Das Bild zeigt den von Säulen umgebenen Innenhof des Diözesanen Zentrum in Limburg. Im Hintergrund heben sich die Türme des Doms ab.
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Ein Jahr nach dem Rücktritt von Bischof Tebartz-van Elst

Auf dem Wege der Besserung

Bistum Limburg - Vor einem Jahr trat Franz-Peter Tebartz-van Elst als Bischof von Limburg zurück. Wie ist es der Diözese seitdem ergangen? Manfred Grothe, der das Bistum derzeit kommissarisch leitet, zog jetzt eine Zwischenbilanz.

Von Steffen Zimmermann |  Limburg - 26.03.2015

Doch Grothe ist kein Mediziner, sein aktuelles Tätigkeitsfeld ist von der ärztlichen Heilkunst aber auch nicht allzu weit entfernt. Seit einem Jahr ist er Apostolischer Administrator im Bistum Limburg. Als kommissarischer Nachfolger des zurückgetretenen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst kümmert er sich seitdem gemeinsam mit seinem Ständigen Vertreter Wolfgang Rösch vor allem um die seelischen Verletzungen der Katholiken in der hessischen Diözese.

Kurz vor dem ersten Jahrestag des Tebartz-Rücktritts am heutigen 26. März lud Grothe nun ausgewählte Journalisten - um im medizinischen Bild zu bleiben - zu einer Anamnese, also zu einer Bestandsaufnahme der diözesanen Leidensgeschichte. Dabei wurde klar: Der Patient Limburg ist aus Sicht des Administrators zwar erkennbar auf dem Wege der Besserung, verheilt sind die Wunden der verunglückten Ära Tebartz-van Elst aber noch lange nicht.

Seit dem Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst leitet Manfred Grothe als Apostolischer Administrator kommissarisch die Amtsgeschäfte im Bistum Limburg.

Ausführlich berichtet Grothe in dem Gespräch im Limburger Bischofshaus über seine Erfahrungen in den vergangenen Monaten. Zwar wurden in dieser Zeit auch konkrete Entscheidungen getroffen, wie beispielsweise der Entschluss, dass das Bischofshaus auf dem Domberg bis zur Ernennung eines neuen Oberhirten für Bildungs- und Kulturveranstaltungen genutzt werden soll. Im Mittelpunkt der bisherigen Arbeit habe jedoch etwas anderes gestanden - der "O-Ton aus dem Bistum", wie der Administrator es nennt. Unzählige Gespräche haben Grothe und Rösch seit April 2014 mit Haupt- und Ehrenamtlichen sowie Gläubigen aus der Diözese geführt. Dieser Prozess sei notwendig gewesen, um das Geschehene zu reflektieren und Vertrauen wiederherzustellen. "Ich glaube, ich weiß jetzt, was die Menschen hier bewegt und was sie erwarten", sagt Grothe.

Besonderes Zuwendungsbedürfnis erkannte Grothe bei den Mitarbeitern des Bistums. Sie hätten in den Tebartz-Jahren "in besonderer Weise gelitten". Es sei deshalb vorrangig gewesen, sich den Mitarbeitern zuzuwenden und gemeinsam zurückzublicken. "Wie haben inzwischen eine Diskussionskultur etablieren können, die Freiheit und Offenheit atmet", sagt Grothe. Es sei innerhalb der Bistumsverwaltung nun möglich, angstfrei die eigene Position vorzutragen.

Aufarbeitung braucht mehr als nur ein paar Gespräche

Dass es bei der Aufarbeitung der vergangenen Jahre jedoch nicht mit ein paar Gesprächen getan ist, weiß auch der Administrator. Dazu sind viele Wunden noch viel zu tief. Die Bistumsleitung arbeitet deshalb an einer tiefergehenden Analyse der geführten Gespräche. Grundlage dafür sollen unter anderem die Gespräche sein, die im Herbst 2014 über ein vom Bistum geschaltetes Sorgentelefon geführt wurden. 107 Mitarbeiter der Diözese hatten das Angebot genutzt und über bedrückende Erfahrungen und Verletzungen berichtet. Die Auswertung dieser Telefonate hat das Bistum einem externen Institut überlassen. Das Ziel: Aus den Sorgen und Nöten der Mitarbeiter sollen Handlungsanleitungen für die künftige Kommunikation und Zusammenarbeit im Bistum gezogen werden.

"Das Sorgentelefon war nicht nur eine Runde zum Hinhören", betont Grothe. Wichtig sei, dass aus dem Gehörten tatsächlich Konsequenzen gezogen würden. Nur dann könne das Vertrauen, das in zu vielen Fällen verloren gegangen sei, wiederhergestellt werden.

Merklich stolz ist Grothe, wenn es um die von ihm versprochene Transparenz in Finanzfragen geht. Hier habe man mit der Ordnung und Veröffentlichung des gesamten Bistumsvermögens einen großen Schritt bereits erfolgreich getan. "Wir können klar sagen: Das, was wir im vergangenen Juli vorgelegt haben, sind die tatsächlichen Vermögensverhältnisse des Bistums - transparent und ungeschminkt", sagt er.

Deutlichen Verbesserungsbedarf sieht der Administrator aber noch bei der internen Kontrolle - denn die hat im Fall des umstrittenen Bischofshauses zweifellos versagt. Grothe möchte zur Vermeidung solcher "Kontrollverluste" künftig verstärkt auf Hilfe von außen setzen. So soll der diözesane Vermögensverwaltungsrat, der im Verlauf des Skandals um die Kostenexplosion beim Bischofshaus ebenfalls massiv in die Kritik geraten war, baldmöglichst mit externen Experten besetzt werden. "Wir wollen den Rat mit Persönlichkeiten besetzen, die nicht im Ordinariat angestellt sind und uns deshalb unabhängig beraten können", kündigt Grothe an.

Schwierig: Wie umgehen mit Tebartz-van Elst?

Schwierig, das ist Grothe im Gespräch deutlich anzumerken, ist die Frage des Umgangs mit seinem Vorgänger an der Bistumsspitze. Er sei zwar regelmäßig wegen wichtiger Fragen mit Franz-Peter Tebartz-van Elst im Kontakt, dieser beschränke sich jedoch auf das Nötigste. Trotzdem wirbt Grothe noch einmal offensiv für eine offizielle Abschiedszeremonie für den ehemaligen Bischof von Limburg. Ziel müsse es sein, dass das Bistum und der Bischof sich gegenseitig in die Augen schauen und anständig voneinander Abschied nehmen könnten. "Dies ist derzeit aber noch nicht denkbar", schränkt Grothe ein.

Eine würdevolle Verabschiedung könnte aber aus anderen Gründen ohnehin scheitern: Noch immer ist nämlich unklar, wie sich das Bistum mit Blick auf eventuelle kirchenrechtliche Verfehlungen seines ehemaligen Oberhirten verhalten soll. Laut Grothe hat die Diözese den Vatikan hier um Klärung gebeten, eine Antwort steht aber noch aus; der Administrator stellt aber klar: "Das Bistum kann den Bischof nicht verklagen, das müsste Rom machen."

Porträtbild

Franz-Peter Tebartz-van Elst, ehemaliger Bischof von Limburg

Dass es zu einer Anklage des inzwischen im Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung tätigen Bischofs kommen wird, ist laut Grothe aber unwahrscheinlich: Der Vatikan sei der Auffassung, dass Tebartz-van Elst durch den Verlust des Limburger Bischofsstuhls schon genug gestraft sei. "Aus Sicht der Römer gibt es für einen Bischof keine schlimmere Strafe", sagt Grothe, der jedoch darauf verweist, dass diese Haltung für die Aufarbeitung im Bistum problematisch sei.

Solange die Aufarbeitung nicht abgeschlossen ist, das macht der Administrator klar, wird es keinen neuen Bischof für die Diözese geben. Damit wird immer wahrscheinlicher, dass Grothe sein Amt frühestens im kommenden Jahr an einen Nachfolger übergeben wird - vielleicht aber sogar noch später. Genauer will er sich nicht äußern: "Was ich denke, ist in dieser Frage nicht maßgeblich. Entscheidend ist, dass wir hier im Bistum zu einer Situation kommen, in der ein neuer Bischof guten Gewissens Verantwortung übernehmen kann." Grothes Ruhestand wird sich damit trotz des Überschreitens der Altersgrenze noch weiter verzögern. Er sagt aber auch: "Wir wollen daran arbeiten, dass wir Rom davon überzeugen können, dass die jetzige Phase nicht länger dauert als nötig."

Von Steffen Zimmermann