Gesellschaft, Kirche, Politik: Die Predigten der Bischöfe zu Silvester
In ihren Silvesterpredigten haben die deutschen Bischöfe sich in Rück- und Ausblicken gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Themen gewidmet. Zu einem bewussten Perspektivwechsel ermutigte der Limburger Bischof Georg Bätzing. "Fehlt es eigentlich an guten Nachrichten - oder erzählen wir zu wenig davon?", fragte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz laut einer Mitteilung des Bistums Limburg in seiner Silvesterpredigt im Frankfurter Sankt-Bartholomäus-Dom. Hoffnung entstehe dort, wo Menschen Verantwortung übernähmen und auf die Gnade Gottes vertrauten.
Viele Menschen schauten keine Nachrichten mehr - nicht aus Desinteresse, sondern weil es sie einfach zu traurig mache. Deshalb brauche es Erzählungen, die Mut machen. Unkontrollierte Mediennutzung könne insbesondere für Kinder und Jugendliche eine Gefahr darstellen. Zugleich könne Langeweile zur "Mutter der Kreativität" werden, betonte Bätzing. Es lohne sich daher, Kindern und Jugendlichen Freiräume zuzutrauen.
Hamburgs Erzbischof Stefan Heße rief dazu auf, "in dieser Zeit großer Veränderungen und Umbrüche hoffnungsvoll" zu leben. Dies sei die Aufgabe für Christinnen und Christen, sagte Heße in seiner Silvesterpredigt laut einer vorab veröffentlichten Mitteilung seines Erzbistums.
Als Wunsch für das neue Jahr formulierte der Erzbischof, dass "mehr Hoffnung als Verzweiflung existiert, dass es immer einen Überschuss an Hoffnung gibt, mehr Liebe als Hass, mehr Verzeihung als Beleidigung, ein Mehr an Verbindung als Entzweiung, in allen Zweifeln ein Plus an Glaube, in aller Dunkelheit immer ein Licht".
Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), ermutigt zu einem Perspektivwechsel.
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx übte scharfe Kritik am Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. "Was für eine Schande, was für eine Blasphemie, dass sich getaufte Christen gegenseitig umbringen", sagte er laut Mitteilung an Silvester in der Münchner Jesuitenkirche. Angesichts des Jahreswechsels warb Marx dennoch um Zuversicht: "Wir gehen in ein Jahr voller Fragezeichen, aber an der Seite Jesu." Niemand könne die Hoffnung zerstören, dass Jesus Christus am Ende das letzte Wort habe. Die Welt brauche das christliche Zeugnis: "Was immer an der Seite Jesu geschehen kann, das bringen wir als Kirche ein."
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki warnte vor einer weiteren Entchristlichung der Gesellschaft. "Das Christentum ist ein Randphänomen geworden", sagte Woelki laut vorab Manuskript. Es habe seine zivilisatorische Kraft, auf der das kulturelle und soziopolitische Gefüge Europas aufgebaut sei, fast ganz verloren. Eine rein säkulare Weltdeutung reiche jedoch nicht aus, um dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn und Halt zu entsprechen.
Säkularisierung bezeichnete der Kardinal nicht als grundsätzlich negativ. Eine maßvolle Entflechtung von Religion und öffentlichem Leben könne im Gegenteil Chancen mit sich bringen. Problematisch sei aber eine völlige Abkehr vom Glauben.
Die Hoffnung als christliche Grundhaltung braucht es laut dem Freiburger Erzbischof Stephan Burger im neuen Jahr ganz besonders. Er pochte zudem auf Solidarität mit jüdischen Gemeinden. "Wir haben eine gemeinsame Wurzel, die uns trägt und aus der Christus hervorgegangen ist", erklärte Burger laut Mitteilung des Erzbistums Freiburg in seiner Silvesterpredigt. "Gerade in dieser Zeit, in der sich manche verstärkt von antisemitischem Gedankengut beeinflussen lassen, ist unsere Solidarität mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern umso dringlicher und notwendig." Die politischen Fliehkräfte in der Gesellschaft würden immer stärker, auch etwa bezüglich Klimawandel und demografischer Entwicklung.
Der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl bezeichnete den christlichen Glauben als das beste Heilmittel gegen Egoismus, Intoleranz, Hass und Hetze. Im Jahr 2025 seien viele Dinge passiert, die Anlass zur Hoffnungslosigkeit gegeben hätten. Doch die christliche Hoffnung sei keine billige Vertröstung, weil sie ihren Ursprung in Gott habe. Es sei wichtig, den Glauben weiterzugeben, "weil er uns in einer zunehmend maßlos werdenden Welt einen Maßstab an die Hand gibt", mahnte Gössl. Dafür sei jeder einzelne Christ wichtig.
In Passau ging Bischof Stefan Oster auf die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz (KI) ein. Auch Christen könnten diese nutzen. Aber sie sollten sich nicht in Hass und Hetze hineinziehen lassen und der Illusion hingeben, "dass sich im Internet alle Bedürfnisse unseres Lebens stillen lassen". Am Ende bleibe bloße Information, aber nie Weisheit, die durch Erfahrung, Einübung von Vertrauen und Liebe entstehe. Oster zeigte sich überzeugt, dass es künftig eine der großen Aufgaben der Kirche sein werde, so etwas wie die Hüterin der unersetzbaren Kostbarkeit der menschlichen Person, der menschlichen Kreativität und vor allem des menschlichen Herzens zu sein.
Um Begriffe wie "Brandmauer" oder "Stadtbild" sei zuletzt ein Getöse entstanden, so Aachens Bischof Helmut Dieser.
Der Aachener Bischof Helmut Dieser kritisierte zum Jahreswechsel die aus seiner Sicht aufgeregten politischen Debatten in Deutschland. Um Begriffe wie "Brandmauer" oder "Stadtbild" sei zuletzt ein Getöse entstanden, während tragfähige Lösungen zunehmend schwerer fielen, so Dieser in seiner Predigt laut vorab verbreitetem Manuskript. "Die Erregungen gehen hin und her, auf und ab. Eine zielsichere Lösung der umstrittenen Themen aber fällt denen, die eine gemeinsame Mehrheit haben, immer schwerer."
Auch die Diskussionen um das sogenannte Rentenpaket bewertete der Bischof skeptisch. Wenn Alt und Jung gegeneinander ausgespielt würden, schade das dem sozialen Frieden. "Die Politik muss, so meine ich, die Jungen mehr als bisher hören und in die Mitgestaltung der Gegenwart einbeziehen", forderte Dieser.
Polarisierung und Sprachlosigkeit überwinden
Der Geistliche rief dazu auf, Polarisierung und Sprachlosigkeit zu überwinden. Die Kraft dazu könne aus dem Glauben kommen, der Menschen auch in Krisen trage. Dieser verwies auf den vom verstorbenen Papst Franziskus angestoßenen Weg zu mehr Synodalität in der Kirche. Dabei gehe es um geistliches Zuhören, freimütiges Reden und gemeinsames Entscheiden. "Wenn wir in der Kirche eine synodale Kultur gewinnen, zeigt und bewirkt sie das Gegenteil von bloßer Aufregung und Getöse, durch die noch nichts gewonnen ist."
„Angesichts der vielen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen scheint die Menschheit insgesamt in eine große Stress-Situation gekommen zu sein.“
Fuldas Bischof Michael Gerber wandte sich gegen einen Rückzug ins Private und gegen Nationalismus. "Polarisierungen in unserem Land und weltweit haben zugenommen. Wir erleben massive Prozesse der Entsolidarisierung", sagte Gerber laut Manuskript in seiner Silvesterpredigt im Fuldaer Dom. Er verwies auf den Rückgang der Entwicklungshilfe und auf das Infragestellen von internationalen Vereinbarungen und Partnerschaften.
"Angesichts der vielen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen scheint die Menschheit insgesamt in eine große Stress-Situation gekommen zu sein", sagte der Bischof. In solchen Krisensituationen entstünden leicht Abwehrreaktionen. Gerade heute sei diese Dynamik jedoch fatal, betonte Gerber: "Die großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen lassen sich heute nur aus einer globalen Perspektive lösen." Nationale Lösungen griffen zu kurz.
Der Bischof betonte, die biblischen Texte riefen zu einem Perspektivwechsel auf, um auch die Situation des Gegenübers zu bedenken. "Unser Gott ist auch der Gott der anderen Völker, unser Gott ist auch der Gott, der für die anderen Völker sorgt", so Gerber.
Zur Überwindung von Hass und Verachtung im gesellschaftlichen Dialog rief der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf auf. "Hass und Verachtung zersetzen die Seele. Schon aus Selbstliebe sollte man die zerstörerische Saat von Hass und Verachtung nicht in sich wirken lassen", sagte Kohlgraf laut Manuskript in seiner Predigt im Mainzer Dom. Ihn erfülle mit Sorge, dass in Deutschland Hassbotschaften zunähmen. Geäußert würden sie dabei keineswegs nur von Menschen, die gesellschaftlich abgehängt seien. "Vielen geht es gut, und sie leben dennoch ihren Hass und ihre Verachtung gegenüber anderen aus", kritisierte der Bischof.
Blick auf "das viele Gute und die Dankbarkeit" richten
Kohlgraf erinnerte an Kriegsbetroffene weltweit, gerade auch in den von der Weltöffentlichkeit vergessenen Krisenregionen – wie etwa in Uganda. "Jeder leidende und von Krieg und Hass bedrängte Mensch, jedes Opfer von Gewalt, Krieg, Terror und Hunger ist ein Opfer zu viel. Es sind Menschen, Ebenbilder Gottes, seine Geschöpfe, Brüder und Schwestern Jesu und unsere Geschwister." Wer als Christ an die Menschwerdung des Sohnes Gottes glaube, so der Bischof, dem könne niemand mehr gleichgültig sein.
Kohlgraf rief zum Jahreswechsel dazu auf, den Blick dennoch auf "das viele Gute und die Dankbarkeit" zu richten. "Hass und Groll will ich nicht ins neue Jahr mitnehmen, denn sie vergiften alles."
"Hass und Verachtung zersetzen die Seele. Schon aus Selbstliebe sollte man die zerstörerische Saat von Hass und Verachtung nicht in sich wirken lassen", betonte Bischof Peter Kohlgraf.
„Sich Gottes Wirken in unserer Welt und unserem Leben wieder mehr und tiefer zu öffnen, war ein großes Anliegen von Papst Franziskus.“
Osnabrücks Bischof Dominicus Meier ermutigte zu Zuversicht, Offenheit und gesellschaftlichem Engagement. Christinnen und Christen sollten sich nicht in Nostalgie oder Resignation verlieren, sondern mutig nach vorn schauen und Verantwortung für Kirche und Gesellschaft übernehmen, so Meier in seiner Silvesterpredigt laut vorab verbreitetem Redemanuskript.
Glauben nicht zur Abwertung anderer instrumentalisieren
Meier verwies auf das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr 2025, das unter dem Motto "Pilger der Hoffnung" stand. "Sich Gottes Wirken in unserer Welt und unserem Leben wieder mehr und tiefer zu öffnen, war ein großes Anliegen von Papst Franziskus."
"Pilger der Hoffnung" zeichnen sich nach Meiers Worten unter anderem dadurch aus, dass sie solidarisch handeln, Not nicht verdrängen, Extremismus ablehnen und sich für Demokratie, Freiheit und den Schutz der Schöpfung einsetzen. Christlicher Glaube dürfe nicht zur Abwertung anderer instrumentalisiert werden, betonte er. Vielmehr gehe es um Verständigung, Respekt gegenüber anderen Kulturen und Religionen sowie um den Einsatz für ein friedliches Miteinander. (stz/gho/KNA)
1.1.2026 ergänzt um die (Erz-)bischöfe Bätzing, Marx, Woelki
1.1.2026, 16 Uhr: ergänzt um die (Erz-)bischöfe Burger, Gössl, Oster
