Solist. Aber die Kurie ist auch keine einheitliche feste Größe. Sehr viele Mitarbeiter sind erfreut über diesen Papst, der frischen Wind hereinbringt. Andere haben Widerstände und Bedenken, finden seinen Stil gewöhnungsbedürftig. Aber das hat es unter Johannes XXIII. oder Johannes Paul II. auch gegeben. Er steht da in einer guten Tradition.

Frage: Kann und wird er sich durchsetzen?

Kasper: Ich hoffe es. Es ist für ihn auch nicht ganz leicht, und er braucht die richtigen Mitarbeiter. Aber das Personal kann er nur schrittweise austauschen. Jedoch zeigen die jüngsten Kardinalsernennungen seine Handschrift. Und damit hat er auch den Boden für das nächste Konklave konzipiert.

Frage: Das Vorkonklave hat nach den Pannen um Vatileaks eine Kurienreform gefordert, die Franziskus rasch angeschoben hat. Ist sie aber wirklich notwendig?

Kasper: Die bisherige Kurien-Konstitution "Pastor bonus" ist sicher nicht schlecht, und vieles von ihr ist nicht umgesetzt worden. Was man sicher braucht ist, dass sich die klerikalistische Mentalität ändert, dass die Kurie pastoraler wird und dass anstehende Fragen nicht nur kirchenrechtlich und administrativ gesehen werden. Dann sollte man den aufgeblähten Apparat wieder verschlanken, ihn effizienter und transparenter machen. Zudem muss man die Subsidiarität stärker betonen und Kompetenzen, die nicht notwendig in Rom sind, auf die Bischofskonferenzen oder die Diözesen zurückverlagern. Dann sollten mehr Laien in Führungspositionen, auch Frauen. Wichtig ist auch mehr Zusammenarbeit und eine bessere Koordination. Bislang läuft manches nebeneinander her und überschneidet sich. Da ist eine ordnende Hand notwendig. Nur braucht das nicht wenige Wochen sondern Jahre. Aber offenbar ist der Papst gewillt, einige Maßnahmen vorauszunehmen. Man könnte sie "ad experimentum" aufnehmen und wenn es klappt, in die endgültige Reform einfügen.

Frage: Wagen Sie Prognosen für die Zukunft des Pontifikats? Ist es eine historische Zäsur, eine neue Phase der Papstgeschichte?

Kasper: Ich denke schon, dass es eine Zäsur, eine neue Phase ist: Der erste Papst aus der südlichen Hemisphäre, der erste, der in einer der Mega-Polis aufgewachsen ist und deren Vielfalt kennt, der erste Papst, der nicht am Konzil teilgenommen hat. Und Franziskus ist der erste Jesuit auf dem Papstthron, er steht hundertprozentig in der Tradition seines Ordens . Er ist nicht ein verkleideter Franziskaner. Er bringt eine andere Methode mit als Benedikt XVI., der aus der klassischen europäischen Theologie mit hohem Profil kommt. Franziskus schaut zunächst die Situation an, macht dann die Unterscheidung der Geister, und kommt dann zur konkreten Entscheidung. Bei Franziskus kommt vieles zusammen. Aber das entscheidende, gerade mit Blick auf die Ökumene ist: Er geht vom Evangelium aus. Damit kommt er in eine gewisse Nähe auch zum Ansatz von Martin Luther. Und das wird hoffentlich auch mit Blick auf 2017 eine Rolle spielen.

Frage: Und eine Prognose?

Kasper: Eine Prognose aufzustellen, ist natürlich schwer. Wir erleben einen neuen Anfang. Franziskus setzt nicht so sehr auf Positionen, sondern er will Prozesse einleiten, die dann irreversibel sind. Wenn er noch einige Jahre Zeit hat, sind die Prozesse voll im Gang. Und wenn er der katholischen Kirche auch kein neues Wesen gibt, so doch ein neues Gesicht.

Das Interview führte Johannes Schidelko

Zur Person

Kardinal Walter Kasper (*1933) war von 2001 bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Zuvor war er von 1989 bis 1999 Bischof von Rottenburg-Stuttgart.