Der Erzbischof von Recife, Brasilien, Dom Helder Camara, während eines Besuches in Würzburg im Mai 1971.
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Grünes Licht für Seligsprechung von Dom Helder Camara

Der "rote Bischof"

Weltweit war er als "Bruder der Armen" bekannt und geschätzt: Wie kaum ein anderer verkörperte der frühere brasilianische Bischof Dom Helder Camara nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) die Theologie der Befreiung und die Hinwendung der katholischen Kirche zu den Armen, die heute auch Papst Franziskus immer wieder betont. Jetzt hat der Vatikan den Weg für eine Seligsprechung Camaras freigemacht.

Bonn - 02.04.2015

Es scheint beinahe, als seien in den vergangenen Jahrzehnten gerade Personen von kleiner Statur große Persönlichkeiten der Kirche geworden. Wie Mutter Teresa oder Frere Roger zählt Helder Pessoa Camara zu den Großen des 20. Jahrhunderts. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) war er der bekannteste Bischof Lateinamerikas.

"Diese Favelas"

Sein Name steht für eine Kirche, die sich aus der jahrhundertelangen Verstrickung mit den Reichen und Mächtigen gelöst und an die Seite der Armen gestellt hat. Beim Konzil war er ein unermüdlicher Mahner zum prophetischen Aufbruch: "Gott lebt in besonderer Weise in den Armen", so seine Botschaft.

Camara wurde am 7. Februar 1909 als elftes von 13 Kindern einer Familie in Fortaleza geboren. 1931 empfing er die Priesterweihe, engagierte sich rasch für soziale Anliegen und die Arbeiterschaft; 1952 folgte die Bischofsweihe. Wenige Jahre später hatte der junge Weihbischof in Rio de Janeiro sein Bekehrungserlebnis: "Diese Favelas", sagte ihm ein alter Mitbruder, auf die Elendshütten zeigend, "sind eine Beleidigung für den Schöpfer". Camara erkannte, wie er sagte, in den Armen das Antlitz Jesu und wurde zum prominentesten Kämpfer gegen die soziale Ungerechtigkeit, die er eine "kollektive Sünde" nannte. Camara verkörperte die Theologie der Befreiung.

Seit 1964 Erzbischof von Olinda und Recife im armen Nordosten Brasiliens, erregte er politisch immer häufiger Anstoß. Er legte sich mit der Militärdiktatur an, kämpfte für Menschenrechte und die Forderung nach Rückkehr zur Demokratie. Camara gründete nicht nur die Brasilianische Bischofskonferenz, sondern auch die ersten Basisgemeinden . Als er 1970 in Paris öffentlich über die grauenvollen Folterungen durch brasilianische Militärs sprach, gab es zunächst eine Pressekampagne gegen ihn. Dann schwiegen ihn die Medien des Landes zehn Jahre lang tot. Kritiker sprachen vom "roten Bischof". In Europa wurde der lateinamerikanische Kirchenmann umso berühmter.

Dritte-Welt-Bischof

Der furchtlose und tief fromme Mann, der die halbe Nacht im Gebet zubrachte, der das Bischofspalais den Obdachlosen öffnete, war in Kirche und Welt gleichermaßen umstritten. Durfte man die Weltwirtschaftsordnung so pauschal infrage stellen, wie dieser Dritte-Welt-Bischof es ungeniert und unermüdlich tat? An dieser Frage schieden sich die Geister. Mit seiner Botschaft "Entwicklung ist Frieden, Unterentwicklung ist Krieg" musste Camara polarisieren. Bald zehn Jahre nach seinem Tod bekommt manche seiner Äußerungen angesichts der globalen Finanzkrise einen neuen prophetischen, aktuellen Klang.

Camara trat konsequent für das Prinzip der Gewaltlosigkeit ein. Trotzdem galt er vielen als verkappter Kommunist oder politischer Aufrührer. Für seine Anhänger blieb er ein glaubwürdiger Vorkämpfer der nachkonziliaren Kirche für eine gerechtere Welt.

Als er 1985 in Ruhestand ging, bekam seine Erzdiözese einen erzkonservativen Nachfolger, der die Uhren zurückdrehte. Camara hielt sich mit Bewertungen zurück. Papst Johannes Paul II. (1978-2005) würdigte ihn in einem Kondolenzschreiben 1999 als "engagierten Seelsorger" und erinnerte an seine "unzähligen pastoralen Aktivitäten". Camaras Leichnam ruht in der Kathedrale von Recife.

Von Christoph Strack (KNA)