Warum das Bistum Münster Ehrenamtliche stärkt, Kirche mitzugestalten

Wenn Laien die Liturgie leiten – "Ein Liebesdienst für andere"

Veröffentlicht am 02.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Münster ‐ Wie bewege ich mich angemessen im Altarraum? Wie halte ich eine Hostienschale richtig? Im Bistum Münster werden Laien dazu qualifiziert, liturgische Aufgaben und Dienste zu übernehmen. Warum es mehr Laien für die Liturgie braucht, erklärt Nicole Stockhoff im Interview mit katholisch.de.

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Es gibt weniger Priester, auch das ausgebildete pastorale Personal in der katholischen Kirche wird weniger. Das ist eine Herausforderung und gleichzeitig eine Einladung an Laien, mitzugestalten. Wie das gehen kann und warum es Ehrenamtliche für liturgische Dienste in der Kirche braucht, darüber spricht Nicole Stockhoff, die Liturgiereferentin im Bistum Münster ist. 

Frage: Frau Stockhoff, liegt es am Priestermangel, dass nun vermehrt Laien für liturgische Aufgaben in der Kirche ausgebildet werden?

Stockhoff: Die Anzahl der Priester, die der Pastoralreferenten, aber auch die der Katholiken ist rückläufig, das ist richtig. Die Kirche steht in einem massiven Transformationsprozess. Deshalb möchte ich ungern nur auf den Mangel schauen, sondern den Blick stärker auf das das richten, was möglich ist. Laien haben immer schon aufgrund ihrer Taufwürde Aufgaben in der Liturgie oder in der Gemeinde übernommen. Dieses Profil möchten wir stärken.

Frage: Für welche konkreten Dienste sollen Laien im Bistum Münster verstärkt eingesetzt werden?

Stockhoff: Schon jetzt leiten Ehrenamtliche in den Pfarreien regelmäßig Wort-Gottes-Feiern, Kommunionfeiern, gestalten Segensfeiern, Andachten sowie Gebete in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Die Spendung der Krankenkommunion oder die Begleitung von Trauerfeiern und die Übernahme von Begräbnisgottesdiensten gehören ebenfalls zu ihren Aufgaben. Für solche Feiern sollen Laien weiterhin in Kursen qualifiziert werden. Dabei nehmen wir Abschied von tradierten Formen, und gleichzeitig entwickeln sich neue gottesdienstliche Formen.

Frage: Ist es denn gut, wenn Laien zum Beispiel Begräbnisgottesdienste leiten anstelle eines jahrelang ausgebildeten Hauptamtlichen?

Stockhoff: Wir machen sehr gute Erfahrungen mit Ehrenamtlichen, die diesen liturgischen Dienst übernehmen. Um dafür theologisch und seelsorglich gut vorbereitet zu sein, besuchen die Ehrenamtlichen einen Qualifizierungskurs. Wir qualifizieren Getaufte, die diesen kirchlichen Ritus der Beisetzung übernehmen, die Angehörigen begleiten und den Verstorbenen beisetzen. Eine Begräbnisliturgie ist eine Feier der Gemeinde. Schon früher war es so, dass sich die Gemeinde berufen fühlte, sich um Kranke und Sterbende zu sorgen. Es ist ein Liebesdienst für andere. 

Frage: Dürfen Laien im Bistum Münster ähnlich wie in anderen Bistümern in Deutschland das Sakrament der Taufe spenden?

Stockhoff: Bislang gibt es bei uns im Bistum noch keinen Taufbefähigungskurs für Haupt- oder Ehrenamtliche. Wir haben bislang in den Pfarreien die Einzeltermine für Taufen, und daneben gibt es größere Tauffeste, bei denen mehreren Kindern oder Erwachsenen das Sakrament der Taufe gespendet wird. Das übernehmen bislang Priester und Diakone. Die Resonanz auf die Tauffeste ist hoch, und zugleich kommen wir mit diesen Formen der theologischen Bedeutung des Taufsakramentes nach. Also, die pastorale Situation, die es erforderlich machen könnte, gibt es nicht. Hinzu kommt, dass in unserer Diözese ein Rückgang der Taufzahlen zu verzeichnen ist. Im Jahr 2024 wurden 10.633 Taufen gemeldet, was etwas unter dem Niveau der Vorjahre liegt.

Frage: Sollen die neuen liturgischen Feier-Formen im Bistum Münster die Eucharistie ersetzen?

Stockhoff: Wir müssen uns von der Wertung lösen, dass die Eucharistie die einzige Form der liturgischen Feier ist. Sie ist wichtig und stellt die Höchstform kirchlichen Feierns dar. Gleichzeitig gibt es viele weitere gottesdienstliche Feierformen, mit denen sich die Gemeinde unter das Gebet stellt und ihren Glauben feiert. Wir wollen deshalb die eucharistische Feierkultur bewahren und gleichzeitig gottesdienstliche Formen wie die Segensfeiern oder Kommunionfeiern stärken. Dafür brauchen wir Laien. Nur so können wir eine zukunftsfähige und gemeinschaftliche Kirche abbilden. Wir werden eine verlässliche Konzentration an bestimmten Orten brauchen, an denen gottesdienstliche Feiern stattfinden. Dennoch wird es "schwarze Flecken" geben, wo uns dies nicht mehr gelingt.

Bild: ©Bistum Münster

Nicole Stockhoff ist Liturgiereferentin und leitet das Fachgebiet Liturgie und Katechese im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Münster.

Frage: Wie werden Ehrenamtliche für die liturgischen Qualifizierungskurse ausgewählt?

Stockhoff: Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgt durch die Verantwortlichen in den Pfarreien. Es handelt sich um Frauen und Männer, die Erfahrungen im Bereich der Liturgie mitbringen und Interesse an liturgischen Fragestellungen zeigen. Manche von ihnen sind schon als Lektoren oder Kommunionhelfer in ihren Pfarreien tätig und möchten sich für weitere liturgische Aufgaben qualifizieren lassen, sich vor Ort engagieren oder Verantwortung in Gottesdiensten übernehmen. Für die jeweiligen Qualifizierungskurse haben wir deshalb genau diese diözesanen Kurspläne entwickelt. All diese Qualifizierungen sind umfassende Schulungen, die unterschiedlich lang dauern. Es gibt kleinere Einheiten für Lektoren oder Kommunionhelfer und größere Kurskonzepte für die Leiterinnen und Leiter von Wort-Gottes-Feiern, Kommunionfeiern oder Beerdigungen.

Frage: Was erlernen die Leiter von Liturgien konkret in dem Qualifizierungskurs?

Stockhoff: Die Teilnehmenden üben zum Beispiel praktisch, wie man eine liturgische Feier vorbereitet, sie gestalten diese und erproben sie dann in der Gruppe. Gemeinsam wird dann ausgewertet und Feedback gegeben. Es wird über liturgische Haltungen gesprochen und über Abläufe. Also zum Beispiel wie bewege ich mich am Grab bei einer Beerdigung, wie halte ich eine Hostienschale, wie gelingt die Form der Mundkommunion oder wie vollzieht man eine Kniebeuge im Altarraum. Vor Ort in den Gemeinden werden die Ehrenamtlichen dann bei ihren Aufgaben von den Hauptamtlichen begleitet. Nach Abschluss dieser Kurse erfolgt die Bescheinigung der Teilnahme oder, wenn vorgesehen, die bischöfliche Beauftragung. Darüber hinaus wird zu Fortbildungstagen eingeladen. Mit diesen einheitlichen Rahmenbedingungen für die liturgischen Dienste haben wir einen wichtigen Schritt in Richtung Qualitätssicherung getan. Zugleich prägt immer jede und jeder Laie die Liturgie im Einzelnen und bereichert sie in der Gestaltung durch die eigene Persönlichkeit.

Frage: Sollen die für Liturgie beauftragten Laien eine bestimmte liturgische Kleidung tragen oder genügt die normale Alltagskleidung?

Stockhoff: Wir empfehlen eine weiße Mantelalbe, die an die eigene Taufwürde erinnert. Wichtig ist uns, dass der Leiter der Feier bei einem Krippenspiel oder bei einer Beerdigung als kirchlicher Vertreter erkennbar ist. Die weiße Albe soll dabei helfen, zu verdeutlichen, wer den Vorsitz in der Feier übernimmt, und es ist ein Stück weit auch ein Zeichen des Respektes vor der feiernden Gemeinde. Bei einer Rosenkranzandacht betet dagegen eine Person aus der Gemeinde vor und muss nicht extra durch liturgische Kleidung in Erscheinung treten.

Frage: Denken Sie, dass es noch mehr Dienste für die Liturgie brauchen wird, die Ehrenamtliche ausführen können?

Stockhoff: Auch in unserer Diözese wird es künftig notwendig sein, weiterführende bischöfliche Beauftragungen in den Blick zu nehmen. Papst Franziskus hat durch das Motu proprio Spiritus Domini von 2021 die Ämter des Lektors und Akolythen für alle Getauften geöffnet. Diese Dienste gibt es in manchen Diözesen schon. Das ist eine Chance für die Weltkirche und eine Reform, die noch weitergedacht werden muss. Ich ermutige hier zu einem multiperspektivischen Dialog. Es geht mir neben den theologischen Konzepten um die konkrete Umsetzung vor Ort. Jeder Getaufte ist von seiner Taufwürde her dazu gesendet, in der Kirche mitzugestalten und Dienste zu übernehmen. Wir werden in der Kirche weiterhin verlässliche Orte brauchen, wo Menschen miteinander feiern und beten können, um Kraft aus der Gemeinschaft und aus der Gegenwart Gottes zu erhalten. 

Von Madeleine Spendier