Stellen Sie sich vor, Sie fahren unter Tage und wissen nicht, ob Sie abends wieder lebend herauskommen. Im Saarland war der Bergbau jahrelang Alltag vieler Männer und deren Familien. Im saarländischen Püttlingen erinnert zurzeit eine Foto-Ausstellung an Leben und Glauben der Bergleute. Der Künstlerin war es wichtig, vor allem die Haltung der Bergleute zu zeigen, mit denen sie nicht nur ihre Arbeit erbrachten, sondern die ihr ganzes Leben prägte. In der Vorbereitung auf die Ausstellung war die Künstlerin lange mit einigen Bergleuten im Gespräch. Was sie vor allem beeindruckt, erinnert mich in besonderer Weise an Nächstenliebe, von der das heutige Evangelium spricht: Die Männer konnten noch so schlecht aufeinander zu sprechen sein, wenn es darauf ankam, konnten sie sich aufeinander verlassen, waren sie füreinander da. Solidarität, Nachbarschaftshilfe und nicht zuletzt der gegenseitige Halt in Trauer und Gefahr, die die Arbeit im Bergbau mit sich brachte, wussten die Bergleute zu leben. Für mich ein echtes Beispiel für Nächstenliebe.
Die Leute, die Jesus nach dem wichtigsten Gebot fragen, versuchen ihn reinzulegen. Sie wollen ihn auf eine Aussage festlegen, die sie gegen ihn verwenden können. Seine Antwort? Liebe ist das wichtigste Gebot, Gott zu lieben mit ganzer Seele, ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst.
Heute müssen im Saarland keine Bergleute mehr unter Tage arbeiten und sich fragen, ob sie abends wieder lebend hinauskommen. Doch die Welt kommt mir manchmal vor, wie eine Einfahrt unter Tage. Der Nah-Ost-Konflikt und der Krieg in der Ukraine zeigen es mir: Die Welt ist möglicher Weise am Abend nicht genauso sicher, wie es morgens noch erschien.
Am Ende des Kirchenjahres, auf das wir uns nun zu bewegen, geht auch das Evangelium auf sein Ende zu. Auch für Jesus beginnt in diesem Abschnitt so etwas wie eine Fahrt unter Tage. Es ist nicht klar, ob er aus diesem Konflikt lebend herauskommt. Und wir wissen, die Situation wird für ihn lebensgefährlich und letztlich tödlich enden. Trotzdem ist seine Antwort in dieser Unsicherheit: Liebe. Gottes- und Nächstenliebe.
Dass die Bergleute in all der Unsicherheit zu überleben, an ihrem Glauben festhalten, ist nicht selbstverständlich. Gerade in der Krise könnte man es gut nachvollziehen, wenn sie an Gott zweifeln, ihn nicht mehr lieben und auch dem Nächsten mit Hass und Neid begegnen. Doch sie halten an der Liebe fest und an der Solidarität zueinander, der Nächstenliebe.
Vielleicht ist es das, was den Bergleuten im Saarland damals und auch Jesus in seinem Ende Kraft gibt, wenn es unter Tage geht. Liebe zu Gott und dem Nächsten. Vielleicht auch heute eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit und eine Kraftquelle in all der Unsicherheit. Gott zu lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele und den Nächsten zu lieben wie sich selbst.
Evangelium nach Matthäus (Mt 22,34-40)
In jener Zeit, als die Pharisäer hörten,
dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte,
kamen sie am selben Ort zusammen.
Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn:
Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Er antwortete ihm:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten
hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Die Autorin
Luisa Maurer arbeitet als Pastoralreferentin im Bistum Trier und ist Rundfunkbeauftragte des Bistums für den Saarländischen Rundfunk und das Deutschlandradio.
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