Aus dem Sturm wird ein Beben
Neue Übersetzung der Lutherbibel kurz vor dem Abschluss

Aus dem Sturm wird ein Beben

Seit fünf Jahren arbeiten Theologen und Sprachwissenschaftler an einer neuen Übersetzung der Lutherbibel. Bald ist sie fertig. Der Leiter des Projekts erklärt, wie die Experten vorgegangen sind und warum das persönliche Sprachgefühl zu Kontroversen führen kann.

Von Peter Zschunke (dpa) |  Mainz/Erfurt - 27.07.2015

Solche Sprachprägungen machen die hohe Verantwortung deutlich, die mit Änderungen der Luther-Bibel verbunden sind. Fünf Jahre nach einem Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu einer Revision (Durchsicht) der Bibelübersetzung neigt sich die Arbeit des damit beauftragten Lenkungsausschusses ihrem Ende zu. Der Auftrag sah "Veränderungen des Luthertextes lediglich dort vor, wo sie zwingend geboten sind".

Das war dann aber doch an immerhin 10.000 bis 20.000 Stellen der Fall, bei annähernd 36.000 Versen im Alten und Neuen Testament. "Darunter sind viele Eingriffe, die wird man kaum bemerken", sagt der Leiter des Lenkungsausschusses, der Thüringer Theologe Christoph Kähler. Bei vielen Änderungen waren sich alle einig. "Es gab aber auch nicht wenige Stellen, bei denen wir erst abstimmen mussten."

Boote oder Schiffe auf dem See Genezareth?

Oft war es das persönliche Sprachgefühl, das zu Kontroversen führte. Bei der Überquerung des Sees Genezareth (Markus 4, 35-41) neigten die in Süddeutschland groß gewordenen Experten einer Rückkehr zu Luthers ursprünglicher Übersetzung mit Schiffen zu, während für küstennah aufgewachsene Wissenschaftler hier nur Boote infrage kommen. "Die Boote hätte man nur mit Zweidrittelmehrheit wieder zu Schiffen machen können, die hat sich nicht ergeben", berichtet Kähler aus der Arbeit im Lenkungsausschuss.

Das Luther-Denkmal vor dem Rathaus Wittenberg hält eine Bibel in der Hand. "Gäbe es nicht Luthers Bibelübersetzung, würden wir Worte wie Ziege, Grenze oder Weinberg heute nicht kennen", sagt der Mainzer Sprachforscher Steffens.

Die Bereitschaft zu Änderungen sank mit dem Bekanntheitsgrad der einzelnen Bibeltexte. "Bei Texten, die viele in den Gemeinden auswendig können wie Psalm 23, ändern wir kein Jota, geben aber in dringenden Fällen eine korrektere Übersetzung in der Fußnote", erklärt Kähler. Bei Texten, die kaum jemand kenne, habe sich das Gremium eher zu Eingriffen entschließen können - falls notwendig.

Zu einer mittleren Gruppe gehören Texte, die auch sehr vielen bekannt sind wie die Sturmstillung (Matthäus 8,23-27) - "da sind wir sehr vorsichtig vorgegangen". Nahezu alle Übersetzungen sprechen hier von einem "großen Sturm". "Wir haben nun ein Beben daraus gemacht, weil im griechischen Text hier von Seismos die Rede ist", erklärt Kähler "Nach dem Tsunami von 2004 haben wir die Erwartung, dass die Gemeinden auch ein großes Beben im Meer gut verstehen können." Allerdings entschloss sich der Lenkungsausschuss erst nach langer Diskussion zu diesem Schritt.

Die revidierte Lutherbibel wird bei den Jubiläumsfeiern zu 500 Jahren Reformation mit ihrem Höhepunkt im Jahr 2017 einen besonderen Platz einnehmen. Das Ergebnis der Durchsicht wird am 16. September auf der Wartburg dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm überreicht und geht dann auch an die Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart. 

Luthers Bibel brachte Vereinheitlichung der Sprache

Dort laufen dann die Vorbereitungen zur Drucklegung an. "Die Bibel wird ganz neu aussehen", sagt Lektorin Hannelore Jahr. So sei eine neue Schriftart geplant. Auch die App der Bibelgesellschaft wird neu entwickelt. Die Veröffentlichung ist bis Oktober 2016 geplant.

In der Kirche bewirkte Luther die Spaltung von Katholiken und Protestanten, in der Sprache aber eine überregionale Vereinheitlichung: "Gäbe es nicht Luthers Bibelübersetzung, würden wir Worte wie Ziege, Grenze oder Weinberg heute nicht kennen", sagt der Mainzer Sprachforscher Steffens.

Die Experten um Christoph Kähler haben mehr als literarische Übersetzer gewirkt. Einer wissenschaftlich exakten Übersetzung der hebräischen und griechischen Originalschriften sind die Zürcher Bibel von 2007 oder die Elberfelder Bibel näher als die Lutherbibel. Diese aber hat auch nach fast 500 Jahren noch ihren eigenen Klang, dem Kählers Projekt treu blieb: "Uns ging es bei der Revision der Luther-Bibel auch darum, die Poesie der Sprache zu erhalten."

Zehn geänderte Textstellen

Etwa 15.000 Änderungen erfährt die Lutherbibel in der im nächsten Jahr erscheinenden Ausgabe. Hier eine Auswahl von zehn geänderten Textstellen im Vergleich mit der Ausgabe von 1984:

1. Mose 35,17. 1984: "Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Wehmutter zu ihr: ..." Neu: "Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Hebamme zu ihr: ..."

Psalm 42,2. 1984: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir" Neu: "Wie der Hirsch schreit nach Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir"

Jesaja 24,2. 1984: "Und es geht dem Priester wie dem Volk, dem Herrn wie dem Knecht, der Frau wie der Magd" Neu: "Und es geht dem Priester wie dem Volk, dem Herrn wie dem Knecht, der Herrin wie der Magd"

Hesekiel 43,5. 1984: "Da hob mich der Geist auf" Neu: "Da hob mich der Wind auf"

Matthäus 8,23-27. 1984: "da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See" Neu: "da erhob sich ein gewaltiges Beben auf dem See"

Matthäus 13,42 1984: "... und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein" Neu: "... und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern"

Matthäus 26,7. 1984: "... eine Frau, die hatte ein Glas mit kostbarem Salböl" Neu: "... eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit Salböl"

Johannes 11,25. 1984: "Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt" Neu: "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe"

Offenbarung 3,9. 1984: "Siehe ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans" Neu: "Siehe ich werde schicken einige aus der Versammlung des Satans"

Offenbarung 21,8. 1984: "Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer" Neu: "Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer"

Von Peter Zschunke (dpa)