Der Herr der Steine
Ein Besuch beim Dombaumeister des Ulmer Münsters

Der Herr der Steine

Architektur - Heute jährt sich die Fertigstellung des Ulmer Münsters zum 125. Mal. Das Gotteshaus mit dem höchsten Kirchturm der Welt ist ein Touristenmagnet - und eine Dauerbaustelle. Wir haben Dombaumeister Michael Hilbert besucht und mit ihm über das Münster gesprochen.

Von Theresa Meyer-Natus (dpa) |  Ulm - 31.05.2015

Im Jahr 1377 wurde der erste Stein gesetzt. Finanziert wurde der spätgotische Bau hauptsächlich von den Ulmern selbst, sie wollten eine Kirche innerhalb ihrer Stadtmauern errichten. Am 31. Mai 1890, mehr als ein halbes Jahrtausend später, folgte dann der letzte Schliff - die Kreuzblume wurde auf den Turm aufgesetzt. Mit 161,53 Metern überragt das Münster seitdem alle anderen Kirchen des Christentums. Und es ist nicht nur Kulturgut, sondern auch Kirchengemeinde - jährlich finden dort mehr als 1.000 Gottesdienste und Veranstaltungen statt.

Seit 2013 ist Architekt Hilbert im Einsatz für die Riesenkirche. "Architekten sind Generalisten", betont er. Er steht oben auf dem Gerüst beim mittelalterlichen Chorgang und betrachtet die bereits restaurierten Teile einer Fiale, eines gotischen Türmchens. "Wir behandeln unser Münster wie einen Patienten", sagt er. "Für eine vernünftige Diagnose müssen wir eine genaue Anamnese, sprich Prüfung des Materialstatus, durchführen."

Im Mittelalter bot das Münster Platz für rund 20.000 Menschen, da die Gläubigen beim Gottesdienst meist standen. Heute ist das Münster Touristenmagnet. Laut der Ulmer Tourismus-Gesellschaft besuchen knapp eine halbe Million Menschen das Münster pro Jahr, ein Drittel davon wagt den Aufstieg über die 768 Stufen. Daneben gibt es Sonderführungen etwa zur Orgel und ins Untergeschoss.

Auch im Inneren beeindruckend: Das Ulmer Münster.

Es gehe bei solch gewaltigen Bauwerken wie dem Münster nicht vorrangig um die Verwirklichung eigener Ideen, sagt Hilbert. Sondern um die Kunst, das Kulturerbe sicher in die kommenden Generationen zu tragen. "Zu dieser Arbeit gehört ein Stück Demut dazu. Auch, was gestalterische Freiheit betrifft", sagt auch Michael Hauck, Dombaumeister in Köln. "Wir können da ja nicht machen, was wir wollen. Wir wollen diese Bauwerke ja erhalten und möglichst wenig verändern, sie möglichst authentisch weitergeben in eine Zukunft."

Hilbert, seine Techniker und Steinmetze diagnostizieren, kartieren den Ist-Zustand, nehmen jeden noch so kleinen Stein unter die Lupe. Muss der restauriert werden, wird er auf ihrer Karte gelb markiert. Braucht es eine komplette Erneuerung, erhält er die Farbe lila. Gerade kümmern sie sich um den Chor, bald ist der Hauptturm dran.

Probleme gibt es dabei genug - zum Beispiel Taubenkot, der die alten Mauern angreift. Deshalb wurden viele Stellen vergittert. Hinzu kommen Klagen über die ständig existierenden Baustellen. Zuletzt konnten die Ulmer ihr Münster 1996 ganz ohne Gerüste bestaunen. "Natürlich unterliegt jedes Objekt auf dieser Welt einem Alterungsprozess", sagt Hauck aus Köln. "Feinstaub in der Luft, Erschütterungen aus dem Verkehr - das sind alles Dinge, die haben zur Bauzeit dieser großen Bauwerke nicht existiert."

Linktipp: Ulm feiert seinen Kirchturm

Das Ulmer Münster wird an diesem Sonntag 125 Jahre alt. In seiner Predigt zog der evangelische württembergische Landesbischof Frank Otfried July Parallelen zwischen dem Bau des Turms und der gesellschaftlichen Prägekraft des Christentums.

"Unsere Arbeit hat sich sehr geändert", sagt Emil Kräß und deutet auf ein Absaugrohr und die Druckluftgeräte, die ihm heutzutage sein Handwerk wesentlich erleichtern. Kräß ist einer der zehn Steinmetze der Ulmer Münsterbauhütte direkt neben der Kirche, wo der Handwerker schon seit 29 Jahren schleift, meißelt und bohrt.

Die Arbeit in der Münsterbauhütte besteht aus Kompromissen - zwischen beschwerlichen, traditionellen und einfacheren, jedoch sehr technisierten Arbeitsvorgängen. "Es soll ja alles so aussehen wie vor 125 Jahren", sagt er. Stolz präsentiert Kräß sein Werkstück aus Sandstein, an dem er seit ein paar Tagen arbeitet. Auf dem Plan ist es ein winziger Punkt irgendwo über dem gewaltigen Eingang in die Kirche. Mehr als zehn verschiedene Steinsorten werden verarbeitet, unter anderem Rorschacher Schilfsandstein und Süßwasserkalk.

Michael Hilbert ist mittlerweile der 21. Münsterbaumeister in Ulm - und er ist stolz auf seinen Job. Das Münster mit den drei Türmen sei nicht nur eine aktive Kirchengemeinde, sondern Wahrzeichen der Stadt Ulm und nationales Denkmal, sagt Hilbert und lächelt: "Das Münster ist ein Dreibein und es wackelt und schwankt überhaupt nicht."

Linktipp: Ulmer Münster

Das Ulmer Münster ist die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt und die größte evangelische Kirche in Deutschland. Auf der Internetseite der Kirche finden Sie weitere Informationen zu dem Bauwerk und seiner Geschichte.

Von Theresa Meyer-Natus (dpa)