"Das lässt mich nicht unberührt"
Bild: © KNA
Erzbischof Stephan Burger über Projekte und Begegnungen in Peru

"Das lässt mich nicht unberührt"

Mit Bundespräsident Joachim Gauck war Stephan Burger, Freiburger Erzbischof und Repräsentant des katholischen Hilfswerks Misereor, eine Woche in Peru unterwegs. Im Interview berichtet er nach seiner Rückkehr von seinen Eindrücken.

Freiburg - 29.03.2015

Frage: Herr Erzbischof, als Repräsentant von Misereor treten Sie für ein faires globales Miteinander ein. Welche Eindrücke bringen Sie aus dem Entwicklungsland mit, das von extremer sozialer und ökonomischer Ungleichheit geprägt ist?

Burger: Peru zeigt sich als ein Land, das in den vergangenen Jahren große wirtschaftliche Fortschritte gemacht hat. Aber der Segen des Wirtschaftswachstums ist längst nicht bei allen Menschen angekommen. Hinter so manchen glänzenden Fassaden befinden sich Wohnviertel in einem erbärmlichen Zustand. In so manchem Verschlag, in dem Menschen wohnen, würden wir in Deutschland nicht einmal ein Stück Vieh halten dürfen.

Joachim Gauck ist der erste Theologe im Amt des Bundespräsidenten in Deutschland.

Joachim Gauck ist der erste Theologe im Amt des Bundespräsidenten in Deutschland.

Diesen Menschen zu helfen, ihnen lebenswürdige Verhältnisse zu verschaffen, bleibt eine anhaltende Herausforderung für die Zukunft. Hier zeigt sich Peru bei allen Bemühungen als ein zerrissenes Land, zerrissen auch in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit ist hochaktuell. Darin wird ein Schlüssel für die weitere Zukunftsentwicklung liegen. In diesem Zusammenhang haben wir auch ein Schulprojekt besucht, das über "Brot für die Welt" finanziell getragen wird und vom Landesbischof von Württemberg, Frank Otfried July, vorgestellt wurde.

Frage: Welche Impulse können von diesen Entwicklungsprojekten ausgehen?

Burger: Hoffnung. Die Menschen wissen, dass sie nicht vergessen und allein gelassen sind. Die Dankbarkeit und die Herzlichkeit der Menschen, die leuchtenden Kinderaugen, das lässt mich nicht unberührt. Die Menschen wollen selbst mitarbeiten an ihrer Zukunft. Sie warten nicht, bis jemand anders die Arbeit erledigt. Sie wollen mitwirken, haben aber oft nicht die finanziellen Ressourcen, um weiterzukommen. Hier braucht es nachhaltig unsere Unterstützung.

Frage: Peru ist Partnerland des Erzbistums - was kann die deutsche Kirche von Südamerika lernen?

Burger: Die Hoffnung nicht aufzugeben - im Vertrauen auf Gott den Weg weiterzugehen. Ausdrücklich wurde ich von vielen Menschen gebeten, den Kindern den Segen zu erteilen, was ich natürlich gerne getan habe. Dort ist der Glaube für viele existenziell. Im Blick auf die Situation vieler Menschen in Südamerika wirken unsere Probleme geradezu klein. So relativieren sich manche innerkirchlichen Debatten. Für unsere Kirche hier in Deutschland wünsche ich mir dieses Vertrauen, diese Hoffnung!

Frage: Was waren für Sie persönlich prägende Erlebnisse der Reise?

Burger: Die politischen Schwerpunkte hat der Bundespräsident gesetzt: das Stärken der Beziehungen beider Länder, den Kultur-Austausch, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und vor allem die Hilfe beim Aufarbeiten des bewaffneten Binnenkonflikts in Peru von 1980 bis 2000. Für mich war das Kennenlernen der Repräsentanten der Kirche ein Schwerpunkt. Herzlich empfangen wurde ich von der Deutschen Gemeinde in Lima. Interessant war auch der Besuch eines Projektes im Stadtzentrum von Lima, das über Misereor finanziert wird. Eine Partner-Institution sorgt dort dafür, dass Menschen, die finanziell kaum ein Auskommen haben, in der Innenstadt in ihren angestammten Wohnungen bleiben können und sie nicht zwangsvertrieben werden.

Frage: Joachim Gauck hat unter dem Eindruck des Germanwings-Absturzes die Reise abgebrochen. Was hat die Unglücksnachricht bei Ihnen ausgelöst?

Burger: Es herrschte reihum Betroffenheit. Über die bis dahin gelungene und erlebnisreiche Reise legte sich eine Art grauer Schleier. Für den Bundespräsidenten war es keine Frage, an dieser Stelle den Staatsbesuch abzubrechen. Auch wenn er den betroffenen Familien und Angehörigen keine direkte Hilfe anbieten konnte: Ihm war es wichtig, ein Zeichen des Mitgefühls und der Verbundenheit zu setzen.

Das Interview führte Volker Hasenauer (KNA)