Demonstration vor einer Filiale von Planned Parenthood
Die Empörung über die US-Organisation "Planned Parenthood" wächst

"Voll erhaltene Hüllen"

Lebensschutz - Die Kontroverse um "Planned Parenthood" in den USA nimmt an Schärfe zu, nachdem ein weiteres Video veröffentlicht wird. Der Film soll zeigen, wie respektlos die Organisation abgetriebene Föten vermarktet. Der Kongress und mehrere Bundesstaaten versuchen, ihr den Geldhahn abzudrehen.

Von Thomas Spang (KNA) |  Washington - 26.08.2015

An einer Stelle erweckt "StemExpress"-Geschäftsführerin Cyte Dyer den Eindruck, sie fände es amüsant, sich die Gesichter vorzustellen, wenn Labore "voll erhaltene Hüllen" erhielten. Die Kunden machten die Kiste auf und - "Oh mein Gott" - seien schockiert, was sie darin vorfänden. "Das kommt öfter vor", sagt Dyer in dem Video - und rät, die Abnehmer vorzuwarnen, was da geliefert werde.

Das Video wurde bearbeitet

"StemExpress" hatte vergeblich versucht, die Veröffentlichung des Mitschnitts zu verhindern. Nach der Publikation durch das "Center for Medical Progress", eine Lebensschutz-Organisation, erklärte die Firma, das Video sei so manipuliert worden, dass der Eindruck entstehen müsse, es habe sich bei den Lieferungen um intakte Föten gehandelt. Tatsächlich gehe aus dem vollen Zusammenhang des Gesprächs eindeutig hervor, dass es sich um Organe wie etwa Lebern handele.

Das stark bearbeitete Video ist der achte Teil einer Serie an geheim mitgeschnittenen Videos, die dokumentieren sollen, wie "Planned Parenthood" den Handel mit Zellen und Körperteilen aus abgetriebenen Föten möglich mache. Die Organisation bestreitet nicht, dass sie nach Einholung einer schriftlichen Erlaubnis bei den betroffenen Frauen gegen eine Aufwandsentschädigung Föten für Forschungszwecke zur Verfügung stellt.

Planned Parenthood beschäftigt den US-Kongress

Der Kongress möchte inzwischen mehr über die Praxis erfahren, da "Planned Parenthood" mehr als 500 Millionen Dollar (435 Millionen Euro) aus Steuergeldern erhält - wobei nur Abtreibungen nur einen geringen Teil von deren Aktivitäten ausmachen und die staatlichen Zuwendungen nicht in Tätigkeitsbereiche fließen, die mit Schwangerschaftsabbrüchen zu tun haben. Ein Untersuchungsausschuss will von den zuständigen Ministerien und der Organisation selbst bis Mittwoch Antworten auf einen umfangreichen Fragenkatalog haben.

Einige konservative Bundesstaaten warten den Ausgang der Prüfung erst gar nicht ab. Alabama, Arkansas, Louisiana und Utah blockieren schon jetzt Mittel der staatlichen Gesundheitsversicherung für die Armen (Medicaid), die bislang für medizinische Leistungen durch "Planned Parenthood" zur Verfügung gestellt wurden.

Allerdings fand bislang in keinem dieser vier Staaten ein Handel oder eine Weitergabe mit abgetriebenen Föten statt. In drei Staaten führt "Planned Parenthood" gesetzlich erlaubte Schwangerschaftsabbrüche durch, jedoch ohne dafür Geld aus der Steuerkasse zu erhalten. Dafür sorgt ein Gesetzeszusatz, der ausdrücklich verbietet, Bundesmittel für Abtreibungen auszugeben.

Quersubventionierung von Abtreibungen?

Für die Kritiker der Organisation macht das keinen wesentlichen Unterschied. Sie argumentieren, das "Planned Parenthood" an anderer Stelle bereitgestellte Geld aus dem Staatshaushalt subventioniere Schwangerschaftsabbrüche quer. So sehen es auch viele Republikaner im Kongress, die es im Herbst auf einen Showdown mit US-Präsident Barack Obama über die weitere Finanzierung ankommen lassen wollen.

Besonders tut sich dabei der konservative Präsidentschaftskandidat Ted Cruz aus Texas hervor. Er versucht, mit einer E-Mail an rund 100.000 Pastoren die Evangelikalen in den USA zu mobilisieren. "Die Enthüllungen der barbarischen Praxis von 'Planned Parenthood' machen es dringend", so der texanische Senator, "die Finanzierung dieser Gruppe zu beenden." Abtreibungen und "Homo-Ehen" hätten die USA an eine Wegkreuzung gebracht, "die es uns nicht länger erlaubt, stillzubleiben".

Am Wochenende demonstrierten überall in den USA Abtreibungsgegner für die Schließung von "Planned Parenthood". Nach Angaben des Chefs der "Pro-Life-Action-League", Eric Scheidler, nahmen an 253 Veranstaltungen mehr als 62.000 Anhänger teil. Das "Center for Medical Progress" kündigte unterdessen die Publikation weiterer Videos an.

Standpunkt: Den moralischen Kompass verloren?

Sophia Kuby über Abtreibungen und Planned Parenthood

Hintergrund: Planned Parenthood

Die Planned Parenthood Federation of America (PPFA) ist eine US-amerikanische gemeinnützige Gesundheitsorganisation für Frauen. Sie bietet in rund 700 Kliniken im Land medizinische Dienstleistungen an, vor allem für Sexualmedizin, Frauenheilkunde und Familienplanung. Dazu gehören etwa Schwangerschaftstests und Begleitung von Schwangeren, Krebsvorsorge, die Feststellung und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten, Verhütungsmittel sowie Schwangerschaftsabbrüche. Planned Parenthood USA ist Mitglied der International Planned Parenthood Federation. Dazu gehört auch die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung "Pro Familia".

Jede fünfte US-Amerikanerin nimmt im Laufe ihres Lebens Dienste von "Planned Parenthood" in Anspruch. In den ersten Jahrzehnten engagierte sich PPFA vor allem für eine Legalisierung von Verhütungsmitteln, später, in den 60er Jahren, zunehmend für eine Liberalisierung der US-Abtreibungsgesetzgebung. Abtreibungen machen rund ein Zehntel der Aktivitäten der 1921 gegründeten US-Organisation aus.

Staatliche Förderung, aber nicht für Abtreibung

Seit den 70er Jahren erhält "Planned Parenthood" Fördermittel der US-Regierung in Millionenhöhe; sie sind zur Finanzierung von Familienplanungsprogrammen bestimmt. Ein US-Gesetz untersagt dagegen jede öffentliche Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Vom Gesamtbudget der Organisation von rund einer Milliarde US-Dollar (870 Millionen Euro) stammt rund ein Drittel aus öffentlicher Hand.

Seit den 80er Jahren versuchen konservative US-Politiker, die staatlichen Zuschüsse für "Planned Parenthood" zu stoppen. Im Sommer 2015 wurden Vorwürfe laut, die Organisation begünstige Spätabtreibungen, um Körperteile in den Organhandel einzuspeisen.

"Planned Parenthood" räumt lediglich ein, abgetriebene Föten mit Einverständnis der Mutter gegen eine Gebühr an die Forschung zu vermitteln. Dies zu einem Geschäftszweig zu machen, würde nach US-Recht einen Straftatbestand erfüllen. Bislang vier US-Bundesstaaten haben seitdem ihre Fördermittel für die Organisation eingefroren. (KNA)

Von Thomas Spang (KNA)