Schachfigur
Hans-Joachim Höhn über Urlaubszwänge

(K)eine Erfahrung von Freiheit

Standpunkt - Hans-Joachim Höhn über Urlaubszwänge

Von Hans-Joachim Höhn |  Bonn - 14.07.2015

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Der Urlaub ist die Zeit für Freiheiten, die der Alltag nicht zulässt. Dazu gehört auch die Befreiung von allem Formellen. Wir leben zwanglos in den Tag hinein oder geben dem Tagesablauf einen neuen Rhythmus, den wir selbst bestimmen. Lust und Laune übernehmen die Regie. Der Anzug weicht dem T-Shirt.

Allerdings umgibt den Urlaub heute ein merkwürdiges Paradox. Die Prospekte der Tourismusbranche werben zwar für den zeitweiligen Verzicht auf alles Geregelte: Endlich mal ein eigener Mensch sein, tun und lassen, was man will. Zugleich aber werden neue Zwänge formuliert: Man sollte auch im Urlaub eine gute Figur machen. Und dafür muss man vor dem Urlaub sorgen. Wer sich nicht vorher überflüssige Pfunde abtrainiert hat, muss am Pool mit mitleidigen Blicken rechnen. Wer noch keine Bikinifigur hat, wird sich vielleicht gar nicht an den Strand trauen. Die Ferienzeit, die eigentlich von allen Nötigungen befreien wollte, setzt vor die Erfahrung dieser Freiheit erst einmal neue Zumutungen und Einschränkungen.

Ohnehin sind die freien Tage keineswegs zweckfrei zu verleben. Sie sind hauptsächlich dazu da, um sich wieder für den Alltag in Form zu bringen. Hoch im Kurs stehen Fitness- und Wellnessurlaube. Bisweilen werden sie sogar von der Krankenkasse bezuschusst. In völliger Freiheit darf die freie Zeit also doch nicht verbracht werden. Die erste Woche dient der Erholung vom Beruf. In der zweiten Woche bringt sich der Urlauber in Form, um am Arbeitsplatz wieder sein Bestes geben zu können. Die tiefgebräunte Haut ist dann der objektive Beweis für das Erreichen der beruflichen Bestform. Aber auch hier ist Vorsorge zu treffen: Am besten legt man sich vor dem Urlaub im Sonnenstudio bereits eine intensive Vorbräune zu. Es könnte ja sein, dass man in der Ferne ein paar Regentage erwischt.

Damit die von Arbeit befreite Zeit die Erfahrung von Freiheit ermöglicht, sind jedoch andere Vorkehrungen angezeigt. Verlangt ist die Bereitschaft zum Nichts-Tun. Die Einübung in die befreiende Kunst des Aufhörens und Unterlassens ist gefragt. Es ist eine recht einfach zu erlernende Kunst. Wer sie übt und probt, beherrscht sie bereits.

P.S. Vielleicht machen auch die notorischen "disliker" und Schmähkritiker des "Standpunktes" einmal Pause – aber natürlich nur, wenn sie dazu Lust und Laune haben. Bitte tun Sie sich keinen Zwang an!

Der Autor

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn hat den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln inne.

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