Die Stadt Kathmandu in Nepal gilt im Hinduismus als heilige Stadt.
Missionarinnen der Nächstenliebe pflegen Sterbende im Hindu-Tempel

Der Geist der Nächstenliebe in Kathmandu

Nepal - Katholische Ordensfrauen von den Missionarinnen der Nächstenliebe pflegen Sterbende - und das ausgerechnet in Kathmandu, einem für Hindus heiligen Ort. Auch Mutter Teresa übernahm hier schon niedrigste Dienste.

Von Anto Akkara (KNA) |  Kathmandu - 22.08.2015

Pashupatinath: Auf mehr als 500 wuchs die Zahl der Pagoden im Lauf der Jahrhunderte. Kilometerlang erstrecken sie sich im Osten der nepalesischen Hauptstadt. Geht Ostwind, weht der Lärm vom Flughafen herüber. Im Süden röhrt Kathmandus Ringstraße. An den Tempeln zieht der Fluss Bagmati entlang, ein dreckiger Bach. Und doch: ein Heiliger Ort, für Hindus einer der heiligsten überhaupt. Wer hier stirbt, ist selig. "Herr des Lebens" heißt Pashupatinath. Hier dient Schwester Amy. Sie ist Oberin des örtlichen Konvents der "Missionarinnen der Nächstenliebe", des Ordens von Mutter Teresa.

Jeden Morgen nach der Messe machen sich drei der Schwestern in ihren weißen Saris mit blauer Borte auf den viertelstündigen Marsch nach Pashupatinath. Es war Mutter Teresas Wunsch, dass das Schwesternhaus in fußläufiger Entfernung liegt. Die nächsten Stunden werden sie Sterbende waschen, verschmutzte Laken reinigen, Alten löffelweise Essen reichen.

Eine Patientin des Altersheims des Frauenordens "Missionarinnen der Nächstenliebe" im Gespräch mit Schwester Marica am Pasupati Tempel in Kathmandu.

Eine Patientin des Altersheims des Frauenordens "Missionarinnen der Nächstenliebe" im Gespräch mit Schwester Marica am Pasupati Tempel in Kathmandu.

Die Schwestern brachten die Medikamente selbst mit

"Anfangs war es ziemlich hart", sagt Amy, die erstmals 1993 nach Pashupatinath kam. "Wir gaben ihnen Medikamente, die wir mitgebracht hatten." Jetzt schauen regelmäßig Ärzte vorbei. Ihr Einsatzort ist das "Zentrum für soziale Wohlfahrt", eine staatliche Aufnahme- und Pflegeeinrichtung. 220 Menschen wohnen hier; etwa 50 von ihnen haben nicht mehr lange zu leben. Dennoch ist ein Platz dort begehrt. Nur wer älter als 65 ist, hat überhaupt eine Chance.

Die Schwestern brachte ein katholischer Priester ins Spiel. Adam Gudalefsky, ein Maryknoll-Pater, sprach kurz nach seiner Ankunft in Nepal 1977 Mutter Teresa auf die Sterbenden am Tempel an. 1978 schickte sie die erste Gruppe von vier Schwestern. Später kam sie selbst, um den Konvent mit aufzubauen - und persönlich mit Hand anzulegen.

Prahlad Giri, ein pensionierter Mitarbeiter des Sozialzentrums, erinnert sich: Eines Tages sah er Mutter Teresa, wie sie mit ihren Händen Exkremente wegräumte. Giri war entsetzt. "Mutter, wie kannst du das machen?", fragte er entsetzt. Sie antwortete: "Wenn du hier arbeitest, musst du das alles auch tun." Eine Episode, so Giri, die sein Verhältnis zu den Patienten tiefgreifend änderte.

Die Schwestern propagieren die Selbstlosigkeit

Ein delikater Punkt bleibt die Religionsverschiedenheit. So heilig ist Pashupatinath für Hindus, dass Andersgläubige das Innere des Wallfahrtskomplexes nicht einmal betreten dürfen. Als katholische Ordensfrauen antraten, wurden daher Bedenken laut, wie der Koordinator des Sozialzentrums, Shreebinda Khanal, einräumt. Aber: "Die Regierung ist hochzufrieden mit dem Dienst der Schwestern. Sie arbeiten nicht, um irgendeine Religion zu propagieren." Außer vielleicht die Botschaft der Selbstlosigkeit.

Lintipp: Engel der Armen

Mutter Teresa - das war, wie Johannes Paul II. nach dem Tod der Ordensfrau spontan formulierte, "ein Geschenk an die Kirche und an die Welt". Der "Engel der Armen" wurde bereits sechs Jahre nach dem Tod seliggesprochen.

Trotz der staatlichen Trägerschaft hängt das Zentrum stark von unbezahltem Engagement ab. Hier wirkten die "Missionarinnen der Nächstenliebe" in der Tat missionarisch. "In den 90ern gab es kaum Freiwillige", erzählt Shree Ram Phokarel, ein Hindu und langjähriger Mitarbeiter. Mittlerweile sei die Arbeit für die Schwestern selbst "viel einfacher" geworden - durch die Ehrenamtlichen, aber auch die zahlreichen Auszubildenden. Dank der Ordensfrauen erhielt das Zentrum einen Stempel als anerkannter Praktikumsplatz für Pflege- und Sozialberufe.

Anerkennung findet das Engagement auch in Form von Sachspenden frommer Hindus: So hat Sanat Kumar Basnet, früherer Generalinspektor der Polizei, ein Mittagessen für die Einrichtung gesponsert. Anlass ist der elfte Geburtstag seines jüngsten Sohnes Bardan Bahadur. Und der Junge darf an seinem Festtag gleich eine Lektion fürs Leben mitnehmen und beim Verabreichen des Essens an die Alten helfen. "Die Arbeit der Schwestern ist inspirierend", sagt der Vater. "Ich möchte, dass mein Sohn von hier einen Sinn für soziale Dienste mitnimmt."

Von Anto Akkara (KNA)